nem
Hlluſtrirtes Volhsblatt.— Herausgeber: Hans Wachenhu
ſen.
X. Jahrgang.
1867. ℳ 26.
Das Meerweib.
Erzählung von Hans Wachenhuſen. (Fortſetzung.)
10. Der Marodeur.
was er ſich ſelbſt verſprochen
—
Per biedere Füſilier hielt, Whatte. So oft man ſich dem Feinde gegenüber ſah, war eer ſeines Lieutenants Schutzengel, und tröſtlich wars ihm,
als er ſich überzeugte, daß er ſeinem Kameraden dennoch wol Unrecht gethan, denn ſchon am nächſten Morgen in dem heißen Treffen von Münchengrätz zeigte keine Miene deſſelben, daß er überhaupt etwas Böſes im Schilde führe.
Zu wiederholten Malen hatte man die Iſer auf ſchnell erbauten Brücken überſchritten, da der Feind die ſeinigen ver— brannt hatte. Weiter ging der Vormarſch, bis man ſich am fünften Tage dem Elbthal näherte, hinter deſſen Feſtungen der Gegner, als er die Iſer aufgegeben, ſich geſammelt hatte, um die Preußen in einer großen Vernichtungsſchlacht zurück⸗ zuwerfen.
Es war ein Raſttag, deſſen die durch Märſche und Regen⸗ güſſe ſehr ermattete Armee zu ſehr bedurfte. Man bezog die Bivouaks für Nacht und Tag.
Die Gegend war arm; die Proviant⸗Colonnen waren weit zurück geblieben; die Armee lebte nur von Requiſitionen, welche die unglücklichen Bewohner oft hart und ſchwer treffen mußten.
Leopold hatte eins dieſer Requiſitivns⸗Commando's in mehrere Nachbardörfer ſeines Bivouaks zu führen gehabt und kehrte am Nachmittage zwar mit gutem Erfolge, aber doch in ſchlechter Stimmung zurück.
Er hatte die ſchwere Pflicht, mehrere der Leute wegen ſchwerer Vergehen der Strafe überliefern zu müſſen, und dies verdarb ihm ſeine ſonſt ſo unverwüſtliche Laune.
Verdrießlich warf er ſich, ins Bivouak zurückgekehrt, vor dem Zelt hin, und ſein Blick klärte ſich erſt wieder auf, als ihm einer der Kameraden einen Brief aus der Heimat übergab.
Der Brief war vom Vater. Alles ſandte ihm tauſend herzliche Grüße. Die Mutter, Eugenie und ſogar Marie hatten einige liebe Worte dem Briefe hinzugefügt.
„Was iſt denn in dem Dorfe da drüben von den Leuten verübt worden, Herr Kamerad?“ fragte einer der Offiziere, zu Leopold tretend, als dieſer noch mit den Gedanken an das Vaterhaus beſchäftigt war.
„Leider der größte Unfug, den ich durch meine Dazwiſchen⸗ kunſt leider nur ſpät verhindern konnte“, antwortete Leopold.
Wachenhuſen's Hausfreund. X. 9.
„Einige der Leute haben ſich, ſchlecht beaufſichtigt, in ein Haus gedrängt und dort gebrandſchatzt. Man ſagt ſogar, ſie haben dem unglücklichen Bauern Geld abverlangt, doch iſt das ſchwer zu beweiſen. Jedenfalls iſt der Bauer durch einen flachen Hieb über den Kopf nicht unbedeutend verwundet worden.“
„Wer war denn der Schurke?“
„Der Pentz, von dem der Hauptmann und Sie Alle eine ſo günſtige Meinung hatten... Ich kenne den Burſchen, er hat noch niemals gut gethan!“ antwortete Leopold, der in der That dieſen Burſchen heute in ſeiner ganzen Brutalität über⸗ raſcht und, zum Glück der armen Bauernfamilie darüber zu kommend, ihn mit flacher Klinge aus deren Hauſe ge⸗ trieben hatte.
Es war unmöglich geweſen, angeſichts der übrigen Mann⸗ ſchaft dieſen Act ungeahndet zu laſſen. Leopold ſelbſt war über denſelben in einer Empörung, die ihn keiner Rückſicht fähig machte.
Pentz kam trotzdem mit einer gelinden, obgleich ſehr ent⸗ ehrenden Strafe davon. Schon am Abend ſahen ihn ſeine Kameraden mit beiden Armen an einen der ſich neben dem Bivouak erhebenden Bäume gebunden.
Zähneknirſchend, das Auge zu Boden geſchlagen ſtand er mehrere Stunden als warnendes Beiſpiel da. Die Mann⸗ ſchaft vermied es in richtigem Inſtinct, ihn anzublicken; jeder der Soldaten, der in ſeiner Nähe zu thun hatte, ſchritt mit abgewandtem Auge vorüber.
Und dennoch war es Pentz, als ſeien alle Blicke auf ihn gerichtet. Haß und Wuth zerſtachen ihm das Herz; ſeine Arme, ſeine Schultern ſchmerzten, ſeine Füße wurden ihm ſo ſchwer und matt, daß ſie ihn kaum noch zu tragen ver⸗ mochten, und immer noch kam man nicht, um ihn aus dieſer ſchmachvollen Situation zu befreien.
Was hatte er gethan, daß man ihn öffentlich brand⸗ markte? Geld hatte er allerdings von dem ſeiner Meinung nach reichen Bauernvolk verlangt, als es ihm gelungen, ſich unbemerkt der Aufmerkſamkeit der Unteroffiziere zu entziehen. Er hatte gedroht, als man ihm dies verweigert, hatte von ſeinen Waffe Gebrauch gemacht, als der Bauer ſich zur Wehre ſetzte.
Und was hatte er damit Anderes gethan, als was das Commando ſelbſt that? Wurden nicht einzelnen Ortſchaften
51


