„Der wird wol nicht wieder ſeinen hannöverſchen und welſiſchen Schmerzensſchrei ertönen laſſen!“
„Es iſt wohlfeil ſpotten über den Schwachen, der den Muth ſeiner Meinung zeigt, mein lieber Eiſenbahn⸗Bauunter⸗ nehmer! Ich weiß nicht, weshalb ſich ſo Viele vergnügt die Hände rieben, daß Herrn von Münchhauſen Jupiters Blitz traf. Der Mann iſt mir lieber als mancher Andere, der heute Alles, was er iſt, damit entſchuldigt, daß er von der Wucht der Thatſachen ſich ſeine Ueberzeugung habe aufdrücken laſſen.“
„Zeigen Sie mir doch Herrn Braun aus Wiesbaden— ich finde ihn nicht“, unterbrach mich mein alter Frankfurter Bekannter, der einſt nur mit den Radikalen der Paulskirche ſeinen Schoppen trinken mochte.
„Der Naſſauer Advocat, der von uns annexirt worden iſt, theilt ſich wahrſcheinlich eben den Lorbeerkranz mit ſeinem Freund Miquèl. Ich ſeh' ihn wenigſtens nicht auf ſeinem Platze. Nun, er iſt ganz Miqusl, wenn er nicht eben ganz Braun ſein wollte. Dieſe alten Helden des Nationalvereins, die jetzt die preußiſche Kokarde erhalten haben, ſind hier die Großoffiziere der national liberalen Fraction geworden, welche erſtens wünſchten, die neue Reichsverfaſſung möchte conſtitu— tionelleren Geiſtes, zweitens aber ſie annehmen wollen, wie ſie auch iſt. Und warum auch nicht? Selbſt der ſelige Lord Palmerſton ſagte, eine Verfaſſung iſt beſſer wie gar keine! Aber ſchaun's, mein Lieber, da kommt der Herr Braun, ein vortrefflicher Redner fürwahr, der viel an Löwe errinnert, den letzten Präſidenten des erſten Parlaments, der hier noch kein Plätzchen erhalten konnte. Ein beſtechender Reiz des Schönen und Harmoniſchen, des Friſchen und Natürlichen liegt in Braun's Reden, und dazu der gut genährte Mann mit dem breiten Rücken, kurzen Hals, ſtarken Kopf mit hoch⸗ ſtehendem dunklem Haar, eine gebogene Naſe dazu, die wohl— gefällig zwiſchen zwei fette Backen hineinragt. Graf Bis— marck hat ihm auch herzlich die Hand geſchüttelt, als er ſeine „Pauke“ für den Norddeutſchen Bund gehalten. Graf Bis— marck iſt ein dankbarer Staatsmann, der viel liebenswürdiger und entgegenkommender zu den praktiſch gewordenen Liberalen iſt, als die ſich denken konnten.“
„Ich weiß nicht“, ſagte der Eiſenbahn⸗Bauunternehmer, „ob Sie immer ironiſch ſprechen oder nicht?“
„Diftcile est, satiram non scribere!“ murmelte ich.
„Wie meinen Sie?“ fragte er.
„Ich meine, Herr Braun, der ein Advocat iſt, ſpickt gern ſeine Reden mit lateiniſchen Citaten— eine alte, veraltete Manier, imponiren zu wollen. Das iſt der einzige Fehler in ſeinen norddeutſchen Lobreden. Uebrigens ſpricht er jetzt mit einem alten Frankfurter Bekannten, dem Göttinger Pro⸗ feſſor Zachariae, der ſich als guter Welfenfreund auch nicht träumen ließ, einmal hier in Berlin als annexirter Preuße mitzurathen. Wiſſen Sie noch, 1849 in Frankfurt gehörte er viel zu den Ausſchüſſen und referirte auch einmal über den Antrag, daß die preußiſche Krone ſich mit einem Miniſterium umgebe, welches das Vertrauen des Landes beſitze und die Beſorgniſſe vor Reaction beſeitige. Das zielte damals auf Brandenburg⸗Manteuffel.“
„Hören Sie mal, wo ſitzen denn die Sachſen? Kennen Sie davon Einige?“
„Etwas, mein Verehrter. Es gibt zweierlei Sachſen, ſehen Sie: gute Sachſen und beſſere Sachſen. Das Beſſere iſt des Guten Feind— darum ſitzen die Einen links und die Anderen rechts. Man hätte denken ſollen, die Sachſen würden recht bös hier auftreten— aber ſie ſind die beſten
Menſchen von der Welt, und Keiner, der nach der Taufe à la Münchhauſen Verlangen gezeigt hätte.“
„So werden die Bockbeinigen Alle vernünftig werden. Bismarck hat ganz Recht— in Jahr und Tag ſind ſie Alle zufrieden, die jetzt aus Verdrießlichkeit knurren. Wer iſt denn eigentlich aus Sachſen hier?“
„Nun, dort ſehen Sie vielleicht ein Ihnen noch bekanntes Geſicht aus der Paulskirche her— neben Tweſten. Dieſer Mann iſt Dr. Schaffrath, ein Studiengenoſſe Tweſten“s, einer der Linken des erſten deutſchen Parlaments, ein wackerer Streiter, der in Folge der Dresdner MaiEreigniſſe nach der Schweiz flüchtete, ſpäter aber unbehelligt zurückkehrte. Die Jahre haben ihn auch mitgenommen; aber noch immer iſt er der ſcharfe Denker und wird die Reichsverfaſſung ſich gewiß mit den ungetrübten Augen eines Volksmannes anſehen. Jetzt neigt er ſich zum Profeſſor Wigard hinüber, einem praktiſchen Arzt, der ebenfalls ſchon Mitglied des Frankfurter Parlaments war und bis auf den letzten Mann in Stuttgart aushielt. Süddeutſches Demokratenblut rollt in ſeinen Adern;„ich bin nicht partikulariſtiſch“, ſagte er bei der Generaldebatte;„ich bin ein Deutſcher, kein Sachſe. Ich wünſche aber, daß die Landesvertretungen möglichſt wenig an ihren Verfaſſungen verlieren.“— Dann Dr. Minckwitz, Advocat aus Dresden, ein mittlerer Vierziger, der ſeiner Zeit Mitglied des Vorparla⸗ ments war. Im Jahre 1849 in die Mai⸗Revolution ver⸗ flochten, ſaß er faſt ein Jahr lang in Unterſuchungshaft, um endlich zu wenigen Wochen Gefängniß verurtheilt zu werden, die durch die Unterſuchungshaft als verbüßt angeſehen wur⸗ den. In Folge dieſer Unterſuchung ging er— es lebe die Juriſterei!— ſeiner Advocatur verluſtig, wurde aber ſpäter wieder zugelaſſen. Entſchieden freiſinnig iſt er nach Berlin ge— kommen und wahrſcheinlich kehrt er auch ſo wieder nachHauſe.— Und nun noch einen„beſſeren“ Sachſen, der jetzt gerade vor der Rednertribüne ſteht Herr v. Zehmen, Kammerherr und Regierungsrath außer Dienſten, Beſitzer der Rittergüter Stambitz und Graupig, Mitglied der Erſten Kammer der reactviirten Ständeverſammlung ſeines Vaterlandes, Ariſtokrat in der junkerlichſten Bedeutung des Wortes— aber auch gezähmt. Denn er will zwar nicht, daß ſich Sachſen ſelbſt entleibe, aber er will die Verfaſſung des Norddeutſchen Bun⸗ des, weil ſonſt am Ende noch etwas Schlimmeres kommt.“
„O, Sie unterhielten mich wirklich recht parlamentariſch — ich danke Ihnen; aber, verzeihen Sie, ehe die Sitzung geſchloſſen wird— und Herr Simſon wird wieder recht choleriſch, ich kenne dieſes Symptom noch von Frankfurt her — dieſe Uniformen dort auf der Rechten ſind die der preu⸗ ßiſchen Generäle, nicht wahr?“
„Ja, freilich, und es iſt gut, daß die braven Krieger auch einmal auf dieſem Schlachtfeld ſich bewegen. Reden werden Sie wol nicht viel, es ſind Männer der That; aber ſie hören deſto mehr. Dieſer blaue, etwas ſtarke Huſar an der Ecke dort, mit dem blühenden, noch jugendlichen Geſicht, der iſt Friedrich Karl, Prinz von Preußen; vorn auf der erſten Bank der dürre, ſchlichte Herr mit dem glatten Geſicht, auf dem die Gedanken ihre Linien gezogen, iſt General Moltke, und neben ihm, der General im Barte, iſt Vogelv. Falken⸗ ſtein. Steinmetz, der Sieger von Nachod und Skalitz, Sie ſehen ihm trotz der Silberhaare den Eiſenkopf an. Und dieſe elegante, glatte Erſcheinung in Uniform iſt der nachträglich gewählte General Herwarth v. Bittenfeld, Chef der Elb⸗ armee.“
Die Sitzung wurde nun geſchloſſen— ſie war keine oratoriſche. Mein Freund fragte, ob wir nicht des Nächſten zuſammen einer anderen Reichstagsſitzung beiwohnen wollten, und ſeufzend ſagte ich zu. 3


