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Niemand ſieht im Nebel ihre Spitzen ſich löſen, Nie⸗ mand verſteht ihre Bewegungen. Da plötzlich beginnt das Knattern der Gewehre. Ein Kanonenſchuß dröhnt; noch einer. Der Kampf hat begonnen.
Es war der Morgen von Königgrätz.
Schon in der Nacht nach 1 Uhr war der Befehl vom großen Hauptquartier gekommen, am Morgen um 3 Uhr marſchfertig zu ſtehen. Jeder alſo wußte, daß der Befehl ſeine ganz eigene Bedeutung hatte, und Jeder war auf ein Gefecht gefaßt, zumal allgemein bekannt geworden, daß man wieder Fühlung vom Feinde habe.
Halb 8 Uhr war', als die erſten Kanonenſchüſſe in dem dicken Nebel pufften; es war eine Detonation ſcheinbar unſchuldig, wie wenn man einen Rock ausklopft. Der Leſer lache nicht über dieſen Ausdruck; ich kenne keinen, der bezeich⸗ nender wäre.
Ordonnanzen über Ordonnanzen wurden von der Avant⸗ garde an die ihr folgenden Diviſionen geſandt mit der Nach⸗ richt, ſie beginne eben das Gefecht. Mit einer an Zauber grenzenden Schnelligkeit bewegten ſich die Batterien durch die tiefen Wieſen, denn man wußte, es ſollten heute alle Trümpfe ausgeſpielt werden.
Die Avantgarde der dritten Armee etablirte, als ihre Spitze das Dorf Alt⸗Nechanitz erreicht, auf den daſſelbe eng einſchließenden Höhen nördlich und ſüdlich eine vierpfündige Batterie und beſchoß die vor demſelben an der Biſtritz ſtehen⸗ den ſächſiſchen Truppen. Dieſe zogen ſich über das Flüßchen zurück, brannten die Brücke ab, erſchwerten dem Feinde den Uebergang durch das ſumpfige Thal und beſchoſſen mit über⸗ legener Artillerie die Preußen, welche die ihrige nur lang— ſam in Poſition zu bringen vermochten.
Die Höhen hinan bewegte ſich der Kampf gerade in der Richtung auf die Feſtung Königgrätz, dieſelben Höhen hinan, auf welchen die Heſterreicher eine ſtark verſchanzte Stellung eingenommen hatten, ſich auf die hinter dieſen liegenden Elb⸗ Feſtungen ſtützend.
Allzu friſch lebt in der Erinnerung Aller der ganze Ver— lauf dieſer blutigen Schlacht mit allen ſeinen Einzelheiten. Ich würde mich wiederholen, wollte ich dieſe noch einmal er— zählen. Hier gelten alſo nur jene Momente, welche von dem Lauf meiner Erzählung unzertrennlich ſind— Atome nur aus jenem fürchterlichen Chaos, deſſen Bild dem Zeugen unvergeßlich bleibt.
Beobachten wir nur die Punkte, an welchen wir die Perſonen unſerer kleinen Geſchichte wiederfinden, auf dem rechten Centrum des ganzen ſich vor unſern Augen weithin dehnenden Schlachtterrains.
Nur ſparſam ward auf der rechten preußiſchen Flanke angeſichts der Höhen von Problus, Gradeck und Przim das wüthende Feuer der gemiſchten öſterreichiſch⸗ſächſiſchen Brigade von Seiten der Preußen erwidert.
Die ganze öſterreichiſche Gefechtslinie ward an den vor dem Elbthal hinziehenden Anhöhen durch eine rieſige Feuer⸗ ſchlange bezeichnet. Unaufhaltſam zuckten an dieſen Abhängen die Blitze auf, gleich den Breitſeiten eines Linienſchiffes. Blitz auf Blitz, das Auge blendend, drang gleich elektriſchem Feuer aus dem Nebel, der nicht von der blutigen Erde wich und durch den Pulverdampf, der ſich über den Batterien wölkte, noch verdichtet wurde.
Es erſchien wie eine Unmöglichkeit, dieſe Höhen zu nehmen; der größte Todesmuth mußte ein nutzloſes Opfer darin er⸗ kennen, dieſe furchtbaren Poſitionen zu erzwingen, unter deren Nebelſchleier die verheerenden Blitze gleich Hunderten von Irrlichtern ihren entſetzlichen Tanz unterhielten.
Lang hin ſtreckte ſich das Thal der Biſtritz. Wohl trübte der kalte Regen, der ununterbrochen herabfiel, den Hori⸗ zont, dennoch unterſchied das Auge deutlich die Umriſſe der Schlacht⸗Figuren.
Dort drüben vor Sadowa auf dem linken Centrum kämpfte man ſeit Stunden um die Höhen von Chlum und Lipa. Tod und Verderben raſten zwiſchen den Reihen der
Preußen, und dennoch währte der Kampf unaufhörlich fort.
Hin und her flogen die Projectile durch die Luft, raſſelnd ſchlugen ſie in die Wälder, welche ſo launenhaft das Kampf⸗ terrain unterbrachen, in die vom Feind beſetzten Dörfer, in die bereit haltenden Bataillone, in die Reihen der Stürmen— den. Ganze Strecken waren bereits mit Leichen und Ver⸗ wundeten bedeckt. Hier löſte ſich ein Gefecht, dort ſchwankte es hin und her, dort endlich ſtand es lange und hartnäckig. Drüber hin und mitten hinein flogen die Geſchoſſe.
Dort wieder bezeichneten einzelne ungewöhnlich lebhafte bunte Punkte eine Cavalerie⸗Charge. Dort wieder fuhr eine neue Batterie auf, dort endlich ging ein Dorf in Flammen auf; dicke und ſchwarze Rauchſäulen, durchzuckt von rothen, gelbgeſäumten Flammen, wirbelten zum Himmel.
Wieder eine neue Rauchſäule erhob ſich aus einem anderen Dorf; höher und wilder mit jeder Minute, während ihr zu Füßen die Batterien blitzten. Endlich loderten in der ganzen Gefechtslinie fünf rieſige Feuer aus den Schlacht⸗ dörfern, in ihrer Mitte aber erhob ſich, ein Signalpunkt für Alle, der weiße Kirchthurm von Problus, durch den Nebel leuchtend.
Der Mittag war unter dieſer fürchterlichen Arbeit heran⸗ gekommen. Der Mittag ging vorüber und noch hatte kein Sonnenblick die Kämpfenden getroffen. Noch war von den Preußen nichts gewonnen, ja vor Sadowa ſchien Alles ver⸗ geblich, Alles verlorene Mühe, verlorenes Blut angeſichts der Tapferkeit, mit welcher die Heſterreicher ihre Poſitionen ver⸗ theidigten, und ſchon hörte man die preußiſchen Signalhörner, welche die Ihrigen aus fruchtloſem Kampfe zuſammenriefen.
Da erſchienen vor unſern Augen auf den Höhen des linken preußiſchen Flügels, auf den grauen Feldabdachungen, ganz plötzlich kleine und vereinzelte weiße Wölkchen, aus der Erde aufſteigend, umgeben von ſchwarzen, beweglichen Punkten. Hier und dort ſtieg aus denſelben abſchüſſigen Flächen eine neue Wolke.
Die Höhen bedeckten ſich allmählich mit dunklen Colonnen? der Kampf nahm zugleich eine neue Richtung nach links an. Batterien über Batterien ſpieen auf einander; in der Front neue Sturm-Colonnen. Heftiger als je entbrannte das Gefecht in der ganzen Linie. Von der Höhe von Streſetitz in der Mitte derſelben hagelten die Granaten nach links und rechts, nach Sadowa und Problus.
Lange wogte das Gefecht auf beiden Flügeln, in der Mitte tobte es mit fürchterlicher Wuth. In den öſterreichiſchen Reihen ward eine rückgängige Bewegung ſichtbar. Die Höhen von Lipa wurden durch das plötzliche Erſcheinen der zweiten preußiſchen Armee in der Flanke der Oeſterreicher erſtürmt, Problus ward nach langem und blutigem Gefecht genommen— aber noch immer kam das Gefecht wieder zum Stehen und mit derſelben Wuth ſchleuderten die Heſterreicher ihre Geſchoſſe in die Reihen der Preußen.
Im Kampf um das Dorf Problus finden Kir auch Leopold Lahrſtein wieder.
Zwei Diviſionen waren, die eine durch den Wald von Lubno, die andere in gerader Richtung auf dieſes Dorf, zum Angriff gegangen, um die erſte Armee im Centrum zu degagiren.
Die Höhen von Problus waren von den Oeſterreichern ſtark verſchanzt, und dieſe empfingen die angreifende Diviſion Canſtein ſowol wie die ſich erſt durch den Wald von Lubno kämpfende Diviſion Münſter mit dem heftigſten Granatfeuer. Eines der blutigſten Infanterie Gefechte dieſer Schlacht ent⸗ wickelte ſich. Problus mußte genommen werden, um gegen die linke Flanke der noch mit der erſten Armee im heißeſten Kampfe befindlichen Heſterreicher debouchiren zu können; das Geſchützfeuer der letzteren aber verdoppelte ſich und in ganzen
Haufen deckten die Todten und Verwundeten ſchon das Feld.
Leopold's Compagnie hatte bisher noch keinen Verluſt gehabt, obgleich die Granaten der Heſterreicher gut gezielt, namentlich aus den ſächſiſchen Geſchützen in das Bataillon geſchlagen waren.
Ohne Unterbrechung ſpielte das feindliche Geſchütz, den⸗


