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Blluſtrirtes Vollsblatt.— Herausgeber: Hans Wachenhuſen.
X. Jahrgang.
1867. ℳ 27.
das Me
erweib.
Erzählung von Hans Wachenhuſen.
(Fortſetzung.)
12. Ein Soldatenbrief.
m dieſelbe verhängnißvolle Stunde, in welcher Leopold vom Schlachtfeld getragen wurde, erhielt Herr Lahrſtein einen Feldpoſtbrief ſeines Sohnes.
Freudentage waren es ſtets, wenn ein ſolches Schreiben anlangte.
Lahrſtein ſaß diesmal gerade in ſeinem Comtoir. Er rechnete und fuhr ſich dabei zuweilen durch das Haar, denn was war aus dem ſonſt ſo blühenden Zuſtand ſeiner Fabrik geworden!
Indeß, er tröſtete ſich bei dieſen Berechnungen ſtets ſchnell. Hatte es doch nach den täglich einlaufenden Berichten durchaus nicht den Anſchein, als könne der Krieg ſich in die Länge ziehen.
Was er ſeinen Arbeitern einmal verſprochen, hielt er gewiſſenhaft. So viel ihrer geblieben waren, arbeiteten ſie wacker darauf los, nur wenn die Zeitungen neue und wichtige Mittheilungen vom Kriegsſchauplatze brachten, ließ er ſeine Leute von der Arbeit zuſammenrufen und las ihnen vor was es Neues gab.
Mit großer Pietät zahlte er den Familien derjenigen Arbeiter, welche im Felde ſtanden, den verheißenen Lohn; dieſe ſchränkten ſich ein, wie es Jedermann zu thun genöthigt war; Niemand brauchte hungrig zu Bette zu gehen, denn Lahr⸗ ſtein war die irdiſche Vorſehung.
Als dieſer den Feldpoſtbrief erhalten, ſchlug er ſeine Bücher zu, ſetzte die Mütze auf den Kopf und ging in ſein Wohnhaus.
Die Mutter und Eugenie wußten bereits, daß ein Brief angekommen, wenn Lahrſtein ſo außer der gewöhnlichen Zeit in den Hof trat. Eugenie ſprang ihm entgegen, Marie wurde aus der Vorrathskammer herbei gerufen und die Vorleſung begann.
Wie glücklich und freudig das Mutterherz ſchlug, wie geſpannt die Schweſter jedes Wort vernahm, wie glühend ſich die Wangen Mariens färbten, die doch ſeit Leopold's Abreiſe Alles aufgewandt, um ihn vergeſſen zu lernen!
Dieſe Briefe Leopold's, oft nur mit Blei im Bivouak geſchrieben, oft kaum lesbar wegen der Eile, in der die Zeilen hingeworfen waren, athmeten ſtets des Sohnes heitere, aus⸗ gelaſſene Laune. Das war immer derſelbe Leopold, der hier zu Hauſe ſeinen Uebermuth getrieben und dem ſelbſt alle die
Jedes Wort haftete unvergeßlich in Marien's Seele; ſie hätte den Inhalt jedes Briefes von Leopold herſagen können, ſo unverlöſchlich grub ſich Alles ihrem Gedächtniß ein.
Sie ſah ihn vor ſich, gerade ſo wie er abgereiſt war, in der ſchönen neuen Uniform, mit dem fürchterlichen Säbel, das Bild eines jugendlichen Kriegers.
Hätte Marie ihn ſehen können! Wo war die herrliche, blanke Uniform, was war aus dem ſo ſorgfältig und eitel gepflegten Lockenkopf geworden, was aus der jugendlich friſchen Geſichtsfarbe und dem keck aufgeſtutzten Schnurrbärtchen! Regen und Staub, der Schmuz der feuchten Lager und der Schweiß der täglichen Märſche hatten den ganzen ſtutzerhaften Firniß hinweg geſchwemmt, und von dem früheren Leopold war nichts zurückgeblieben als ein Feldſoldat, dem der Spiegel ein längſt vergeſſener Luxus geworden.
Und hätte ſie ihn endlich jetzt geſehen, in dem Augen⸗ blick, wo ſie ſeine heiteren Zeilen vorleſen hörte, wie der Arzt kopfſchüttelnd ſich von ſeinem Lager wandte und derſelbe lebensfrohe Jüngling ein Opfer ſeiner Soldatenpflicht dalag, bleich, vielleicht todt ſchon, während der Mutter noch das Herz vor Stolz und Freude pochte.
Gewiß, kein Schlummer wäre mehr in Mariens Auge gekommen, und die Nächte waren doch ohnehin ſchon kummer⸗ voll genug durch die ſchwierigen Operationen, die das Mädchen mit ihrem Herzen unternahm; denn wenn Leopold zurückkehrte, mußte dieſe Liebe mit Stumpf und Stiel aus demſelben aus⸗ gerottet ſein.
Am nächſten Tage kam die Nachricht von der Schlacht bei Königgrätz oder bei Sadowa, denn in der Armee ſelbſt wußte Keiner, mit welchem Namen er den heißen Tag in ſeinen Tagebüchern verzeichnen ſolle.
In die allgemeine Siegesfreude miſchte ſich bei der Famklie Lahrſtein ahnungsvolle Bangigkeit. Niemand wagte meht zu lachen, denn auch Leopold's Regiment war im Kampfe geweſen.
Dieſes Bangen wuchs von Stunde zu Stunde. Das Herz der Mutter hielt oft plötzlich in ſeinen Schlägen inne, ſie mußte einen Angſtlaut ausſtoßen, um ſich Luft zu ver⸗ ſchaffen, wenn der Gedanke ſie überfiel, daß Leopold zu den ſchweren Opfern gehören könne, mit welchen der Sieg erkauft worden.
Heiße, inbrünſtige Gebete ſtiegen aus dem Mutterherzen
Strapazen dieſes Feldlebens nicht den Humor rauben konnten. Wachenhuſzgs Hausfreund. X. 9.
zu Gott auf. Ihre Wangen, ihre Augen ſanken ein; ſie 53
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