gekommen, um für meinen Hauptmann etwas Wein zu beſorgen, und
den Sonne betäubt, erhob ich mich und erhielt den Auftrag, beim Weitermarſch in dem Städtchen zurückzubleiben, oder, wie der Haupt⸗ mann ſich ausdrückte, abzukneifen und womöglich mehrere Flaſchen Wein für die Herrn Offiziere zu beſorgen, die vor Durſt verſchmach⸗ teten.
Nichts konnte mir erwünſchter kommen. War ich doch ſelbſt ſo durſtig und hungrig, daß ich ſchon bei dem bloßen Gedanken an Wein vor Freuden hätte aufjauchzen mögen. Die Truppen ſetzten ſich in Marſch. Vorn hörten wir ſchon den Trommelwirbel der Regi⸗ menter, welche die Stadt betraten. Von Schritt zu Schritt blieb ich etwas zurück, denn mein Austreten ſollte ja nicht bemerkt werden. Drei, vier Häuſer hatten wir ſchon paſſirt, aber immer ſtanden die Uhlanen mit ihren Pferden ſo dicht gedrängt an den Häuſern, daß ich unmöglich hindurch konnte. Da bemerke ich endlich eine Lücke. Hineinſpringen und eine vor mir befindliche große, eiſenbeſchlagene Thür öffnen war das Werk eines Augenblickes.
Wie ſtill, wie kühl, wie feierlich war es in dem Raum, den ich jetzt betrat! Nur ſchwach drang das Getöſe des vorbeimarſchirenden Truppen durch die dicken Wände. Im erſten Augenblick wußte ich nicht, wo ich mich befand, indeß einem fernen Geräuſche folgend, ſchritt ich einen langen Gang hinunter. Ich war in einem Kloſter.
Rechts und links hingen Heiligenbilder und ſonſtige fromme Gegenſtände. Am Ende des Ganges war ein freier Raum, aus wel⸗ chem mir deutlich lebhaftes Rufen und Sprechen entgegen drang. Drüben an der Thür ſtand ein ſtattlicher Garde⸗du⸗Corps⸗Offizier, ruhig einem Mädchen zuhörend, der lebhaft disputirte. Aus ihrem Geſpräch ließ ſich bald heraus hören, das die reichen Vorräthe des Kloſters an Wein und ſonſtigen Dingen den Preußen eine willkommene Beute geworden waren. Ich war alſo durch Zufall an die rechte Quelle gekommen. Offen und ehrlich ſagte ich dem Offizier, ich ſei
hoffe, auch mich nebenbei etwas erfriſchen zu können.
Lächelnd wies mich der liebenswürdige Lieutenant nach einer andern Thür. Ich öffnete dieſelbe und mir bot ſich ein Anblick dar, ſo intreſſant, ſo grotesk, daß ich ihn nie vergeſſen werde. Es war nämlich der Vorplatz zum Keller des Kloſters. Die finſtere Treppe hinter der geöffneten Kellerthür herauf kamen luſtig jauchzend mehrere Kanoniere, ihre Kochgeſchirre und Feldflaſchen hochhaltend, über deren Rand der ſchönſte Wein herablief. Andere ſaßen und lagen an den Wänden umher, blecherne Keſſel vor ſich und in langen Zügen den Wein trinkend. Verzweifelt rang dazwiſchen ein armer Kloſterbruder die Hände. Der Stolz, das Labſal der frommen Brüder, kam ſo ſchmachvoll in die ketzeriſchen Hände! Ein luſtiger Füſilier vom Eli⸗ ſabeth⸗Regiment verſuchte es, ihn durch Zärtlichkeiten und Küſſe zu tröſten, erhöhte aber dadurch nur das Entſetzen des armen Paters; In ſeiner Weinlaune bot der gute Kammerad eine überaus komiſche Scene, an der ſein gutes, mitleidiges Herz ſchuld war. Tröſten wollte er, aber den Wein trank er doch. Indeß ich hatte keine Zeit zum Zuſehen; auch ich drängte mich die Treppe hinunter in den Keller. Hier hatte das Treiben einen mehr als romantiſchen Anſtrich. In der Finſterniß des Kellers bewegten ſich Haufen von Cavaleriſten, Infanteriſten, kurz von allen Waffengattungen umher oder vielmehr an die großen Fäſſer. Die Vorderſten hatten den Zapfen herausge⸗ ſchlagen und ließen im Finſtern den Wein in ihre Kochgeſchirre oder ſonſtigen Gefäße laufen. Nur wer alle die Qualen des Durſtes und der Hitze in dieſem Feldzuge mitgemacht, begreift dieſes Bild in ſeiner ganzen Bedeutung. Daß ſie dabei nicht trockenen Fußes blieben, läßt ſich denken; der Zapfen wurde in der Sile nicht wieder hinein⸗ geſtopft, der Wein mußte alſo wohl oder übel zum Theil vorbeilaufen. Verſchiedene Male wurde der Verſuch gemacht, ein Licht anzuzünden, aber in dem wilden Gedränge erloſch es immer wieder.
Mit Mühe konnte auch ich enrlich ein Kochgeſchirr voll Wein erhaſchen und meinen Durſt recht gründlich löſchen, wie aber Wein für unſere Offiziere fortſchaffen! Nirgends konnte ich ein paſſendes Gefäß auftreiben. Ein Mönch, den ich um einige Flaſchen bat, ſagte mir reſignirt:„Suchen ſie ſelbſt, lieber Herr, ſie werden nichts ſinden, es iſt ſchon Alles fortgenommen!“ Und ſo war es leider. Jh ging noch einmal in den Keller, ließ mein Kochgeſchirr noch ein⸗ mul füllen und zog dann ab, denſelben Weg, den ich gekommen war. Es mußte wol eine unbemerkte Thür ſein, durch die ich kam, denn Niemand ging dort aus und ein. Draußen auf der Straße zogen noch immer die beſtaubten Regimenter vorüber. Ich konnte es nicht über's Herz bringen, die durſtigen, ermüdeten Geſichter ſo anzuſehen; ich gab dem Nächſten mein gefülltes Kochgeſchirr und im nächſten Augenblick ſchon war es in der Section verſchwunden, ſo daß ich Mühe hatte, es leer zurück zu bekommen.
Nun ſtand ich auf der Straße, ich war wohl geſättigt, was aber ſollte aus meinem Auftrag werden? Alles wimmelte von Mi⸗ litär, nirgends war etwas zu bekommen. Nach langem vergeblichen Suchen fand ich doch im Hauſe eines Kaufmannes noch zwei Flaſchen vorräthig und auf meine dringende Bitte und mit Rückſicht auf mein blankes preußiſches Silbergeld verkaufte man mir dieſelben.
Ich traf meine Compagnie hoch oben im Gebirge in einem armen Dörfchen, 50— 60 Mann waren in ein Haus einquartiert.„Gott ſei Dank, daß Sie da ſind! In dieſem verdammten Reſte gibt's gar nichts“, ſagte der Hauptmann, überglücklich, als er mich mit meinen
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** Der Proceß Lemaire.
Es gibt unter den Menſchen Charaktere, die es unſtreitig in ihrer Verdrehtheit weit bringen können. Man ſchaudert über die haar⸗ ſträubende Kaltblütigkeit, welche gar zu oft die finſtern Thaten eines verſtockten Verbrechers kennzeichnet; man iſt entſetzt über die Greuel, welche in den wüſten Steppen Amerikas dem unzugänglichen Sohne der Wildniß zum ſeltſamſten Zeitvertreib dienen; man iſt empört, wenn man das vollendete Werk kalt berechneter Rache vor ſich hat; aber man iſt zugleich wenn auch nur einigermaßen verſöhnt, und oft bemächtigt ſich ſogar ein Funken Mitgefühls des unbewachten Herzens, ſobald man den verſtockteſten Verbrecher an der Schwelle der Ewig⸗ keit erblaſſen ſieht und ihn einen jener Entſetzens⸗Momente durchleben laſſen kann, die er ſchadenfroh ſeinen Opfern abgerungen hat.
Man wird jedoch äußerſt verlegen, wenn man das Gefühl der Entrüſtung über den Thatbeſtand des gegenwärtigen, in Frankreich eben beendeten Proceßfalls paſſend bezeichnen wollte. In der That gibt es nur wenig Fälle in der Eriminaliſtik, wo der Verbrecher mit ſo chniſcher Gleichgültigkeit mit ſeinen Greuelthaten großthut. Wenn man die Verhandlungen dieſer Strafſache lieſt, ſo drängt ſich unwill⸗ kürlich die Frage auf, ob man es mit einem ruchloſen Böſewicht, oder mit einem geiſtig Verirrten zu thun hat. Um jedoch ſogar den Schein dieſer letzteren Zumuthung zu widerlegen, erklärte Karl Lemaire in ſeinem Verhör zu wiederholten Malen, daß die⸗That ſein wäre, daß der Plan hiezu in ſeinem Kopfe entſprungen ſei; und leider be⸗ kräftigen ſeine Ausſagen im Laufe der Schlußverhandlung, deren wichtigſte Stellen ich weiter unten wortgetreu wiedergebe, nur zu ſehr ſein Selbſtbekenntniß über die Helligkeit ſeines Kopfes.
Der Inculpat iſt ein neunzehnjähriger Jüngling, Sohn eines hieſigen Schloſſers, der nach dem Ableben ſeiner erſten Frau mit einer Wäſcherin, welche in ſeinem Hauſe wohnte und gleichfalls Witwe und Mutter einer achtzehn⸗ bis neunzehnjährigen Tochter war, zu einer zweiten Ehe zu ſchreiten beſchloß und hiefür bereits die nöthigen Vor⸗ kehrungen getroffen hatte. Karl Lemaire, der in der Werkſtätte ſeines Vaters als Gehülfe arbeitete, ſah nur ungern dieſes Verhältniß, das ihm eine Stiefmutter geben ſollte. Unſchlüſſig in ſeinem Benehmen, von trägem, richtungsloſem Charakter, der ſich durch fleißiges Leſen der merkwürdigſten Fälle der Criminaliſtik auszubilden ſuchte und in jeder einigermaßen hervorragenden verbrecheriſchen Natur ſein Muſter zu ſehen wähnte, erſehnte er auch den Tag, an welchem ihm das be⸗ ſcheidene Vermögen ſeiner Aeltern zufallen ſollte. Aber das Leben des Vaters ſchien ihm zu lange zu währen, und die projectirte Ver⸗ bindung deſſelben ſeine herrlichſten Entwürfe zu vernichten. So be⸗ ſchloß er denn, ſich derer zu entledigen, die ihm läſtig waren. Kaum war er jedoch mit dem erſten ſeiner erwählten Opfer fertig, als ihn der Arm der Gerechtigkeit ereilte. Der Lauf der Schlußverhandlung mag über das Weitere Aufſchluß geben. Wir citiren dieſelbe hier wörtlich:
Präſident. Sie ſind in Paris geboren; Sie haben noch nicht ihr zwanzigſtes Jahr erreicht; es ſind kaum zwei Jahre, daß Sie Ihre Mutter verloren haben; ſie ſtarb vor Gram über Ihre Auf⸗ führung. Dieſer Verluſt mußte auf Sie einen tiefen Eindruck machen.
Ang klagter: Oh, das könnt' ich geradezu nicht behaupten! Zwar wenn man ſeine Aeltern verliert, kann man ſich einem kleinen Eindrucke nicht entziehen, um Ihnen jedoch die Wahrheit zu ſagen, war ich froh, ſie los zu ſein.
Die Wirkung, welche dieſes Geſtändniß auf die zahlreich an⸗ weſenden Zuhörer machte, läßt ſich nicht beſchreiben.
Präſident: Wie? Sie fühlten ſich glücklich, Ihre Mutter los zu ſein, die doch dn Gram über Ihre Ausſchweifungen tödtete? Angeklagter: So iſt's... Sie wurde krank und ſtarb.— Präſident: Ihr Vater iſt ein fleißiger Arbeiter; ihn achtet Jedermann. Nach dem Tode Ihrer Mutter ſagte er Ihnen:„Du biſt nun der einzige Gegenſtand meiner väterlichen Liebe, ich will für dich arbeiten, wie ich es für deine Mutter gethan.“ Dieſe Worte eines Vaters mußten auf Sie einen tiefen Eindruck machen Angeklagter: Nicht im Geringſten.
Präſident: Ihr Vater wollte Sie einem minder ſchweren Stande als der ſeinige widmen und Sie bei einem Goldſchmied unterbringen; aber Ihnen fehlte die Luſt zur Arbeit. Angekagter: Wie immer! Präſident: Und Sie zählten kaum vierzehn Jahre? Angeklagter: Kann ich dafür? Ich war mein ganzes Leben hindurch ein Faulenzer geweſen. Präſident: Wiſſen Sie auch, daß Ihr Bekenntniß empörend iſt? Angeklagter: Ich weiß es wohl; ich weiß es nur zu gut, daß wenn alle Menſchen nach meinem Schlage geſchaffen wären, es nicht lange währen könnte.
Präſident: Sie geben alſo zu, daß die ganze Welt arbeiten müſſe, und Sie wollen ſichts thun? Angeklagter: Zur Arbeit bedarf es einer Anſtrengung; und
Flaſchen kommen ſah. Das Dorf hieß Rattendorf.
ich will mich nicht anſtrengen.


