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Simon's ſie aus ihren Träumen aufgeſcheucht. Dringend
und dringender wurden ſeine Bewerbungen bei ihr, unaus—
geſetzter und einflußreicher ſeine Beſtrebungen zur Erfüllung ſeines heißeſten Wunſches bei Löbl.
Durch beharrliche Schilderung der Neigung Judith's zu Benda, durch lebhafte Vorſtellungen, was daraus erwachſen könnte, wenn man die jungen Leute ungeſtört laſſe, brachte er den Alten auch endlich dahin, daß er in ſeinem Vertrauen zu Benda anſing zu ſchwanken und entſchiedener gegen Judith auftrat. Er ließ es nicht an eindringlichen Ermahnungen fehlen und ſetzte unabwendbar die Zeit feſt, wo ſie endlich Simon's Weib werden müſſe. Er befahl ihr, ſich gänzlich von Benda zurückzuziehen und jeden vertraulichen Verkehr mit ihm aufzugeben, obwol er noch fern davon war zu vermuthen, daß ſeine Tochter einen Chriſten lieben und ihrem Glauben abtrünnig werden könne.
So ſtand ſie jetzt da, alle dieſe Bilder gaukelten an ihrer Seele vorbei; heftig kämpfte ſie zwiſchen Liebe und Pflicht, ein Opfer der Hoffnung und Furcht zugleich!
Im Kämmerchen nebenan ſchlummerte der Vater, an dem ihr Herz ſo innig hing, von dem ſie ſich durch die Liebe zu Benda auf ewig losſagen ſollte, auf den ſie ſo ſchweres Leid und arge Sorgen heraufzubeſchwören im Begriffe war; und doch, konnte ſie Simon's Gattin werden, ohne daß dabei ihr eigen Herz auf ewig brach? Konnte ſie das Weib eines Mannes werden, für den keine einzige freundliche Stimme in ihrem Innern ſprach, den ſie haßte und fürchtete, den ſie voll Abſcheu wie eine giftige Natter floh?
Wohl wußte ſie, daß ſie durch dieſe Liebe zu Benda ſtrafbar nach den Geſetzen ihres Glaubens, daß ſie eine un— würdige Tochter ihres Vaters wurde. Doch konnte ſie dem Herzen gebieten, nicht ſo laut, ſo innig den Geliebten ent— gegenzuſchlagen, konnte ſie dem Gefühle fluchen, daß ſie ſo unendlich beglückte!—
Da rauſchte es in den Zweigen. Judith erbebte, ſie erblickte im zitternden Lichte der matten Himmelsleuchte die Umriſſe der ſchlanken Geſtalt eines Mannes. Das unge⸗ duldige Pochen ihres Herzens ſagte ihr wohl, wer es ſei. Benda war es wirklich, der Geliebte, der ſchon ſeit einigen Tagen nicht ein einziges vertrauliches Wörtchen mit Judith ge⸗ ſprochen hatte, nicht einen einzigen unbewachten Blick mit ihr austauſchte, denn überall trat Simon wie ein böſer Geiſt zwiſchen ihn und die Geliebte. Er konnte nicht mehr wider— ſtehen, vielleicht im Schutze der Nacht durch leiſes Klopfen ans Fenſterlein ihrer Kammer ſie aus dem Schlafe zur heim— lichen Unterredung zu locken.
Es zog ihn gewaltſam, er konnte nicht ruhen, er mußte mit ihr reden, denn gar wohl hatte er ihre bleichen Wangen, ihre rigen Blicke und ihr geſenktes Köpfchen bemerkt. Er wollte nach der Urſache ihres Grames forſchen und denſelben mit ihr theilen.
Als er die ſchöne Geſtalt am Fenſter erblickte, flog er mit klopfenden Herzen zu ihr hin und wollte ſie an ſeine Bruſt preſſen. Doch wie erſtaunte er, als er in ihr von Thränen übergoſſenes Angeſicht blickte.
„Was iſt dir, theure Judith, was ſollen dieſe Thränen?“ fragte er, ſanft ihr Köpſchen zu ſich emporhebend und die Perlen des Schmerzes von ihren Wangen küſſend.„Hat dir Simon ein Leid angethan?“
Judith ſchluchzte und zögerte mit der Antwort, als aber Benda immer ernſter in ſie drang, erzählte ſie ihm, wie wirk⸗ lich der verhaßte Simon ihren Vater beſtürmt habe, wie dieſer endlich ſeinem Drängen nachgegeben und die Zeit, wo ſie des verhaßten Menſchen Gattin werden ſollte, bereits feſtgeſetzt habe.
Benda erſchrak. Eine Weile blickte er voll unendlicher Zärtlichkeit und Hingebung das theuere Mädchen an; dann aber plötzlich ſich ſammelnd, ſtreichelte er beſänftigend ihr dunkles Haar und ſprach mit feſter Entſchloſſenheit und männ— lichem Ernſt auf dem Antlitz:
411„—
Kein Augen⸗ Jetzt gilt es, deine Liebe zu mir
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„Es wird Zeit, hohe Zeit zum Handeln! blick iſt mehr zu verlieren. zu beweiſen und dich ſtandhaft zu zeigen
Und er beugte ſich nieder auf ſein Knie vor Judith, ſchaute ihr ins thränenfeuchte, angſtbeklommene Angeſicht und rief begeiſtert voll der reinſten und zärtlichſten Liebe:
„Judith, liebſt du mich?“
Sie lächelte trübe und küßte klärte Stirn.
„Liebſt du mich mehr als Alles Alles, was dir heilig und theuer iſt?“
Judith ſchwieg und legte ihr Haupt an ſeine Bruſt,
„Theures Mädchen, biſt du bereit zu jedem Opfer, liebſt du mich mehr als deinen Vater?“
Judith's Herz klopfte laut. Schmerz und Wonne zu⸗ gleich bewegten es bis in die innerſten Tiefen. Dort der Vater, dem ſie von Kindheit anhing, und hier Derjenige, dem ſie bis zum Grabe angehören wollte. Doch der Kampf dauerte nur einen Augenblick. Die Macht, welche der Schöpfer in die Bruſt des Weibes gelegt zu Gunſten des Mannes, ihre Opferfähigkeit, ihre Hingebung an Denjenigen, für den ihr
ſeine vom Mondſchein ver⸗
auf der Welt, als
ganzes Sein geſchaffen zu ſein ſcheint, entſchied. Judith ſchlang ihre beiden Armee um Benda und flüſterte:„Dein
bin ich, dein auf ewig!)“
„So laß uns handeln! Löſe die Bande, welche dich an dein Volk feſſeln, entſage dem Glauben deiner Väter und werde Chriſtin, um vor dem Altare, vor der ganzen Welt mein Weib werden zu können! Meine Liebe wird dir Erſatz werden für Alles, was du geopfert! Entſchließe dich end⸗ lich zu dem, was ich ſo lange ſchon ſehnlich wünſche, was uns allein noch im Wege liegt, um auf ewig uns angehören zu können. Denn ſo bald du Chriſtin biſt, hören alle Rechte Simon's auf, kannſt du nicht mehr ſein Weib werden. Auf die Schätze deines Vaters verzichte ich!“
Judith zitterte, noch immer ſprach ſie die Entſcheidung nicht.
„Judith, Judith! du ſchweigſt, jetzt da ich Alles vorbe⸗ reitet, da ich für die Zukunft ſo gute Ausſichten habe, uns Beide zu verſorgen, wo der Lehrer nur deiner harrt, um dich jenem Glauben zuzuführen, durch den du einzig nur mein Weib werden kannſt; nun es gilt zu handeln, nun zögerſt du, willſt mich verlaſſen?“
„Nein, nein, das kann ich nicht!“ hauchte endlich be⸗ klommen, tief erregt Judith.
„Nun denn, ſo werde Chriſtin, werde mein! Ein ehr⸗ würdiger Vater, ein Lehrer und Prieſter unſerer Religion, hat mir verſprochen, dich zu unterrichten und im Stillen zur Aufnahme in unſre Gemeinde vorzubereiten. Doch dies muß ein Geheimniß bleiben, wie unſre Liebe, die erſt am Tage, wo du die heilige Taufe erhälſt, bekannt werden ſoll. Nur eine kurze Zeit noch halte aus und entſchließe dich!“
Judith drückte die Hände auf ihr Herz, als wollte ſie den Sturm beſänftigen. Vor ihren Augen ſtand das Bild ihres alten verlaſſenen Vaters; ſie ſah ſeinen Jammer, ſeine Verzweiflung; allein im Hintergrunde trat die Erſcheinung des verhaßten Simon mit ſeinem widerwärtigen Drängen hervor.
Noch ein Seufzer, noch eine Thräne, und es war ent⸗ ſchieden. Judith ſollte nicht mehr Löbl's Tochter, nicht mehr Simon's Braut, nicht mehr Jehovahs Gläubige, ſondern die Gattin eines Chriſten werden.
„Nimm mich hin“, ſtammelte ſie!„Für dich will ich ſelbſt den Tod eher ertragen, als von dir ſcheiden!“
Lange ruhte ſie an ſeiner Bruſt. fühle dieſer beiden reinen Herzen, die im Uebermaß der Wonne ſtumm ſich eines in das andere verſenkten.
(Schluß folgt.)
. Worte der
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Heilig waren die Ge⸗
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