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Ich übergehe hier das längere Verhör, und komme zu dem
Hauptgegenſtand.
Präſident: Sie haben geſchworen, daß die Vermählung Ihres Vaters nie ſtattfinden ſolle.
Inculpat: So iſt's; ich ſagte mir: ſie wollen ſich vermählen? Mir auch recht; ich will ihnen aber den ehelichen Segen geben.
Präſident: Das heißt: ſie ermorden?
Inculpat: Alle insgeſammt. Die Frau Bainville(ſeine künf⸗ tige Stiefmutter) vor Allen, dann ihre Tochter, hierauf ihre Arbeiterin, denn dieſe ſtand mir im Wege und hätte das zweifache Verbrechen verrathen können. Und endlich, um das Werk zu krönen, wäre die Reihe an meinen Vater gekommen.
Präſident: War nicht Habſucht der Beweggrund Ihrer Hand⸗ lungen?
Inculpat: Habſucht allein.
Präſident: Doch was hatte die Arbeiterin mit ihren hab⸗ ſüchtigen Entwürfen gemein?
Inculpat: Ich hatte nichts gegen ſie perſönlich; doch ſie ſtand mir im Wege; ſie hätte von dem Ausgange der Sache geſchwatzt.
Präſident: Sie bedienen Sich alſo des Meſſers, um Diejenigen los zu werden, die Sie ſtören könnten?
Inculpat Hm! konnt' ich es anders?
Präſident: Und Ihren Vater?
Inculpat: Den habe ich mir für hätte die Augenblicke ſeines Schlummers Leben zu verhelfen.
Präſident: dieſem Verbrechen entworfen
Inculpat: Es ſind achtzehn Monde, daß ich daran ſpinne.
Und in der That erzählte hierauf Lemaire mit haarſträubender Kälte von ſeinen verbrecheriſchen Entwürfen.
Präſident: Nach vollbrachter That, was hatten Sie ferner vor?
Inculpat: Ich hätte mich der Schlüſſel der Frau Bainville und dann jener meines Vaters bemächtigt, hätte alles Geld zuſammenge⸗ rafft und wäre auf⸗ und davon gegangen. Ich wußte wohl, daß ich eines Tages angehalten würde; doch dahin mußte es ja kommen; ich hätte dann vorher wenigſtens einige Tage gut verlebt und ſchließlich die Zeche mit meiner Haut bezahlt.
Präſident: Und Sie erſchraken nicht bei dem Gedanken, vier Perſonen zu ermorden, worunter Ihr Vater?...
Inculpat: Mein Vater oder ein Anderer, darauf kam es gar nicht an. Ich war ſo glücklich bei dem Gedanken an meine Rache.
Präſident: Ihre Gefühle ſind ſomit ſtets dieſelben geblieben?
Inculpat: Stets! Sie werden es auch bleiben. Wenn ich meinen Vater verſchont hätte, dann wäre mir ja das Meiſterſt ück entwiſcht.
Ein tiefes Murren erhob ſich bei dieſen Worten aus allen Win⸗ keln des Saals. Da wandte ſich der Inculpat an die Zuhörer und ſagte: Ich weiß, was Sie ſagen wollen! Wenn es ſich um einen harmloſen Zeitvertreib handelt, dann bin ich Ihr Mann,— wenn es jedoch zu arbeiten gilt, dann ſuchen Sie ſich einen Andern.
Ueber den Gegenſtand des Verbrechens ſelbſt, d. h. über die Er⸗ mordung der Witwe Bainville, gibt Lemaire folgenden Auſſchluß:
Präſident: Sie ſagen, daß Sie in die Wohnung der Witwe Bainville ſich begaben?
Inculpat: So iſt's! Nachdem Alles bereit war, ging ich zu ihr hinauf und bat ſie, herunter zu kommen.
Präſident: Und ſie folgte dieſer Einladung?
Inculpat: Sie folgte mir auf dem Fuße⸗
Präſident: Sie ließen ſie vorangehen?
Inculpat: Ich ließ ſie eintreten, folgte ihr nach und ſchloß die Thür ab. Bei meinem Eintritt aus dem Vorzimmer in die Küche, warf ich ihr den Strick um den Hals. Aber, ſei es, daß ſie es merkte, oder daß ich es ungeſchickt anſtellte, ſie fuhr mit ihren Hän⸗ den nach dem Halſe, ſo daß dieſe zwiſchen den Strick und den Hals zu liegen kamen, und(fügte er lächelnd hinzu) mein Stückchen ſchlug ſehl. Da ſagte ich ihr: Zum Henker, du mußt doch daran!...
die Nacht aufgeſpart. Ich benützt, um ihm zum beſſern
Iſt es denn ſchon lange, daß Sie den Plan zu haben?
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Der Hausfreund erſcheint in
Verlag der Hausfreund⸗Expedition
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Inculpat: So viel ich konnte!... Und ſo geht das ganze übrige Schlußverhör fort. Das letztere
S Präſident: Wie viel Stiche verſetzten Sie ihr? zu dem geringſten
verräth nicht eine einzige Stelle, die den Inculpaten Anſpruch auf Mitleid berechtigt haben würde. nicht die Worte des Präſidenten zutreffen, als er ſeiner Entrüſtung in den Worten Luft machte:„Die Herren Geſchworenen werden es zugeben, daß es zu keinem Zwecke führen würde, wollte man noch— länger in dieſem Blutcirkel herumfahren.“
Nach vollendetem Zeugenverhör beſtand der Staatsanwalt auf ſeiner Anklage, die der Vertheidiger durch die geſchwächten Geiſtes⸗ kräfte des Inculpaten leider vergebens zu entkräften ſich bemühte. Uebrigens warf ſich der Letztere den gutgemeinten Abſichten ſeines Vertheidigers in den Weg; und als ihn der Präſident zurechtwies und ihm zu verſtehen gab, daß er beſſer thun würde, wenn er die Vertheidigung ſeinem Anwalt überließe, ſagte Karl Lemaire:„Mein Anwalt wollte einen Theil meiner Vertheidigungsgründe nicht zu⸗ laſſen; ich wünſche ſomit, daß der Gerichtshof dieſelbe aus meinem Munde erfahre.“
Hierauf überhäufte der Inculpat ſeinen Vater mit Klagen und Schmähungen. Sein Vortrag war gut zuſammengefaßt und ſchien ſeit Monden vorbereitet und eingelernt geweſen zu ſein. Als ihn der Präſident bei den gegen den Vater ausgeſtoßenen Schmähungen zurechtweiſt, fährt der Inculpat fort:
„Meine Vertheidigung erheiſcht es, daß ich meinen Vater, ſowie die Frauen, die ihn auf Abwege führten, in ein helles Licht hinſtelle. Wenn ich ſchweigen muß, dann werden die Herren Ge⸗ ſchworenen die Gründe, die mich anſpornten, nicht erfahren und ihren Spruch fällen, ohne mich begriffen zu haben.“
Hierauf geht der Angeklagte auf die Begründung theidigung über, die er folgendermaßen ſchließt:
„Ich hatte mich an einem Weibe zu rächen; daſſelbe fiel von meiner Hand. Die Geſellſchaft iſt die Rächerin dieſes Weibes, ſie iſt alſo verpflichtet, den Fall deſſelben zu ahnden; mir iſt ſie das Schaffot ſchuldig, das ich von ihr fordere. Ich verlange kein Mitleid, das ich nicht verdient habe; ich habe Ihnen geſagt, daß ich träge bin; ich verſchmähte die Arbeit, ſo lange ich frei herumging, daher ſchicken Sie mich nicht nach dem Zuchthauſe, denn wenn Sie mich für die Galere beſtimmen, ſoll die letztere mich nicht ſehen; ich laſſe mich Hungers ſterben, und Sie ſollen nicht in mir ein mahnendes Beiſpiel und eine Scheuche für Verbrecher finden; die Gerechtigkeit wird auf dieſe Art zu Schanden geworfen und außer Stande geſetzt ſein, ihren Lauf zu verfolgen!“
Am Schluſſe der Rede des Vertheidigers zogen ſich die Geſchworenen zurück, und um 5 Uhr erſcholl aus ihrem Munde das verhängnißvolle Schuldig(und zwar ohne Milderungsumſtände),
welches der Angeklagte ruhig und lächelnd hinnahm. Der Gerichts⸗
ſeiner Ver⸗
Bänden von je 16 Heften à 6 großen Bogen mit mit humoriſtiſchen Bildern illuſtrirten Umſchlag elegant geheftet.
hof ſprach ſofort das Todesurtheil gegen ihn aus, und als ihn der Präſident erinnerte, daß ihm drei Tage Zeit zur Berufung geboten wären, erklärte er:„Ich weiß es, Herr Präſident. Was ich ſuchte, habe ich gefunden; es bleibt mir nur noch übrig, Ihnen, meine Herren, dafür zu danken.“
In dem Augenblicke, wo ich dieſe Zeilen ſchreibe, iſt Lemaire bereits gerichtet. F. P.
** Ein Autodidakt.
Die Zeitungen haben unlängſt von einem ſchlichten Bauer in Voralberg erzählt, der ſich unter den ungünſtigſten äußeren Verhält⸗ niſſen ſo weit gebildet, um einen Roman ſchreiben zu können, welcher ſich augenblicklich bereits im Druck befindet und demnächſt in einem Leipziger Verlage erſcheinen wird. Im Anſchluſſe hieran können wir ergänzend mittheilen, daß der ländliche Autor, befragt, wie es ihm, der nur den Unterricht ſeiner Dorfſchule genoſſen, möglich geworden ſei, ſich ein ſolches Wiſſen und Können zu erwerben, ausdrücklich er⸗ klärt hat, daß es nur die Gartenlaube geweſen, welche durch die treffliche Form ihrer Artikel und namentlich ihre ausgezeichneten Naturſchilderungen ſo ſördernd auf ſeine geiſtige Ausbildung einge⸗ wirkt und ſein ſchriftſtelleriſches Talent geweckt habe.
Dieſes ſteht buchſtäblich in der Gartenlaube.
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ſchönen Original⸗Illuſtrationen, mit einem Preis pro Heft 5 Sgr.
(Lemke und Comp.) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21.
Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachen huſen.
Haupt⸗Erpedition und Dru
d bei F. A. Brockhaus in Leipzig.
Und wie ſehr mochten
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