Jahrgang 
1867
Seite
398
Einzelbild herunterladen

˙

Schaukäſten, in denen ehrſame Spießbürger, ehrwürdige Greiſe und Matronen, tapfere lorbeergekrönte Krieger, brave Bürger, Commis, ſittige Jungfrauen, Säemaſchinen, Pflüge, Kleiderſpinde, eiſerne Geldſchränke u. ſ. w. ausgeſtellt ſind; aber wer dem Spazierenden folgt, wird finden, daß es nicht dieſe Schau⸗ käſten ſind, welche ihnen ſehenswerth erſcheinen. daß mancher junge Mann, der

*) Von einem andern u

wieder ſo viel wie möglich aus den Photographien zu ver⸗ bannen. Die Photographen, die Schelme, wußten, daß nach künſtleriſchen Principien die Natur über jeden Kleiderprunk erhaben, und wo eine Natur, wie ſie der Photograph gebraucht, noch vorhanden war, da ward nicht nur nach der Natur, Zuge und der Neugier der ſondern in natura photographirt.

Unſre Künſtlerinnen ſind eitel, wie ich ſagte. Wenn man einen ſchönen Nacken hat, weshalb ihn verbergen? Wozu hat ihn Gott geſchaffen? Und wozu kann ein ſolcher nicht in mancherlei Hinſichten gut ſein?

Nachdem unſre Künſtlerinnen ſich in allen nur zu erfin⸗ denden Stellungen, hinten und vorn, oben und unten, hatten

Es gibt ſehr viel ſolide und ſittenreine photographiſche

ja ſogar Pferde, Ochſen, Schafe,

Ja es paſſirt,

ſein Geſicht als gelungenes Bild mit Stolz an dieſer oder jener Ecke ausgeſtellt weiß,

die Beobachtung machen muß, daß Niemand von ihm Notiz

nimmt, obgleich er der Ueberzeugung war, daß ſchon in den erſten Tagen irgend eine reiche junge Erbin ſich in ihn ver lieben und um ſeine Hand anhalten werde.

Nit Gleichgültigkeit paſſirt Alles dieſe ſoliden Käſten, höchſtens findet einmal ein Vorübergehender durch einen zu⸗ fälligen Blick, daß dieſes oder jenes Geſicht einem Bekannten Entweder es iſt wirklich deſſen Geſicht, oder es iſt eine täuſchende Aehnlichkeit; jedenfalls geht aber der Neu gierige ſchnell weiter und denkt vielleicht bei ſich:Läßt ſich der mit ſeinem dummen Geſicht auch noch auf die Straße hängen!

Bei einer ſo ungeheuern Concurrenz von etwa zwei⸗ hundertfunfzig Photographen, die allein der Wohnungsanzeiger aufzählt, iſt es für jeden einzelnen nothwendig, ſeine Firma bekannt und geſucht zu machen.

Wie aber fängt man dies an?

Jichts leichter als das! Mn ſtellt hübſche Geſichter

photographiren laſſen, nachdem alle Kleider und Coſtüme dem Publikum ſchon gezeigt waren, wurden die Kleider auf den Bildern abgeſchafft, ſoweit es ein Schein von Sittlichkeit und das Klima erlaubten.

Nacken und Bruſt wurden bis unter die Achſel photv⸗ graphirt ohne jegliche, die Wirkung der Schönheit ſtörende Einmiſchung von Kleidungsſtücken; es entſtand ein Wetteifer in der Schauſtellung perſönlicher Reize, ſo daß in dieſer Be⸗ ziehung ſelbſt dem Unbeſcheidenſten nichts mehr zu wünſchen übrig blieb, ja daß kaltblütige Menſchen ſogar mit weniger zufrieden geweſen wären.

Aber es war einmal ein öffentlicher Wettſtreit. Was am Theater in der glücklichen Lage war, die ſchöne Helene ſpielen zu können, oder als Fee in bis an die Hüfte aufgeſchlitzten Gazekleidern zu erſcheinen, oder wer als Tänzerin die Erlaub⸗ niß hatte, öffentlich auf einem Bein zu ſtehen und das andere dem Publikum unter die Naſe zu ſtrecken, ließ ſich in dieſem Alſo wird auf ſolche gefahndet, und da die Menſchheit Evalleide photographiren. trotz aller Degeneration noch immer leidlich reich an ſolchen Die Damen der Demi-Monde ſahen mit Unwillen dieſen iſt, ſo werden ſie auch gefunden. Eingriff in ihre verbrieften Rechte und begannen alsbald einen

Es garnirten ſich ſonach die Schaukäſten mit ſchönen und Wettkampf mit den Künſtlerinnen in der öffentlichen Preis⸗ paſſablen weiblichen Geſichtern, und da nicht jedes Weib das gebung ihrer Reize. Die Photographen porträtirten Alles, ſeinige hierzu hergibt, ſo wählte man unter ſolchen, denen was nur halbwegs weiße Schultern hatte und was ſonſt noch ſelbſt daran liegen muß, die Aufmerkſamkeit des Publikums die Natur dazu gethan; das Corſet ward nur noch als Frucht⸗ zu erregen. ſchale betrachtet.

Zu dieſen gehören namentlich die Künſtlerinnen unſrer In Maſſen wurden dieſe Bilder vervielfältigt und an Theater, die Kunſtreiterinnen, ſelbſtverſtändlich auch die Künſtler, die Händler verſandt. Dieſe garnirten ihre Schaufenſter da⸗ die möglichſt noch eitler ſind als jene. mit. Künſtlerinnen erſten und zweiten Ranges, die unſere

Alles, was im Theater irgend eine Rolle, die über zehn Beſuche als Bekannte im ſittſamen Hauskleide empfangen und Zeilen lang iſt, zu ſpielen hat, wird photographirt und in ſonſt das mauvais genre fliehen, hängen in dieſen Fenſtern die Schauläden gehängt. Zu welcher Tageszeit man einen mit vergnügten, lächelnden Geſichtern zwiſchen den Loretten Photographen beſucht, ſeinen Salon findet man ſtets mit vom widrigſten Noſchusgeruch, und wer nicht die Einen und ſchönen oder häßlichen Künſtlerinnen, Schauſpielern und Sängern die Andern heraus zu finden weiß, der verwechſelt ſie Alle, garnirt, die des höheren Reizes willenin Coſtüm zu er⸗ wirft ſie Alle in einen Topf. ſcheinen gebeten waren. Und ebenſo liegen ſie friedlich neben einander in den

Und wie gern kamen ſie im Coſtüm! Jeden Mttag ſah Albums unſrer leichtſinnigen Jugend oder des ſchmunzelnden man in die Häuſer der geſuchteſten Photographen ganze Arme Alters, welche beide das kaufende Publikum dieſer Bilder voll Theater Garderobe tragen und ſalonmäßig friſirte Damen ſind.. ausſteigen. Acht Tage ſpäter hingen ſie im Schaukaſten.

Beliebte Künſtler und Künſtlerinnen wurden in jeder neuen Rolle photographirt. Jeder Gaſt, der an den hieſigen Theatern eintraf, ward von den Photographen angefallen und ins Atelier geſchleppt.

Es war das die Zeit des Coſtüms, wie Alles ſeine Zeit hat.

Danach gerieth man auf die Speculation, das Coſtüm

2

Feuilleton.

neue Regimenter zogen ſich jenſeits aus der Stadt heraus den Berg herauf; es mußten alſo noch immer Maſſen von Truppen darin ſein, die uns den Weg verſperrten.

Jeder ſuchte ſich's mit ſeinem Gepäck ſo bequem wie möglich zu machen, und auch ich war, unbekümmert um das dicht vor meinem Ohren vorbeiziehende Pferdegetrappel, auf einem Steinhaufen an der Chauſſee eingeſchlafen.

Da zog ziemlich derb an meinem Stiefel ein Kamerad. Der Hauptmann hatte mich gerufen. Schlaftrunken und von der brennen⸗

gehöre.

aus.

Gewiß ſind wir Alle vor Gott gleich, aber man provo⸗ cire doch nicht das liebloſe Urtheil der Maſſe! Wenn ich Künſtlerin wäre, ich zeigte nur mir ſelber das Schönſte, was ich beſitze, und höchſtens nur Dem, der mir ganz ebenſo lieb iſt wie ich ſelber, nicht aber jedem Laffen, der ſeine Witze darüber macht.

Kein Weib behält ſeine Schönheit, ſobald dieſe öffent⸗ lich iſt; nur die Statue darf auf das Geheimniß verzichten.

** Im mähriſchen Kloſter.*)

Dicht gedrängt, Regiment neben Regiment, lagen wir bei unſerm Vormarſche nach Mähren vor dem Städtchen Mähriſch⸗Trübau. Stun⸗ den lang hatten wir ſchon in der brennenden Mittagsſonne geſchmachtet und gewartet, daß auch wir durchmarſchiren konnten; aber immer

unſrer mitarbeitenden Künſtler, H. Lüders, der als Schütze den Krieg in Böhmen und Mähren mitmachte. D. Red.

-