Jahrgang 
1867
Seite
406
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man ſchon der Zeit Rechnung tragen, Freund, und ſich ohne Ideen als praktiſcher Menſch behelfen. Es wird ja ſchon für uns geſorgt werden!

Der Galgenhumor war meinem alten Freund ganz un⸗ verſtändlich. Der war ſeit Jahren Eiſenbahn⸗Bauunternehmer und gewohnt, mitThatſachen zu rechnen; deshalb war er nach Berlin gekommen, nur um ſich den Reichtstag anzuſehen, von dem er ſo gut wie gar nichts kannte.

Sie kennen wol viele von dieſen Herren da unten? fragte er mich, und dann ſetzte er für ſich ſelbſtbefriedigt hinzu:Mein Gott, wie viel Glatzen!

Die letztere Bemerkung als eine harmloſe Anſpielung überhörend, antwortete ich ihm:

Per distance, v ja! Es iſt eine vornehme Geſellſchaft hier verſammelt, lieber Herr Eiſenbahn⸗Bauunternehmer, Prinzen, Fürſten, Herzöge, Grafen, Barone, Landräthe, Guts⸗ beſitzer.

Das Reich iſt alſo gut vertreten? erwiderte er.Sagen Sie mir, Verehrter, der dort am Anfang der halbrunden Bank auf der Eſtrade iſt gewiß Herr von Bismarck?

Graf v. Bismarck, ja wol, Generalmajor, Miniſter präſident, Miniſter für Lauenburg, Präſident der ſämmtlichen Bundescommiſſarien, die Sie dort auf den zwei halbrunden Bänken zu beiden Seiten des Präſidenten ziemlich zahlreich anweſend ſehen. Der Schöpfer dieſes Ganzen, dieſes Nord⸗ deutſchen Bundes, dieſer norddeutſchen Verfaffung, dieſes norddeutſchen Reichstags ein Mann, wohl gekannt in der Welt, der berühmteſte Europas zur Zeit. Ja, mein Beſter, wäre es anders gekommen in Böhmen, dann würde er viel leicht geſteinigt worden ſein. Aber Thatſachen beweiſen er hat Recht gehabt, und ſie müſſen Alle jetzt ſtill ſein.

Freilich, freilich er hat's verſtanden! Er iſt doch ein außerordentlicher Mann!

Leſen Sie ſeine Reden, die er im Parlament gehalten, und denken Sie an ſeine Thaten, da haben Sie Seele und Leib unſres Bismarck. Der Mannkrempelt Alles um. Zum Glück für uns wird ihn ſich, wie Herrn von Beuſt, kein anderer Staat annectiren. Seitdem er annectirt hat, iſt der Spielraum für ſein Genie groß genug in ſeinem Vater lande.

Nun iſt er doch der populärſte Mann in Preußen ge worden, bemerkte der Eiſenbahn Bauunternehmer triumphirend.

Er hat uns alle im Sack, ja wohl aber kennen Sie denn den ſtattlichen Herren neben ihm mit dem energiſchen

Geſicht, dem ſcharzen Bart?

Iſt's nicht ein General?

Nein, es iſt der Wirkliche Geheimerath von Savigny, die rechte Hand Bismarck's und daher auch Bundeskanzler in sbe. Graf Bismarck hat ihn von allen preußiſchen Diplo maten am liebſten und am meiſten begünſtigt; er muß alſo ganz ſein Mann ſein.

Iſt er ein Sohn des berühmten Savigny?

Der berühmte Sohn des Staatsrechtslehrers und Staatsminiſters, ja wohl. Er war früher Geſandter in Dresden, in Brüſſel und kam 1864 als Bundestags-Ge⸗ ſandter nach Frankfurt a. M., erkoren, den deutſchen Bund zu ſprengen. Sehen Sie ſich einmal den Herrn an und ſtellen Sie ſich vor, welche Geſichter die lieben Bundestags⸗Geſandten machten, als er kurz und bündig am 14. Juni vorigen Jahres erklärte, Preußen bedanke ſich für den deutſchen Bund, und dann die Verdutzten ſtehen ließ. Vier Wochen ſpäter war Alles zu Ende, es gab keinen Bundestag mehr! Aber wir haben jetzt einen norddeutſchen Reichstag iſt das etwa nichts?

Mein Freund lächelte und fixirte dabei den Präſidenten, der eben die Klingel gebrauchte.

Das iſt ja Simſon! rief er aus.Er iſt doch älter geworden ſeit ſeiner Präſidentſchaft in der Paulskirche! Den Bart hat er auch verloren!

Er iſt älterliberal geworden; ſein Haar grau.

Daß Simſon nun über den Reichstag Bismarck's ge⸗ kommen! Merkwürdige Geſchichte doch ſeit 1848!

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Mein Freund, ich bitte, rechnen Sie nur mit Thatſachen und verlieren Sie ſich in keine graue Theorie. Wenn Simſon grau geworden iſt, ſo doch, wie Alle, auch ein praktiſcher Politiker. Und nun denken Sie ſich, wenn dies ſelbſt den alt liberalen Doctrinärs paſſirt! Wie geht Speiſe aus von dem Starken und von dem Freſſer Süßigkeit? Vom todten Löwen und dem Honig wird man im Winter am Ofen erzählen.

Ich verſtehe Sie nicht.

Ich auch nicht laſſen Sie nur den Reichstag erſt wieder zu Hauſe ſein, dann verſtehen wir vielleicht Alles beſſer! Ich will Ihnen aber gleich den erſten Vicepräſidenten zeigen, dort, jenen ſchlanken Cavalier mit dem geiſtreichen Geſicht, einen Magnaten⸗Schnurbart darin, mit einem lichten Kopf von dunklem Haar umrahmt. Es iſt der Herzog von Ujeſt, Fürſt von Hohenlohe⸗Hehringen, würtembergiſcher General à la suite, ein Mediatiſirter, der in Schwaben, Thüringen und Oberſchleſien Standesherrſchaften und große Majorats⸗ güter beſitzt, welche letzteren der König von Preußen bei ſeiner Krönung 1861 zum Herzogthum von Ujeſt erhob. Er iſt auch Mitglied des preußiſchen Herrenhauſes, conſervativliberal oder liberal⸗conſervativ, jedenfalls ein Mann von Witz und Talent, was Sie ſchon daraus ermeſſen können, daß er während der Sitzungen im Herrenhauſe ſich gern damit beſchäftigt, die Redner auf der Tribüne abzuzeichnen.

Der zweite Vicepräſident iſt ja wohl Bennigſen? Wo iſt der zu finden, wiſſen Sie es?

Immer in der Mitten, Beſter, au juste milieu, das iſt in ſolchen politiſchen Kriſen allemal das Beſte. Da kann man dem Linken nicht gerade ſagen, er ſei rechts gegangen, und er hat, wenn's wieder umſchlägt und das Opponiren dankbar iſt, den Rückzug nach dem alten Heerde offen. Ach, mein Beſter, wir haben jetzt mit einmal ſo viel Staatsmänner, und von den Volksmännern der letzten ſechs Jahren verliert einer nach dem andern was ſoll ich ſagen? ſein Volk. Rudolf von Bennigſen, der Präſident des Nationalvereins dort jener ſchlanke, blonde Herr mit dem Geſicht eines Legationsſecretärs er iſt ein guter hannöverſcher Preuße geworden, und mit ihm iſt faſt das ganze Nationalvereins⸗ Comité annexirt.

Schadet denn dies etwas? fragte der alte Freund verwundert.Der Nationalverein hat ja die preußiſche Spitze als Programm aufgeſtellt gehabt. Warum ſoll er denn jetzt die Pickelhaube nicht als Scheffel benutzen, um ſein Licht darunter zu ſtellen?

O ja, ja Sie haben ganz Recht; zwar nicht ganz, aber doch beinahe, nur à propos, glauben Sie gar nicht, daß Bennigſen ſein Licht unter den Scheffel ſtellt; er läßt es ordentlich leuchten! Nur etwas ſonderlich weht's Einen an, wenn man die gefeierten Volkstribunen von ſonſt jetzt ſo miniſteriell vergnügt ſieht.

Freundchen, das ſind praktiſche Politiker, laſſen ſie gut ſein! Die Rede Miqusl's war doch ausgezeichnet, und der gehörte auch zu den Hannoveranern und zu den alten Kampf hähnen des Nationalvereins.

O! Miquel!

Nun ja, ziehen Sie nicht ein ſo ſaures Geſicht! Ich habe ſeine Rede nur geleſen aber welche Begeiſterung, welche Vernünftigkeit zugleich! Wie hübſch iſt das Bild von der Station an der Mainlinie, wo nur Kohlen und Waſſer eingenommen werden!

Freilich, Miquel rutſcht als Conducteur mit! Schade, daß die Hannoveraner nicht Alle ſo denken!

Das muß bis zum 1. October Alles beſorgt werden, hat ja Graf Bismarck erklärt.

Aber Herrn v. Münchhauſen wird er wol nicht be⸗ kehren, ebenſo wenig deſſen Collegen v. Windhorſt und v. Erxleben, dies Kleeblatt welfentreuer Miniſter weiland Georg's V. dort, dieſe Drei, ſehen Sie wol? Dies ſind ſie. Jener ältere, würdige Herr mit dem kahlen Haupt und dem gefalteten, ſauberen, höheren Beamten⸗ oder Geheimerathsge⸗ ſicht es iſt der arme, ſo ſchwer von Bismarck niederge⸗ donnerte Herr von Münchhauſen!