Hand, wie unausſprechlich groß die Verluſte an Feld⸗ und Wieſenfrüchten ſein müſſen, wenn man eine ſolche officielle Abſchätzung auf ganz Deutſchland ausdehnt.
Zieht man hierbei auch die Mäuſe in Betracht, ſo iſt es t zu bewundern, daß es manchmal noch eine Ernte gibt. Die Denkſchrift erinnert an das Jahr 1856, in welchem die Mäuſe bekanntlich in ganz außerordentlicher Anzahl erſchienen, ſo daß z. B. in der Provinz Sachſen auf Feldern Loch bei Loch war, deren jedes ſeinen lebenden
Bewohner hatte. Zu jener Zeit erlitt z. B. der Kreis Mer⸗ ſeburg pro Morgen einen Verluſt von 2 ½ bis 3 Thalern, bei ſeinen 200,000 Morgen folglich einen Geſammtverluſt von ½ Million. Dabei war aber noch nicht einmal der indirecte Schaden berechnet, nämlich noch nicht der Verluſt an Bodenreichthum durch die zerſtörten Kleeculturen, das verlorene Stroh, die Beſchädigung und Verſpätung der Herbſt⸗ anſaaten und die hieraus entſtehende Verringerung der nach— folgenden Ernte. Schätzt man dieſen Verluſt nur auf die gleiche Summe, ſo kann man ſich nicht wundern, daß ein einziger Gutsbeſitzer zwiſchen Elbe und Saale ſeinen Verluſt allein an Getreide auf 15,000 Thaler veranſchlagte und der Totalverluſt der ganzen Provinz Sachſen auf mehrere Millio— nen ſich belief.
Die Denkſchrift erinnert ferner an die Verluſte, welche der Obſtbau in ſolchen böſen Jahren zu tragen hat. In höher gelegenen Gegenden mit ſpätem Frühjahr iſt es na⸗ mentlich die Raupe des Froſtſpanners(Acidalia brumata), welche hier unermeßlichen Schaden anrichtet, indem ſie ſich nach dem Ausſchlüpfen aus dem Eie, durch ihre Kinſit begünſtigt, ſofort in die aufbrechenden Blütenknospen ein⸗ bohrt und hier um ſo ärger wüthet, je maſſenhafter ſie auf⸗ tritt. Unter anderen Gegenden erlitt z. B. die Umgegend von Kirchheim allein an der Kirſchenernte in 27 Gemeinden einen Schaden von 97,000 Thalern.
Auch der Forſten wird gedacht. Ich hebe unter den zahlreichen hier und anderwärts mitgetheilten Beiſpielen nur eines hervor, welches im Jahre 1861 vom Oberforſtmeiſter von Pannewitz in der Verſammlung zu Schwerin mitge— theilt wurde. In Litthauen kam vor einigen Jahren von der ruſſiſchen Grenze her eine wahre Wolke von Nonnen⸗ Schmetterlingen, welche im eigentlichſten Sinne des Wortes die Sonne verfinſterte. Alle Gebände, Scheunen und was einen Anhalt bot, waren davon wie mit Schnee bedeckt.
Die nun folgende Verwüſtung an den Fichten ging in's Un— geheure und verſtärkte ſich von Jahr zu Jahr. Als eine Verminderung des Inſektes eintrat, kam der Borkenkäfer in derſelben Menge, und dieſer war noch ſchwerer zu vertilgen, weil er nicht äußerlich auftritt. Beide Inſekten verwüſteten in der Zeit ihrer Exiſtenz 484 Millionen Cubikfuß an Reiſig, Derb⸗ und Stockholz. Die hiervon verkäuflich geweſene Maſſe betrug zwar 126 Mill. Cubikfuß, mußte jedoch zu Spottpreiſen verkauft werden, und deren Werth beerte ſich nochmals da⸗ durch, daß bei der dünngeſäeten en ein dreifach geſteigerter Arbeitslohn gezahlt werden mußte; 1 ½ Mill. Cubikfuß waren gar nicht zu verwerthen und mußten ver⸗ faulen, die kahl gefreſſene Maſſe betrug etwa 1 ½ Millionen Morgen.
Sind nun, fragt die Denkſchrift, dieſe Verluſte, oder vielmehr: iſt das Uebermaß dieſer Verluſte abwendbar? Und wenn letzteres: auf welchem Wege? Es iſt ſelbſtverſtändlich, daß der Menſch bei ſolchen Calamitäten die Hände nicht in den Schvoß legen wird. Er thut folglich, was er kann, um ſich von den eulturfeindlichen Heerſchaaren der Inſekten,
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Allein, alles das iſt gleichſam nur ein Schlag in's Waſſer; die Flut ſpaltet ſich nur, um im nächſten Augenbl licke wieder zuſammenzuſchlagen. Es iſt, wie zur Zeit einer Epidemie; wenn ſie einmal ausgebrochen, helfen alle Vorſichtsmaßregeln wenig; die Seuche geht ihren ruhigen Gang mit erſchütternder Glei chmäßigkeit weiter, bis ſie ſich ausgetobt hat. Kein Verſtändiger aber bezweifelt, daß es gekommen ſein würde, ſobald man die Vorſichts⸗ maßregeln früher getroffen hätte. Man muß eben, wie bei allen Krankheiten, ihre Entſtehung zu verhüten ſuchen. Genau ſo im betreffenden Falle. Die Natur ſelbſt weiſt uns hier auf den richtigen Weg. Um z. B. auf die oben beſprochene Heimſuchung der Provinz Sachſen durch im Jahre 1856 zurückzukommen, zeigte es ſich nach d von B nin daß zu dieſer Zeit in der Gegend zwiſchen Elbe und Saale e ſich Zah hlreiche Feinde der Mäuſe einſtellten: Wieſel, Hermelin, Iltis, Buſſard Weihe, Eulen, unter letztern ſelbſt die ſe 50 Jahren nicht nehe oder doch nur höchſt ſelten beobachtete Sumpf⸗ Ohreule, u. A. Dieſe Raub⸗ brüteten zeitiger und wieder rholt, legten mehr Eier, und dieſe(wie ſich das z. B. an der Wieſenweihe zeigte), faſt doppelt ſo groß als ſonſt. Die Sumpf-Ohreule hatte Ge⸗ lege von 8— 10 Eiern, und zwar bis in den Juli hinein. Im folgenden Jahre waren Brand- und Zwergmäuſe ver⸗ ſchwunden, mit ihnen auch die Ohreulen; alle übrigen Mäuſe⸗ feinde waren auf ihr ehemaliges vormaliges Verhältniß wieder e Das kann offenbar nichts Anderes heißen, als daß der Menſch es nicht war, der ſich dieſer ſeiner Cul— turfeinde entledigte, ſo viel und herz zhaft er auch damals mit Arſenikpillen und andern Giften zu Werke ging.
Was aber hat der Menſch gethan, um dieſe ſeine Na⸗ turhülfe ſich zu erhalten? Betrachten wir nochmals den Buſſard. Nach Gloger verbraucht ein ſolcher jührüch minde⸗ ſtens 6000 Mäuſe zu ſeiner Nahrung, ſo daß er täglich nur 16 verſpeiſen darf, um dieſe Summe herbeizuführen. Die Thatſache iſt längſt bekannt, und doch ereignete es ſich, daß man im Frühlinge 1855 in der nächſten Umgebung einer deutſchen Stadt, auf einem Flächenraume von nur 4 Quadratmeilen, beinahe 400 Buſſarde geſchoſſen hatte. Das will ſagen, daß man ſich 400 d 6000 Mäuſe, alſo beinahe dritthalb Millionen, heranzog. Im Jahre 1856 zeigte ſich auch dieſes Reſultat in einem maſſenhaften Auftreten der Feldmäuſe und damit einer maſſenhaften Zerſtörung der Feld— früchte. Ein anderes Beiſpiel! Am Anfange dieſes Jahr⸗ hunderts kamen in der Umgegend von Hanau einige tauſend Eichen durch Froſt um, mit ihnen aber ganze Schaaren von Flverſ welche ſich in die hohlen Bäume geflüchtet hatten. Die Folge davon war eine raſche Zunahme der für Menſchen und Thiere ſo gefährlichen Proceſſionsraupe. Bis dahin waren deren Schmetterlinge von den Fledermäuſen weg⸗ Rieeii worden. Jetzt nahmen dieſe aber in ſolchem Umfange zu, daß in den folgenden Jahren zunächſt alle Eichen und nach ihnen eine Menge andrer Bäume in meilenweiter Um— gegend verheert wurden.“
Es iſt wirklich faſt unnütz, bei folchen Thatſachen noch mehr Beiſpiele heranzuziehen. Jedes neue beſtätigt nur den daß ein maſſenhaftes Eingreifen in die Harmonie des ob es vom Menſchen oder von der Natur ſelbſt geſchehe, dieſe empfindlich ſtört und ſofort ſeine Folgen in dem Hervortreten von andern Elementen äußert, die, weil ſie eben maſſenhaft auftreten, nun auch dem Völkerhaushalte feindlich gegenüberſtehen. Es liegt folglich klar auf der Hand, worin die radicalen Rettungmittel be— ſtehen werden und müſſen. Ueber ſie im nächſten Artikel.
Mäuſe u. ſ. w. zu befreien.
Satz,
Naturhaushaltes, gleichviel,
den Beobachtungen


