Contributionen auferlegt und mit Auffahren von Geſchützen gedroht, wenn ſie ſich weigerten?“
Wozu anders war er denn regquirirt worden, als um wegzunehmen, was die Armee gebrauchte? Und wenn er Geld gebrauchte, war er nicht ein kleiner Theil der Armee, der allerdings auch nur in kleinem Maßſtabe begehrte, was von dem Ganzen in großem Maße verlangt ward?
Und wer war endlich Schuld daran, daß er dieſe ſchmach⸗ volle Strafe erlitt?
Wieder dieſer hochmüthige Laffe, dem er ſchon daheim Rache geſchworen, der ihn daheim gemishandelt, weil er der Sohn reicher Aeltern, ihn hier mishandelte, weil er die Epauletten beſaß!
Eine Hölle kochte in dem Unglücklichen, jener von den Gedanken an Genugthuung beflügelte Schmerz, der vergeblich von der Schmach ſich loszureißen ſucht und nur in dem Augenblicke der Rache ſchwelgt, während die Schande ihn feſt⸗ bannt.
Eben ſank die Sonne im Weſten hinter der von einem Walde geſäumten Ebene. Das Bivouak lag hart am Wege; den Schandpfahl bildete einer der an dieſer Straße ſtehen⸗ den Bäume.
Eine Train Colonne bewegte ſich langſam den Weg her⸗ auf über die vom Regen aufgeweichte Landſtraße. Der Zahl⸗ meiſter ſprengte hin und her, um die Colonne in Gang zu erhalten, der dieſe führende Offizier fluchte vergebens auf die böhmiſchen Fuhrleute, deren abgetriebene Pferde im Koth verſanken.
Schwerfällig bewegte ſich der Zug dahin. Endlich kamen einige Marketenderwagen, mit großen Fäſſern beladen. Auf dem erſten derſelben ſaßen einige Weibed in ſchmutzigen Kleidern, während der Beſitzer des Wagens in einer wahren Vagabonden⸗Tracht auf einem über die Deichſel reichenden Brett ſaß und auf die mageren Pferde einhieb.
„Holla, wen haben ſie da an den Baum gebunden?“ rief eine heiſere Weiberſtimme vom Wagen herab.
Es war ein junges Frauenzimmer mit gebräuntem, lieder— lichem Geſicht, das ein grober Strohhut der abenteuerlichſten Form bedeckte.
„Wilhelm! Es iſt, weiß Gott, der Wilhelm!“ ſchrie ſie plötzlich auf.„Junge, haben ſie dich ſo auf Schildwach' ge— ſtellt, damit du nicht davon läufſt?“
Pentz drang dieſe rohe Stimme wie eine Meſſerſpitze ins Herz. Vergebens ſuchte er der Schweſter ſein Geſicht zu verbergen. Es war zu ſpät.
Auch dieſe Schmach noch mußte ihm beſchieden ſein! In die Erde hätte er ſinken mögen; jede leiſeſte Bewegung verurſachte ſeinen feſtgebundenen Gliedern nur doppelten Schmerz.
„Der Heinrich iſt bei Podol gefallen und läßt dich grüßen!“ erſchallte wiederum entfernter die Stimme der Dirne, während die Colonne weiter zog.
Pentz hörte nichts mehr; ihm war's dunkel vor den Augen; er empfand auch nichts mehr; Alles war in und an ihm empfindungslos geworden.
Als man kam, um ihn los zu machen, mußte er von zwei Kameraden ins Bivouak geführt werden. Hier ſank er völlig bewußtlos zuſammen.
Schröder war's, der ſich neben ihn ſetzte, um für ihn zu ſorgen. Das Geſicht des braven Füſiliers war ernſt und ſorgenſchwer.
„Er taugt nichts, das wiſſen wir Alle“, murmelte er vor ſich hin.„Er kann auch von Glück ſagen, daß er mit der Strafe davon gekommen und daß man ihm nicht Alles beweiſen konnte. Er hat mir heimlich das Geld zugeſteckt, das er dem Bauern genommen, damit man es nicht bei ihm finde; aber ich will ihn nicht verrathen... Gut iſt's nicht, daß das geſchehen mußte!“ brummte der ehrliche Burſche, ſich hinter dem Ohr kratzend.„Ich wollte, ihn träfe bald eine Kugel, obgleich ich ihm auch das nicht gerade wünſche!“
der Regen auf ſie herab.
11. Auf dem Wahlplatz.
Finſteres, verdrießliches Morgengewölk zieht am Himmel; fröſtelnd erhebt ſich der Soldat vom Lager auf den von Regengüſſen durchweichten Feldern und Wieſen und blickt vor⸗ wurfsvoll gen Oſten. Der Wind zerreißt die weißen Säume der Wolken, dunklere Nebelmaſſen ſchieben ſich über einander, und wiederum öffnet der Himmel ſeine Schleuſen.
Drei Uhr war's, als Alles in den Lägern ſich belebte. Die Feuer waren erloſchen; die Nahrung fehlte, kein Brot im ganzen Bivouak. Mismuthig rüſtete ſich Alles zum neuen Marſch. Tonlos erſchallten die Commando's in der feuchten, ſchweren Luft; der Regen peitſchte den hartgeprüften Soldaten ins Geſicht, aber vorwärts ging's ohne Erbarmen für die Noth, die Entbehrungen des Einzelnen.
Der ganze Horizont, ſo weit das Auge reichte, war ein einziges Nebeldach; kein Sonnenblick war zu hoffen. Die Wege bildeten einen einzigen dunklen Schlamm. Kleidung und Bagage waren durchnäßt, und ſchwerer als je laſtete die Muskete auf der Schulter.
Tief in ihre Mäntel gehüllt ritten die Offiziere des Ober⸗ commando's den Colonnen voran in den finſtern Morgen hin⸗ ein; von Waſſer triefend jagten die Adjutanten und Ordonnanzen hin und her; tief gruben ſich die Räder der Batterien in den Moraſt. Alles war ſchweigſam.
Es geht zur Schlacht! ſo lautete es von Glied zu Glied. Aufmerkſam lauſchte das Ohr, aber wenn wirklich det Donner der Geſchütze ſchon grollte, der Nebel hing ſchwer über der Erde und hemmte den Schall, der ſonſt ein ſo unheimliches Echo in der Seele des Soldaten findet.
Auch in des Kühnſten Bruſt thut das Herz wärmere Schläge, wenn es flüſternd von Mann zu Mann geht: es kommt zur Schlacht! Thatendurſtig leuchtet wohl das Auge ſo manchen Kriegers, wenn der Himmel über ihm blau iſt und die Natur um ihn her ruft: Sieh, die Welt iſt ſo ſchön, und heute vielleicht ſagſt du ihr Ade, die ſo viel Herrliches
dir noch zu bieten hatte! Wie von den Elementen eines das
andere aufſaugt, zieht der Sonnenſchein jeden Mismuth, jedes Bangen aus dem Herzen des Soldaten; die Trompeten klingen
ſo viel heller, die Trommel wirbelt ſo viel muthiger, die
Gewehre knattern ſo viel luſtiger und das Herz iſt ſo viel
ſiegesfreudiger! Aber wenn das Firmament ſich ſo düſter um⸗ zieht, iſt keine Freude am Krieg, keine Luſt am Sieg, kein Hochgefühl am Tod.
So will denn Alles Sonnenſchein, das Kämpfen und
Siegen, das Leben und Sterben; es iſt Freude an nichts,—
wenn das„Auge des Lichts“ nicht auf uns herabſchaut.
Es geht zur Schlacht. Aber nicht einmal der dumpfe, dröhnende Schritt der Bataillone hallt auf dem harten Boden, von denen jeder dem Verderben näher führt; nicht einmal jener wuchtige, die Kraft der Maſſen verkündende taktmäßige
Tritt; nicht jene ſtraffe, kräftige Haltung, nicht jene Spann⸗
kraft, die des Größten fähig! Mühſam windet ſich der Fuß
durch den Schlamm, unaufhaltſam ſtrömt der Regen herab und Alles umher liegt verſchleiert.
Da ſchallt ein Halt von Compagnie zu Compagnie. Die Maſſen erſtarren in ihrer Bewegung. Nur die Geſchütze jagen vorüber, in den Nebel hinein, durch die Untiefen der Wieſen, über Gräben und Brücken hinweg.
Stundenlang ſtehen die Bataillone. Unermüdlich ſtrömt
Wieder wird der Marſch fortgeſetzt, wieder ein Halt geboten.
In unklaren Conturen liegen die Dörfer umher; die Thürme der Kirchen verſchwimmen in der dichten Luft. Alles iſt ausgeſtorben in den Bauerhäuſern, kein lebendes Weſen
zeigt ſich nur dort am Waldesſaum treten einige Rehe aus
und ſchrecken in das Dickicht zurück.
Stunde um Stunde iſt verſtrichen. Der Morgen iſt vor⸗ geſchritten, aber immer noch grau und finſter. Vor uns liegt ein Gehölz. Hinab geht's ins Thal. Die Avantgarde iſt fertig zum Gefecht.
22. ——
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