Jahrgang 
1867
Seite
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zu verſchließen, welche überall um ſie her aus den Feldern aufſtiegen. Viel Dankgebete wurden von den Einzelnen gen Himmel geſandt, aber Jeder dachte nur an ſein eigen Heil.

Und wie hier auf den Feldern, die ſich langſam zum Strom hinab ſenkten, ſo war's auch jenſeits deſſelben, und doch weit troſtloſer noch!

Zu Tauſenden hatte die Elbe heute ihre Opfer ver ſchlungen, die ſich in ſinnloſer Flucht in den Fluß warfen, um den Tod der Gefangenſchaft vorzuziehen oder ſchwimmend das jenſeitige Ufer zu erreichen, denn die über den Strom führenden Brücken waren nicht im Stande geweſen, alle die Fliehenden aufzunehmen.

Zahllos waren die Leichen, welche der Fluß hinwegtrug und an das Ufer ſpühlte. Herzzerreißend aber war das Gewimmer der Verwundeten, welche ſich bis vor die Wälle der Feſtung Königgrätz geſchleppt und hier vergeblich um Ein⸗ laß und Hülfe flehten, nachdem der Commandant bereits gegen Abend den Fliehenden das Thor geöffnet und die Stadt mit Flüchtigen, die Lazarethe, die Häuſer mit Ver⸗ wundeten überfüllt hatte.

Die Nacht noch fand dieſe Beklagenswerthen vor den Wällen und linderte ihre Schmerzen durch Bewußtloſigkeit der Entkräftung; ja der Morgen noch fand ſie, jammernd zum Leben zurückgekehrt, oder bleich und ſtarr, erlöſt für immer von ihrer Qual.

Muß es denn Schlachten geben, muß denn die Generation, welche die Humanität als ihr oberſtes Geſetz betrachtet, die Generation, welche das Kind die chriſtliche Liebe lehrt, um es als Mann die Inſtincte der Hyäne üben zu laſſen, muß ſie ſich zerfleiſchen um hoher civiliſatoriſcher Miſſionen willen, und was heißt noch das Geſetzbuch des Friedens, dictirt von den Principien des Chriſtenthums, wenn der Krieg alljährlich daſſelbe zuſchlägt und anſtatt der weiſen Richterſprüche der Ruhe, der Ordnung und der Geſittung ſeine Kanonen ihre eiſernen Eingeweide in die Glieder der Völker ſpeien läßt?

Muß es denn Krieg und Schlachten geben, und um welch höherer Aufgaben willen geſchehen ſie, als um einen Schlagbaum, einen Grenzpfahl, der hier geſtanden, je nach der Entſcheidung des Kriegsglücks um ſo viel Meilen weiter zu ſetzen?

Wie oft habe ich mich ſo gefragt, wenn ich, ſobald der Donner der Geſchütze ſchwieg, ein Schlachtfeld durchritt, und wie viele Schlachtfelder ſah ich während der kurzen Spanne Zeit von zehn Jahren auf welche die Civiliſation ihrer geiſtigen Fortſchritte wegen ſo ſtolz herabblickt!

Ihr, die ihr daheim beim Frühſtück, vielleicht erſchüttert, in den Zeitungen, die Berichte aus dieſen Feldzügen laſet und wohl mitleidig klagtet um alle die armen Menſchenleben, die da hingeopfert wurden: Ihr laſet eben nichts als einen todten Bericht, in welchem die Zahlen der Opfer beweiſen, wer der Sieger und wer der Beſiegte iſt; einen Bericht, wie ihr von dem Inhalt eines Trauerſpiel leſet, der nichts iſt gegen die erſchütternde Wirkung der Acte!

Aber ſeht nur die ſchauderhafte Vernichtung des heutigen Maſchinenkampfes, und dann fragt Euch: was eine unſterb⸗ liche Seele werth iſt! Seht all dieſen herzzerreißenden Jammer, den die Bahren auf die Verbandplätze ſchleppen; wie Eiſen, Blei und Stahl das Meiſterwerk Gottes zerfleiſchen! Dann fragt: muß es denn Schlachten geben? Und die Ant⸗ wort wird eine niederſchmetternde Anklage gegen die ſo ge⸗ prieſene, von Geſetz und Autorität gepflegte Humanität des Jahrhunderts ſein.

Die Maſchine iſt's, die den Geiſt tödtet, die Maſchine, die das Brot ſtiehlt, die Maſchine endlich, die das Leben ſelbſt zerfleiſcht! Wie bei der Arbeit des Friedens, überbietet ſie auch im Kriege die Kraft des Menſchenarms; wie ſie ihn im Frieden langſam zum Hungertode ſchleppt, ſo ſchmettert ſie ihn hier nieder mit ihrer eiſernen, furchtbaren Giganten⸗ gewalt!

Wir ſahen die beiden Füſiliere blutend zuſammenbrechen, während die Kameraden ihren Siegeslauf fortſetzten.

Der Kampf um das Dorf entbrannte aufs heftigſte. Jeder Zaun ward eine Bruſtwehr, jedes Fenſter eine Ver⸗ ſchanzung. Man ſchlug ſich in den Höfen, in den Häuſern, und ſo Mancher that hier noch ſeinen letzten Seufzer.

Das Dorf war indeß um 3 Uhr genommen, und vor wärts ging's gegen die linke Flanke des Feindes, wieder in ein heftiges Granatfeuer, welches das Gefecht abermals zum Stehen brachte, bis eine neue Brigade herangezogen wurde, der Gegner ſich zurückzog und die Flucht eine allgemeine ward.

Unter den Offizieren, welche das Bataillon verloren hatte, war auch Leopold. Schon im Eingange des Dorfes hatte ihn eine Kugel an der Stirn getroffen, welche ihn zu Boden ſtreckte. Während die Seinigen ſiegreich das Schlacht⸗ feld angeſichts der zu ihren Füßen liegenden Feſtung König⸗ grätz behaupteten, lag er unter den Verwundeten, welche nach Nechanitz geſchafft wurden.

Treu blieb ihm ſein Burſche zur Seite und ſorgte für die behutſamſte Beförderung ſeines unglückliches Herrn, in⸗ mitten der Verwirrung, welche die Herſchaffung der Verwun⸗ deten in dem kleinen Ort verurſachten.

Leopold's Siegestraum war zu Ende.

Einer der Glücklichen, denen eine ſchleunige ärztliche Hülfe zu Theil ward, lag er am Abend mit bleichem, blutleerem Antlitz in einem verlaſſenen Bauernhauſe, das zum Lazareth umgeſchaffen worden. Seine Schmerzen waren ſo heftig, daß ſie ihm Stunden lang die Beſinnung geraubt. Er erwachte, um immer wieder in dieſelbe Bewußtloſigkeit zu verſinken, bis ihn wieder der Schmerz faſt zum Wahnſinn brachte.

Die Aerzte hatten den ſorgfältigſten Verband angelegt. Die Kugel hatte die Hirnſchale verletzt, doch hoffte man, daß kein Splitter die Sache verſchlimmern werde, obgleich ſein Delirium das Schlimmſte erwarten ließ.

(Fortſetzung folgt.)

Reichstags viſiten.

Von Schmidt⸗Weißenfels.

Auch im Theater ſieht man oft alte, ſeit langen Jahren aus dem Geſicht entſchwundene Bekannte wieder; warum nicht im norddeutſchen Reichstags⸗Saal? In der Loge fand ich einen älteren, dicken Herrn als ſolch einen Zufall wieder und er mich. Wir freuten uns Beide recht ſehr und ſetzten uns zuſammen. In Frankfurt a. M., damals freie deutſche Reichs⸗ ſtadt, hatten wirtolle Wochen imtollen Jahr 1848 ver⸗ lebt und zuſammen die Paulskirche beſucht, wo das erſte deutſche Parlament tagte, und denGrünen Baum am Mainufer, wo die Urgermanen Taback rauchten und Schoppen

tranken, wo der liebeReichskanarienvogel Rößler mit gelbem

Haar und goldrothem Bart die holde ſchenkende Hebe ſo oft im Namen des einigen Vaterlandes umarmte! Ach, aber wozu dieſe ſentimentalen Erinnerungen, alter Freund! Wir ſind, das wiſſen Sie doch, nüchterne Denker und praktiſche Politiker geworden ja, ja, Beſter,zum Teufel iſt der Spiritus, das Phlegma iſt geblieben! Was helfen uns die

ſchönen Ideen? Jeder Secundaner ſagt uns heute, daß wir

damit keinen Hund vom Ofen locken, und Niemand will auch etwas von ſolchenkrittelnden Theoretikern hören. Da muß