— All„—
Indith-
Marie.
Eine Künſtlernovelle von A. Melis⸗-Körſchner.
(Fortſetzung.)
Solche Augenblicke waren für Simon die ſchrecklichſten, während Judith leicht und munter wie ein frohes Kind dem Vergnügen ſich hingab. Auch jetzt ahnte ſie nicht, mit welchem leidenſchaftlichen und boshaften Ausdruck ſeine Blicke an ihr hafteten. Sie kümmerte ſich nicht um die Zukunft, es fiel ihr auch nicht ein, nach dem ihr vom Vater verlobten Bräutigam zu ſehen. Wußte doch ihr Herz noch gar nichts von den Leiden einer von Eiferſucht geplagten Seele, hatte ſie ja doch keine Ahnung, was die Liebe ſei!
Bisher hatte Benda noch nicht daran gedacht, ſich in den Kreis der Tanzenden zu mengen. Er war kein beſonderer Liebhaber dieſer ermüdenden Unterhaltung. Seit er aber die ſchöne Judith geſehen, zog es ihn mit Gewalt zu ihr hin. Der Tanz war ihm ein ſehr erwünſchter Vorwand, ſich ihr zu nähern. Er folgte jeder ihrer Bewegungen mit immer zu— nehmendem Intereſſe, und als ſie eben aufhörte zu walzen, eilte er zu ihr, um ſie zum Tanze aufzufordern. Wohlgefällig blickte das Mädchen zu ihm auf, der ſanfte Blick ſeines ſeelen— vollen Auges drang tief in ihr Innerſtes, und gleich beim erſten Zuſammentreffen war der Eindruck, den er auf ihr Herz machte, entſchieden günſtig.
Als Benda ſeinen Arm um ihre ſchlanke Geſtalt legte, fühlte auch er ſein Herz heftiger ſchlagen und ein ſüßes Gefühl durchzuckte ſeine Seele. Tiefer Purpur übergoß jedes Mal ſeine Wangen, wenn das Mädchen während des Tanzes ihn anblickte.
Von jetzt ab kam Judith in die Hand keines andern Tänzers mehr. Ihm war ſo wohl an ihrer Seite, und ſie fand ſo viel Gefallen an ſeiner Unterhaltung! Es war Beiden, als hätten ſie ſich ſchon lange gekannt, als ſeien ſich ihre Seelen ſchon einmal begegnet. Judith gab ſich ohne Zurück⸗ haltung ihren Gefühlen hin, ſie merkten Beide nicht, daß ihr auffallendes Benehmen, das Wohlgefallen, welches ſie an einander fanden, bereits von den übrigen Anweſenden beob— achtet worden und hin und wieder Anlaß zu Bemerkungen gab; ſie ſahen nicht, wie ein Augenpaar tief im Hintergrunde aus der Ecke, wo die Muſiker ſaßen, jeder ihrer Beweguugen folgte. So lange Simon fand, daß Judith Keinem den Vor— zug gab, ſo lange kam ſeine Leidenſchaft nicht zum Ausbruch, jetzt aber war er ſeiner ſelbſt nicht mehr mächtig.
Speben war ein Tanz zu Ende. Judith eilte in den Kreis der Mädchen. Benda trat vor die Muſikanten hin, und indem er einige Münzen vor ſie auf das Brett warf, rief er:„Spielt auf, Solo! Ich tanze mit der Schönſten!“
Simon erbleichte, um ihn wirbelte Alles im Kreiſe; ſchon wollte er auf Benda losſtürzen, doch da ertönten Löbl's feſte und ſichere Striche über die Geige; dies brachte den heftig erregten und von Eiferſucht gepeinigten Simon wieder zur Faſſung. Mechaniſch griff er nach der Geige und einen ver⸗ ächtlichen Blick dem nichtsahnenden Solotänzer zuſchleudernd, fiel er im Takte ein.
Feſt ſchlang Benda ſeinen Arm um Judith, innig und inniger ſchmiegte ſich dieſe an ihn, und dahin flog das junge Paar. Die Zuſchauer blickten wohlgefällig auf ſie und unwill⸗ kürlich entrang ſich da und dort der Ausruf;„Wie ſchade, daß ſie eine Jüdin iſt!“
Jetzt flogen ſie an der Muſik vorüber, die Wangen glühten, die Augen glänzten; mit welcher Wonne blickte ſie ihn an! Und für Simon, für den, der nach einem einzigen Blick von ihr ſeufzte und ſchmachtete, für ihn hatte ſie keinen Gedanken, kein Wort, keinen einzigen Wink! Er mußte ſpielen, damit ein Anderer mit ihr tanzen könne. Ihm war es noch nicht ein einziges Mal gegönnt, ſie in ſeinen Armen zu hal⸗ ten, ein einziges freundliches Lächeln zu erhaſchen. Jetzt
tanzte ſie unausgeſetzt mit einem Jüngling, den ſie kaum nz mit einem Chriſten, den ſie mit ihrer Gunſt über⸗
häufte und mit ihrem reizendſten Lächeln beglückte! Simon knirſchte mit den Zähnen und ſeine Augen ſchleuderten Blitze. Kanm wußte er noch, was er ſpielte; bald verſagte ihm ein Ton, bald griff er falſch; ſeine Bruſt war gepreßt, die Hände zitterten, um die Augen flirrte es. Er kam aus dem Takte, ſo daß Löbl anfing unruhig zu werden und zornig zuſammen⸗ zuckte, denn dieſer konnte ſich nicht erklären, was vorging, und was den ſonſt eiſenfeſten Simon zum Schwanken brachte. Benda jedoch und ſeine Tänzerin ahnten von dem Allen nichts. Leicht flogen ſie dahin, ſo daß ſie kaum mehr den Boden zu berühren ſchienen.
Doch was war das plötzlich? Die Muſik wurde ſo ver⸗ worren, der Takt ſo ungleich, ſo unſicher, das Ganze wurde ſo ein Chaos, daß es nicht mehr möglich war, weiter zu tanzen.
Umſonſt ſchlug Löbl den Takt und ſtrich wie raſend auf ſeiner Violine, umſonſt nickte er zornig mit dem Kopfe und ſchrie:
„Was thuſt du, Simon? Biſt du von Sinnen, oder haſt du dich betrunken?“
Doch Simon hörte und ſah nichts mehr. Weit warf er die Geige weg, daß ſie tönend zu Boden fiel, und wie ein gereizter Löwe ſtand er mit einem Satze vor dem tanzenden Paar.
„Keinen Schritt weiter!“ donnerte er ihnen außer ſich entgegen und verſperrte ihnen den Weg mit ſeinen Armen.
Benda, der von Simon's Liebe zu Judith keine Ahnung hatte, war nicht wenig betroffen über dieſe Kühnheit. Eine dunkle Röthe übergoß ſeine Wangen, die Stirnadern ſchwollen ihm und mit Entrüſtung rief er:
„Fort, oder du ſollſt es büßen!“ dabei zog er Judith an ſich und ſchleuderte den Ruheſtörer mit kräftigem Wm
weit von ſich.
Simon taumelte zurück, aber blitzſchnell raffte er ſich zu— ſammen und aufs Aeußerſte getrieben riß er das zitternde Mädchen aus den Armen Benda's und ſchrie wild und drohend:„Fort von hier, unwürdige Tochter deines Vaters! Weg von dem elenden Chriſten, damit ich den frechen Buben nicht zermalme!“
Bei dieſen Worten erhob er den Arm gegen Benda und ſein wüthender Fauſtſchlag würde dieſen gewiß getroffen haben, wenn nicht einige Burſchen ſich zwiſchen ſie geworfen hätten. Simon riß ſich wie raſend von den Wehrenden los und ſchlug den ihm zunächſt Stehenden ſo heftig ins Geſicht, daß ihm das Blut aus Mund und Naſe hervorquoll.
Das war ein Zeichen zum allgemeinen Tumult. Von allen Seiten fiel man über ihn her. Unzählbare Fäuſte er⸗ hoben ſich gegen den Ruheſtörer und nach kurzem Kampfe lag Simon überwunden, von derben Schlägen überſäet und keiner Bewegung fähig, vor der Thüre des Wirthshauſes.
„Was geht hier vor? Was machſt du, Simon? Gerechter Gott!“ jammerte der blinde Greis, welcher aus dem Tumult die wüthende Stimme Simons unterſchied und ſich das, was vorging, nicht erklären konnte.
Als es endlich wieder ruhiger wurde und die anderen Muſikanten ihm den Zuſammenhang und die Urſache des Auftrittes auseinanderſetzten, befahl er, daß man augenblick⸗ lich Judith zu ihm führe. Dieſes Befehles aber bedurfte es nicht. Benda, der an der Rauferei keinen Antheil genommen, weil die Anderen die Sache ſo ſchnell zu Ende brachten, führte die blaſſe und an allen Gliedern zitternde Tochter dem greiſen Vater zu.
„Judith, Judith, meine Tochter“, jammerte dieſer, als das Mädchen ſich zärtlich an ihn ſchmiegte,„warum haſt du
mir das angethan? Weißt du nicht, daß der Arm Jehovah's


