Jahrgang 
1867
Seite
412
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ſtrafend Jeden erreicht, der Urſache an dem Unglücke ſeines Nächſten iſt?

Vater, ich bin unſchuldig, ſchluchz te Judith.

iſt zu ungeſtüm, ſo habe ich ihn noch nie geſehen! Löbl ſchüttelte unz zufrieden das greiſe Haupt.

Das iſt das heiße Blut des aufbrauſenden Mannes, ſprach er;das wird ſich legen, wenn er nur erſt Gatte und Familienvater ſein wird. Gott verhüte nur, daß ihm etwas geſchehen! Geht, ſprach er, zu ſeinen Leuten ſich wendend, und ſehet nach, wie es mit ihm ſteht. Du, Judith, fuhr er ſich zu dieſer wendend fort,bleibe bei mir, damit etwa auch dir nicht etwas Unangenehmes begegne!

Die Muſikanten kamen zurück und brachten Löbl die Nachricht, daß Simon unfähig ſei zurückzukehren und zu ſpielen. Löbl war darüber ſehr erſchrocken; er hatte nicht geahnt, daß man Simon ſo arg zugerichtet.Wer wird nun ſeinen Platz am heutigen Abend ausfüllen, ſprach er beſorgt. Während dem ſtrömten die Burſchen, die an Simon ihren Zorn gekühlt hatten, wieder luſtig herein und riefen nun heiterer als früher den Muſikanten zu:Spielt weiter!%

Das geht nicht ohne die zweite Violine! erwiderte ſanft aber doch beſtimmt der blinde Löbl, zugleich ſeiner Bande bedeutend, die Inſtrumente einzupacken.Spielen, ſpielen, rief es von allen Seiten. Abermals erhitzten ſich die Gemüther und ſtürmten auf Löhl ein.

Wir können nicht! erwiderte Löbl und ſeine Augen brauen zuckten zuſammen zum Zeichen, das ihn das ungeſtüme Begehren bereits zum Zorne reize.

Dann ſchlagen wir Euere Inſtrumente in Trümmer, tobten die Stürmenden. Alle ferneren Vorſtellungen Löbl's, daß er ohne Simon nicht ſpielen könne, waren vergebens. Die Stimmung der aufgebrachten Burſchen wurde immer ge reizter und drohender, an ein Nachgeben war nicht zu denken.

Löbl wußte keinen Rath, keinen Ausweg, um die Tobenden zu beſchwichtigen, die näher und näher heranrückten. Judith ſchmiegte ſich feſt an ihren Vater, um ihn mit ihrem ſchwachen Arm zu ſchützen, denn er war ja alt und gebrech⸗ i, blind und daher unfähig, ſich zu vertheidigen.

Eben wollte der Haufen lärmend ſich über die Inſtrumente

Simon

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hermachen, da ſprang Benda raſch heran, faßte die Geige,

ſtrich feſt mit dem Bogen darüber und rief:Auf Löbl, wir werden ſpielen!

Löbl horchte anfangs überraſcht, beſann ſich aber nicht lange und ergriff auch ſeinen Bogen.Nun denn, wir wer⸗ den ſpielen% ſpräch auch er, als er eine zweite Violine hörte, dem Drange des Augenblickes nachgebend, und in einigen Minuten lockten die Weiſen eines beliebten böhmiſchen National tntes ie Jugend in den Kreis.

Sturm war beſchwichtigt, dem Begehren der Lärmen den Verwundert über das Benehmen des jungen Benda verſtummten die Zunächſtſtehenden; jedoch ihre Ueber⸗ raſchung wich bald dem Eindrucke der muntern Klänge, und Einer nach dem Anderen beeilte ſich, eine Tänzerin nach ſeinem Geſchmack aufzuſuchen.

Benda, der bisher nur Dilettant im Geigenſpiele ge Pen zeigte doch ſo viel Gewandtheit darin, Löbl erſtaunte.

Das Spiel ging ganz gut von ſtatten; Benda konnte ſehr gut aushelfen. Sein feuriges Spiel, und ſeine Taktfeſtigkeit ließen den Alten in ihm ein ungewöhnliches Talent ver⸗ muthen.

Nach jedem Stückchen unterhielt ſich Benda mit dem blinden Muſikführer und tröſtete ihn ſo gut er konnte über Simon's Unfall, da er immer wieder von Neuem zu klagen anfing, wer nun deſſen Platz ausfüllen werde. Sie ſprachen über Muſik, und Benda, der nach und nach immer mehr die Kenntniſſe des Alten kennen lernte, wurde in ſeinem Vor haben, bei ihm Unterricht zu nehmen, immer feſter. Er ent⸗ ſchloß ſich daher, Löbl noch vor dem Auseinandergehen ſeinen Wunſch mitzutheilen.

Der blinde Muſiker, der in dem Jüngling viel Liebe und Eifer zur Kunſt entdeckte und ſein raſches Dazwiſchen⸗

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treten bei dem Unfall am Abende nicht vergeſſen konnte willigte gern in ſein Begehren.

Als am Morgen die Muſikanten, ſchon bei Sonnenſchein das Wirthshaus verließen, ging Benda mit ihnen ſchon als ein anerkanntes Mitglied.

RE

Einige Monate waren ſeit dem verhängnißvollen Abend verfloſſen. Simon lag längere Zeit ans Krankenlager ge⸗ feſſelt, denn die erhaltenen Wunden waren ſehr bedenklich. Hin und her an ſeinem Körper gab es Wunden, die bei der Aufgeregtheit ſeines Gemüthes nur langſam heilen wollten. Sein ungünſtiger Seelenzuſtand und ein ſehr bösartiges Fieber waren Urſache, daß er länger darnieder lag, als es ſonſt bei ruhigerer Stimmung der Fall geweſen wäre.

Judith vernachläſſigte ihn; ſie dachte nicht daran, daß ſie eigentlich Urſache ſeines Zuſtandes war; zudem hatte ſich ihr ein neues Leben erſchloſſen, eine neue Zukunft, neue Pläne und Hoffnungen beſchäftigten ihr Herz. Neue Sorgen beſtürmten ihr Gemüth, wenn ſie daran dachte, wie es wohl werden werde, wenn Simon mit ſeinen Anſprüchen an ſie her⸗ antrete, Simon, den ſie ſeit dem Vorfall im Wirthshauſe in Neu⸗Benatek nicht leiden mochte, deſſen Bild die ange⸗ nehmſten Augenblicke ihrer Gegenwart verdüſterte, deſſen lichkeit und niedriger Charakter erſt ſo recht eigentlich ſeit jenem Abend ihr klar geworden.

Der Erſatzmann in ihres Vaters Bande wurde ihr immer werther, ohne daß ihr argloſer Vater eine Ahnung davon hatte. Selbſt der Alte ſchien ſeit dem unangenehmen Auftritt nicht mehr ſo gern von ſeinem Liebling Simon zu ſprechen, ſein Vertrauen zu ihm ſchien nicht mehr ſo tief zu wurzeln, er gleich gegen Niemanden ſich varüber äußerte. Erwähnte Jemand des kranken zweiten Geigers, da wurde ſein Auge immer düſter, die Stirn zog ſich in Falten, er ſprach von anderen Gegenſtänden. Dafür wurde die Zu⸗ neigung zu Benda von Tag zu Tag merkbarer, der Fleiß und das außergewöhnliche Talent des ſtrebſamen Schülers, ſein edles Benehmen dem Greiſe gegenüber zogen ihn an.

Benda ſeinerſeits machte unter der Leitung des blinden Meiſters große Fortſchritte. Stundenlang faß er oft neben ihm ſpielend und ſeine Unterweiſungen pünktlich befolgend.

Herrlich floßen ihm ſo die Tage, zwiſchen der Kunſt und dem Umgange mit der ſchönen Tochter Löbl's getheilt.

Die Macht des damals ſo mächtigen Vorurtheiles kämpfte zwar im Anfange gegen die Allgewalt der wachſenden Ge⸗ fühle zu einer Jüdin, doch vergebens war ſein Ringen. Er nahm ſich oft ernſtlich vor, den Funken zu erſticken, bevor er noch zur Flamme wurde; aber dieſer Kampf währte nicht lange, bald war er durch die Anmuth der lieblichen Judith ganz überwunden und gab ſich nun mit noch größerer Innig⸗ keit ſeiner erſten jugendlichen Liebe hin.

So auch Judith. War ihr die Erinnerung an Simon unangenehm und ſchreckte ſie vor ſeinem Wiedererſcheinen im Innerſten zurück, ſo war ihr die Gegenwart Benda's um ſo theurer. Immer mehr und mehr neigte ſie ſich zu ihm hin, nicht vor den Gefahren und Hinderniſſen erbebend, die ſich ihrer Liebe in den Weg ſtellten.

So entſtand zwiſchen Franz Benda und Judith ein Ver⸗ hältniß, das von Tag zu Tag feſter wurde, geſtaltete ſich ein Liebesbündniß, daß keine Opfer zu ſcheuen und keine

Drangſale zu fürchten ſchien, ein Bund, der ſelbſt den Wider⸗ wůrtigiei des Schickſals die Stirne bot.

Da erſchien plötzlich der gefürchtete Simon und nahm wie früher ſeinen Platz unter den Muſikanten in Löbl's Bande ein.

War ihm Benda ſchon beim erſten Zuſammentreffen ver⸗ haßt, ſo war er es ihm nun um ſo mehr, da er das Einver⸗ nehmen Judith's mit dem jungen Chriſten alſobald durchblickte. Er mußte auf Löbl's Geheiß noch immer die zweite Violine ſpielen, während Benda die erſte einnahm, was ſeine Wuth gegen Benda noch mehr ſteigerte. Der Rachſüchtige v