nöch gewannen die Preußen Schritt vor Schritt das Terrain, bis endlich der Kolben die Entſcheidung bringen ſollte.
Unerſchrocken, ſeinen Leuten ein heldenmüthiges Beiſpiel, ſtund Leopold im dichteſten Feuer. Die Projectile flogen über ſie hinweg oder ſchlugen platzend an ihrer Seite ein. Schritt für Schritt näherte ſich die Compagnie der feindlichen Stellung.
Plötzlich wurde dieſelbe vorgezogen und mit einer andern auf einige feindliche Geſchütze dirigirt, welche aufs thätigſte bedient waren und ein raſtloſes Feuer unterhielten.
Die dieſe Geſchütze deckende Infanterie empfing die Preußen mit wohlgezielten Salven. So manche der Bravſten ſanken und deckten den Platz mit ihren Leichen. Die Kugeln flogen herüber und hinüber. Merkbare Verwüſtung richtete jedoch auch das preußiſche Gewehr unter der etwas unvor⸗ ſichtig kämpfenden öſterreichiſchen Infanterie an.
Da hieß es: zum Sturm! Mit geſchwungenem Säbel drangen die Offiziere vor. Ein fürchterlicher Knäuel ent⸗ wickelte ſich dicker Pulverrauch hüllte die Kämpfenden ein.
Die Schanze ward genommen. Jubelnd ſtand Leopold auf der Höhe, während der Kampf ſich in das Dorf hinein zog und um jedes Haus geſtritten wurde.
Schröder, der wackere Füſilier, war bereits am Arm ver⸗ wundet, hatte jedoch das Blut geſtillt, indem einer der Kameraden ihm den Arm mit dem Taſchentuch umwinden mußte.
Die Hitze des Kampfes ließ ihm keine Zeit, an die Wunde zu denken, denn ſo lange der Arm die Kraft beſitzt, die Muskete zu führen, ſchmerzt keine Wunde im Gefecht.
Zudem war ſeine Aufmerkſamkeit in verdoppeltem Grade beanſprucht.
Pentz erſchien ihm ſeit dem geſtrigen Abend wie ein böſer Dämon; ſein ganzes Weſen hatte etwas Unheim⸗ liches. Kein Wort war über ſeine Lippen gekommen, der Haß leuchtete aus ſeinen Augen. Es mußten ihn ganz be— ſondere Entſchlüſſe beſchäftigen, und dieſe erfüllten den ehr⸗ lichen Schröder mit Grauen.
So viel es der Kampf geſtattete, ließ er kein Auge von Pentz. Selbſt im hitzigſten Gewehrfeuer flog ſein Blick zu ihm hinüber. Er ſuchte Alles, um an ſeine Seite zu kommen, und dies gelang ihm endlich, ohne daß Jener ſelbſt es merkte.
Pentz that ſeine Schuldigkeit als Soldat. Keine Muskel zuckte in ſeinem Geſicht, mochten die Kugeln noch ſo dicht um ihn her einſchlagen.
Jetzt ging es zum Sturm. In dem Handgemenge, in wlchem jeder Einzelne mit ſich und ſeinem Gegner vollauf beſchäftigt iſt, umhüllt vom Pulverdampf und dem Toben des Kampfes, verlor Schröder ſeinen Nachbarn aus dem Geſicht, ja er verlor ihn für Minuten aus dem Gedächtniß.
Da wich der Feind kämpfend zurück. Schröder ſah die ſchlanke Geſtalt ſeines Lieutenants triumphirend, nicht achtend der ihn umziſchenden Kugeln, auf der Wallerhöhung erſcheinen, wie er den Säbel ſchwingend ſeine Kameraden mit einem Hurrah begrüßte.
Dieſer Anblick ernüchterte den Füſilier nach der Hitze des Kampfes wieder. Während Alles die Höhe erklomm, ſuchte er Pentz.
Plötzlich erblaßte er. Dort drüben, iſolirt von der Compagnie, ſtand Pentz hinter einen Pfahl gelehnt, die Mus⸗ keln im Anſchlag.
Schröder's Blick folgte der Richtung des Gewehres. Ein Angſtlaut entfuhr ihm, denn daſſelbe war auf Lahrſtein ge⸗ richtet. Mit teufliſcher Ruhe hatte Pentz, in ſeiner Stellung ſich ſicher glaubend, ſeinen eigenen Lieutenant aufs Korn ge⸗ nommen.
Ein verzweifelter Sprung über die Leichen einiger Kameraden, und der Füſilier ſtand in der Nähe des im Anſchlag Liegenden.
Vor einem wuchtigen Hieb ſeines Gewehrs ſank das des Andern. Der Schuß fiel; die Kugel entfuhr dem Lauf und ſchlug wenige Schritte von Pentz in den Boden.
Kein Wort, kein Blick ward zwiſchen Beiden gewechſelt,
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wohl aber ruhte Pentz' Auge mit einer ſataniſchen Wuth auf ſeinem Kameraden; ſeine Zähne knirſchten, ſeine Hände packten das Gewehr feſter, als wolle er den Störer zu Boden ſchmettern.
Schröder's Auge war nur auf Leopold gerichtet. Jetzt verſchwand dieſer von der Seite ſeiner vorwärts dringenden Mannſchaft. Schröder athmete wieder auf und war eben im Begriff, ohne Pentz eines Wortes zu würdigen, der Compagnie nachzueilen, als eine Granate zwiſchen ihn und Pentz ſchlug, die, kaum den Boden berührend, zerplatzte und ihre Splitter in einem Regen umherſchleuderte.
Ein Schmerzensſchrei ſchlug an Schröder's Ohr, gleich⸗ zeitig aber ſank auch er zu Boden. Einer der Granatſplitter war ihm ins Bein gedrungen und warf ihn zu Boden.
Er ſah nichts mehr, er fühlte im erſten Moment nichts als die Unmöglichkeit, ſich wieder aufzurichten; das Bein ver⸗ ſagte den Dienſt.
Und kaum fünf Schritte von ihm lag Pentz in einer Blutlache. Ein Granatſtück hatte ihm beide Beine unter dem Knie zerſchmettert.
Wimmernd rief er einige Secunden lang um Hülfe, dann verließ ihn das Bewußtſein.
Unter den Leichen und Verwundeten, welche der Kampf zurückließ, lagen auch die beiden Füſiliere. Das Gefecht zog ſich weiter in das Dorf. Die Cavalerie ſprengte vorüber zur Verfolgung des Feindes. Still ward's auf dem Todtenfeld; ſtill blieb's eine Stunde lang, bis die Krankenträger kamen, um aus der bleichen Todesernte die Unglücklichen heraus zu leſen, welche noch Lebenszeichen verriethen.
Da endlich brach aus dem Wolkenſchleier die Sonne her⸗ vor und blickte herab auf das Todtenfeld.
Tauſende jammerten ihr entgegen; Tauſende von Ver⸗ wundeten prieſen den erſten warmen Strahl, der ihre blut⸗ loſen Körper zu wärmen verſuchte, bis die Schauer des Todes ihr Auge brachen oder die Bahre ſie aufnahm.
Die Sonne leuchtete weiter zum Ende des fürchterlichen Schlachttages und als ſie im Weſten ſo blutroth unterging und das ganze Elbthal mit einem rothen Flor überdeckte, war die entſetzliche Arbeit gethan.
Purpurn verſank ſie hinter den waldigen Höhen, die ſich zwiſchen Biſtritz und Elbe erheben, und um die heute ſo heiß gekämpft worden, als habe ſie das Blut aufgeſogen, das weit⸗ hin die Erde tränkte.
Weiß zogen die Schäferwolken, angehaucht von dem Purpur der Abendglut, an demſelben Himmel, der den Tag hindurch ſo düſter auf das Werk der Zerſtörung herabgeblickt, weiß wie die Engel des Friedens und der Verſöhnung, welche die Seelen der Gefallenen zu Gott hinauftrugen.
Unten aber auf dem grauſigen Schlachtplan ſchritt noch immer der Tod zwiſchen den gelben Aehren der Felder und erlöſte Tauſende der Braven, welche mit zerſchmetterten Leibern zu Gott um ihr Ende flehten. Unzählbar lagen ſie da hin— geſtreckt, reihenweiſe, wie der Schnitter die Garben mäht, Freund und Feind über und neben einander, während das Leben entfliehend in der klaffenden Wunde zitterte.
Zu ſchwach war die Barmherzigkeit, um all die Schmer⸗ zen zu ſtillen, all dieſe Wunden zu kühlen, welche die Wuth der Kämpfenden geſchlagen, unterſtützt von der Vernichtungs⸗ kraft der zwölfhundert Feuerſchlünde, welche heute gearbeitet und unbarmherzig den Jammer in zahlloſe Familien gebracht.
Zu ſchwach waren die Arme der Krankenträger, um Alle aus den hohen Kornähren herauszuleſen, die da um Hülfe wimmerten, und als der Abend tiefer herabſank, als die Nacht, die kalte, unbarmherzige Nacht ſich über Alle die Unglücklichen legte, drückten die Geiſter der Dunkelheit ſo Manchem das Auge zu, der ſo wacker gekämpft und als Lohn für ſeinen Heldenmuth im letzten ſchweren Augenblick nicht einmal eine hülfreiche Hand gefunden hatte.
Die Sterne traten an den Himmel, als die Armee ihre Lagerplätze ſuchte und, obwol ſeit geſtern jeder Nahrung ent⸗ behrend, ermattet ſich auf den durchfeuchteten Boden warf. Ihr Schlummer war feſt genug, um ihr Ohr den Seufzern


