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zwar alles Mögliche, den Jüngling durch allerlei Ränke und böſe Gerüchte bei dem Meiſter anzuſchwärzen, allein der Greis liebte den talentvollen Jüngling zu ſehr, um ihn auf eine bloße Anklage von Seiten des beleidigten Simon zu ver— dammen, zudem er ſchon ahnte, daß dieſer Schüler einſt ſeinen Meiſter überflügeln werde.
Selbſt auf die Anſpielungen, die Simon auf das vertrau⸗ liche Verhältniß Benda's und Judith's, auf die Gefahr, die daraus für ſeine Tochter erwachſen könne, erwiderte Löbl nichts. In ſeiner ſchlichten, patriarchaliſchen Meinung war er zu ſehr von der Gefügigkeit ſeines Kindes erfüllt, vertraute zu ſehr auf ihre Feſtigkeit an den Glauben ihrer Väter und der Geſetze in Iſrael.
Eine Eiſenbahn im Schnee.
Freilich, hätte er ſehen können, er hätte anders ge⸗ urtheilt.
Indeſſen bewachte Simon aufmerkſam jeden Schritt und Tritt Judith's; wie ein böſer Dämon heftete er ſich an ihre Ferſen. Wenn ſie am ſicherſten ſich vor ihm wähnte, ſtand er plötzlich da wie ihr böſes Verhängniß. Die Liebenden konnten vor ihm auch nicht einer einzigen ungeſtörten Zu— ſammenkunft ſich erfreuen. Ueberall drängte er ſich zwiſchen ſie. Hierdurch brachte er es ſo weit, daß Judith, die ihn vorher mit Gleichmuth und Kälte behandelt, nun anfing ihn aus tiefſter Seele zu haſſen und ihn zu fliehen.
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Die Nacht verhüllte mit ihren Schatten die Gegend, der blaſſe Mond trat leiſe aus den Wolken und blickte ſchwer⸗ müthig in das Fenſter eines kleinen Häuschens, an dem die
ſchöne Judith ſtand, das liebliche Köpfchen auf die zarte Hand ſtützend.
Dahin war der Frohſinn des fröhlichen Mädchens; ver⸗ ſchwunden waren die Roſen ihrer Wangen, bleich ſtand ſie da, und Thräne um Thräne rollte unter den ſeidenen Wimpern hervor und ſchimmerte wie die Thau⸗Perlen auf der Blüte im Silberſtrahl des Mondes.
Unbeweglich lehnte ſie am Fenſter, ihren Kummer der ſtillen Nacht nicht bergend. Vor kurzer Zeit noch war ſie ſo glücklich. Auf goldenen Flügeln der erwiderten und ver— ſtandenen Liebe flog die Zeit faſt unbemerkt an ihr vorüber.
Wie ſchön dünkte ihr damals der Himmel, wie entzückte ſie der Wald, der Geſang der Vögel und das Rauſchen des
klaren Bächleins, an dem ſie in traulicher Einſamkeit mit dem Geliebten ſaß, ſeinen Worten, ſeinen feurigen Schwüren lauſchend. Hier war es, wo Judith, in das Antlitz des Jünglings ſchauend, ſeinen Belehrungen und Erzählungen horchend, gar oft Vergleiche zwiſchen den Gebräuchen ihres und ſeines Glaubens anſtellte, wo ſie anfing zu begreifen, daß es auch außer den Geſetzen ihrer Väter noch andere Ge— ſetze der Liebe und Tugend gebe, die ein Menſchenherz be⸗ glücken, tröſten und beruhigen konnten; wo es ihr langſam klar wurde, datz ſie durch ein Liebesbündniß mit Benda den erſten abtrünnigen Schritt vom Glauben ihrer Väter gethan. Wie glücklich war ſie in ſeiner Nähe, wie unausſprechlich ſelig in ſeiner Umarmung, und doch wie ſchwer laſtete auf ihr der Gedanke, daß ſie ihren Glauben abſchwören mußte, ehe ſie ganz dem Geliebten angehören konnte!
Noch nie hatte ſie ſo recht eigentlich darüber nachgedacht wie jetzt; ſie hätte ſich ganz ohye Sinnen und Ueberlegen dem Zauber der Liebe hingeben, hätte nicht das Erſcheinen


