Jahrgang 
1867
Seite
397
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mit mehr Witz ausgeſtattet zu ſein, als ihn d ſichtlich zu bieten hatte.

Einer unſerer mitarbeitenden Künſtler zwingt mich, heute auch des hier aufgeſchlagenen Affen-Theaters zu erwähnen. Seine in der heutigen Nummer befindliche Zeichnung ſchildert uns die Mitglieder deſſelben vor den Couliſſen und bildet alſo ein Pendant zu dem ſchon früher von uns veröffentlichten Bildehinter den Couliſſen. Es kann ein J

das Original er

eder an ſeiner

Stelle ſeine Verdienſte haben, und ſo denn auch dieſe Künſtler.

Ich muß Dich, lieber Leſer, heute jahrs⸗Promenade einladen.

Wenn du durch S die Hauptſtraße un⸗ S v n ſerer Stadt gehſt, triffſt du zuweilen auf ein Haus, an welchem nicht der Schaukaſten irgend eines unſerer unzäh⸗ ligen Photographen hängt.. 3 ¹ Ausnahmen ſind in allen Dingen.

Es gibt in einer 6 ſo großen Bevöl⸗ 3 kerung ſehr eitle Menſchen, die im Stande ſind, irgend einen entſtellenden Fehler bis zu ihrem Ende mit ſich herum zu tragen, ohne ſich operiren zu laſſen, mit einem hohlen Zahne umher zu gehen, ohne ihn ausreißen zu laſſen, aber photographi⸗ ren muß ſich Jeder laſſen, weil es nicht weh thut.

Es gab auch eine Zeit, in welcher Jeder, der ſonſt auf der Welt mit ſich nichts anzufangen wußte, das Photo⸗ graphiren erlernte und ein Atelier er

zu einer kleinen Früh⸗

richtete, und da deren ſtets Viele exiſtiren, baute Nie⸗

mand ein neues Haus, ohne ein Atelier darin anzu legen, ja, eine ünzahl von Hausbeſitzern berechnete, daß der Himmel ſich noch ſehr hoch über ihrem Dache wölbe, und 5 Ateliers auf demſelben an.

So kam es, daß faſt jedes Haus ein Atelier erhielt und Menſch, der ſonſt nichts zu thun hatte, ein Photo⸗ graph ward.

Eine große Anzahl von ihnen widmete ſich der Ent ſtellung menſchlicher Geſichter, und ſie ſchufen entſetzliche Bil der; Andere, mit höheren Inſtineten begabt, geriethen auf den Gedanken, daß das Photographiren eine Kunſt ſei, und thaten wie Künſiler thun, d. h. ſie waren ſtolz auf die Werke der Sonne. Noch Andere begriffen ſehr richtig, daß das Photo⸗ graphiren ein Induſtriezweig ſei, und ſie begannen die Fabri⸗

kation im Großen, d. h. ſie überſäeten die Welt mit ihren

Fabrikaten, jagten nach berühmten Helbildern und trieben ihren Handel mit denſelben bis in die tiefſte Wildniß hinein.

Im mähriſchen Kloſter.

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So entſtanden die photographiſchen Albums, und dieſe begannen in dem Maße zu graſſiren, daß man ſie ſchon in dem Zelte afrikaniſcher Scheiks fand, und, wie mir kürzlich ein Reiſender erzählte, ein ſolcher, der die Lucca als Afrikanerin in ſeinem Album beſaß, die Be ehauptung rach, es ſei ſdas Frau eines großen Häuptli ings der Weißen. Begegnete ich doch ſelbſt in den unwirthlichſten Gegen⸗ den fremder Länder oft reiſenden engliſchen Photographen, die in der Wüſtenei eine einſame, um den Baum gewickelte Schlange, einen einſiedleriſchen Skorpion photographirten und ſelbſt dieſen Eremi⸗ ten in ihrer Zurück⸗

gezogenheit keine 1 Ruhe ließen. ſt ſ Jedermann alſo i. mußte ſich photo⸗ graphiren laſſen. Es gab bald in der

gebildeten Welt kaum noch einen Menſchen, der nicht unerſchrocken in ei⸗ ne Camera Ob⸗ ſcura geblickt hätte; aber es gab auch kaum einen einzi⸗ gen, der ſich auf ſei⸗ nem Bilde ſchön ge⸗ nug gefunden hätte, denn die Sonne bringt Alles an das Licht, was der Spie gel dienſtfertig be⸗ ſchönigt.

Es gab eine Zeit, in der Jeder, der mühſam irgend ei nen Namen in ir gend einer Wiſſen⸗ ſchaft oder Kunſt errungen hatte, all⸗ wöchentlich eine Ein⸗ ladung von irgend einem Photogra⸗ phenerhielt, ſich doch gütigſt zu ihm zu be⸗ mühen, und ſo ward denn die Photo⸗ graphie ein Mittel zur Unſterblichkeit.

Als nun Sonne, Mond und Sterne und Alles, was da⸗ runter iſt, all ſünd haft Vieh und Men ſchenkind, Schooß möpſe, Pferde und Ochſen photographirt, kein Bild in irgend einem Muſeum, keine wenn auch noch ſo nackte Statue ver ſchont geblieben war, die Jagd der Privatleute nach Album Sammlungen ſich abgekühlt hatte und ſelbſt die Säuglinge in der Wiege ſchon ihre photographiſchen Viſitenkarten hatten, ſchlug die Kunſt in die Blüten der Ueppigkeit, ich will nicht ſagen, der Frivolität; aber der Leſer mag ſich das denken.

In dieſem Stadium befinden wir uns in dieſem Momente, in welchem ich den Leſer an den Schaukäſten unſerer Photo graphen vorüberführe.

Ungewöhnlich iſt der Fortſchritt, den dieſe Induſtrie ge⸗ macht, denn das Geſetz kann ſich noch immer nicht entſchließen, dieſelbe als Kunſt zu ſchützen, ebenſo ungewöhnlich aber iſt auch die Raffinerie, mit welcher ſich nel Egoismus allerlei menſchliche Schwächen, ja ſogar Leidenſchaften und Laſter derſelben zu Nutzen zu machen verſtanden.