nicht bemerkt hatte. dunklen glühenden Augen, thümliche reizende Schnitt des Geſichtes: Alles das war ſo ungewöhnlich ſchön und zog ihn mit magnetiſcher Kraft zu dieſer Erſcheinung, daß er ſeine Augen nicht abwenden konnte
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Dieſe zart angehauchten Wangen, dieſe das reiche Haar, dieſer eigen⸗
und unverwandt nach ihr hinblickte. Es war Löbl's Tochter, die Alle kannten und der alle Herzen zugethan waren. Alles drängte ſich um ſie, Jeder wollte mit Judith wenigſtens ein⸗ mal tanzen, nur eine Gunſtbezeigung von ihr erhaſchen, ſelbſt die Mädchen, deren Kreis ſich ſonſt einer Jüdin verſchloß, hatte ſie durch ihre Anmuth und Lieblichkeit gewonnen.
Dieſe Huldigungen waren für Simon, der ruhig hinter Löbl ſaß und faſt ununterbrochen ſpielen mußte, eine wahre
Höllenqual. Er hätte ſie Alle weit weggewünſcht, dieſe nichts⸗ würdigen Schmarotzer, die ſich um ſeine Lieblingsblume drängten. Welche Pein für ihn, dieſe Perle, die er allein
zu beſitzen wünſchte, den Blicken Anderer Preis gegeben zu ſehen! Welche Marter, wenn er ſie ſo aus einer Hand in die andere gleiten und im Kreiſe herumwalzen ſah! Das mußte anders werden, das konnte ſeine Eiferſucht ſo länger nicht ertragen.
(Fortſetzung folgt.)
—— Berliner Photographien.
XIII.
Die Berliner hinter Schloß und Riegel.— Der ſelige Carneval.
Während über dem Corny'ſchen Morde noch immer das tiefſte Duſter ſchwebt, mehren ſich die Zeichen einer perſön⸗ lichen Unſicherheit, die ſelbſt den friedfertigſten Bürger all— mählich wol zwingen wird, zur Abendzeit nur bis an die Zähne bewaffnet die Straße zu betreten.
Die Keſſelſtraße, die unmittelbare Nachbarin jenes räthſel— haften Mordes, wird gemieden; man ſpricht von zahlreichen
Kündigungen der Miethscontracte; die Furcht läßt die armen Bewohner jener Gegend kein Auge ſchließen, obgleich es doch
— Die Theater.— Die Photographie und was dazu gehört.
ſie wüßte, daß ihr Herz an eine in ſeiner Bruſttaſche ſteckende geladene kleine Höllenmaſchine klopft.
Alſo iſt denn das Volk ſchon wieder in Waffen.—
Unſere Carnevalsfreuden ſind wieder vorüber gegangen und kennzeichneten ſich eben nur durch Berliner Pfannkuchen, wie wir Monate haben, in denen es Spargel, Erdbeeren, Kirſchen oder Pflaumen gibt. Mit dem letzten Kroll'ſchen Ball und dem Subſeriptionsball iſt die Saiſon unſerer Winter⸗
Amuſements unwiderruflich geſch loſſen; es kommt die Zeit, wo 8
immer einige Wahrſcheinlichkeit hat, daß man da am ſicherſten ſtehe, wo eben eine Bombe eingeſchlagen.
Inzwiſchen ſind auch andere Gegenden unſerer Stadt die Schauplätze abendlicher Ueberfälle geworden. Aus der Spree zog man den Leichnam eines anſtändig gekleideten jungen Mannes, der mehrere Meſſerſtiche im Halſe trug, und, wie natürlich, ſahen die Furchtſamen im Publikum ſchon in jedem lauernd an der Ecke ſtehenden Dienſtmann einen Abällino.
Wohin man kommt, werden die Schlöſſer der Corridor thüren verſichert, Schießſcharten in die Außenthüren geſchnitten, wo noch keine ſolche vorhanden, Revolver und Terzerole ge⸗ putzt und alle diejenigen Vertheidigungsmaßregeln vorge— nommen, welche die Unſicherheit der Stadt gebietet. In jedem Bettler ſieht man einen heimlichen Raubmörder, ja es hat ſich unter den Leuten eine allgemeine Witterung nach Blut eingeſtellt, ſeitdem das Polizei Präſidium die Bevölkerung auf⸗ forderte, ihm zur Entdeckung der Corny'ſchen Mörder behülf⸗ lich zu ſein und namentlich Jeden für verdächtig zu halten, der Blutſpuren an ſeiner Kleidung zeige.
Bei dem durch ſolcherlei Aufforderungen nothwendig ge⸗ ſteigerten Mistrauen der Bevölkerung mußte es natit dahin kommen, daß jeder Flohſtich Veranlaſſung zu einer heimlichen Denunciation werden konnte— und trotzdem iſt das Dunkel noch immer nicht gelichtet. Ja angeſichts der regſten Aufmerkſam keit unſerer Schutzbeamten wiederholen ſich die Raubanfälle in unſern Straßen.
Die Zahl der Fremden, welche augenblicklich ſehr be⸗ deutend, fühlt ſich unter ſolchen umſtänden ſehr unbehaglich bei uns. Es gehört nach ihrer Meinung ſchon eine gewiſſe Bravour dazu, Abends zu Fuß vom Theater nach Hauſe zu gehen, denn ſelbſt der Schatten in dem Lichtkreis einer Gas⸗ laterne kann einen Dolch bei ſich bergen.
Dabei iſt keine Ausſicht auf Verſtärkung unſerer Sicher⸗ heitsbeamten. Das Abgeordnetenhaus, das immer gegen die Polizei ſein wird, meinte, es ſeien ihrer genug für uns, und der Magiſtrat wird ſich hüten, eine eigene Städtiſche Polizei zu creiren. Alſo bewaffnet ſich Jeder ſo gut er kann, und ich bin überzeugt, ſo Mancher, der Abends bei der Frau Geheimräthin ſeinen Thee trinkt und äſthetiſche Geſpräche führt, trägt ſein Terzerol in der Bruſttaſche; ja ſo manche ſchöne Tänzerin, die ſich mit ihrem Cavalier Bruſt an Bruſt
im Walzer herumſchwingt, würde in Ohnmacht ſinken, wenn
wir nicht frieren und nicht warm werden, und trotz allem
Schnee packen die Modemagazine bereits ihre Strohhüte in
die Schaufenſter; Frühlingsroben und Paletots locken überall,
und dennoch iſt ſelbſt in der Abſchaffung der Crinoline keine
günſtige Conjunctur für die armen Ehemänner entſtanden.
Was an der Breite jetzt gemißt werden kann, wird in der
Länge zugegeben; in unſern Geſellſchaftszimmern und Salons
ſind die unglücklichen Männer verurtheilt, wie die Störche auf
einem Bein zu ſtehen, um nur ja keiner Schleppe wehe zu
thun; wo die Hüften der Frauen ſitzen, kann nur praktiſche Erfahrung noch lehren, denn bald ſind ſie unten, bald oben, und was ſoll man von einer gewiſſen Stelle der weiblichen Toilette denken, die Jahre lang ſich ſo anſpruchsvoll bauſchte und jetzt ſo ſchlangenhaft glatt herabfällt, als ſei an dieſer Stelle nie Verrath getrieben worden!
In unſern Theatern wird's demnächſt auch ſtiller werden. Niemann will gehen und hat um ſeine Entlaſſung gebeten, die ihm auch zugeſagt ſein ſoll unter der Bedingung, daß er vier Monate im Jahre hier gaſtire. Wachtel iſt ſchon ge⸗ gangen, die Lucca wird demnächſt ihren Urlaub antreten. Auch die italieniſche Oper hat ihren Stern verloren, den Lieb⸗ ling der Berliner, Fräulein Sarolta. Ein Pariſer Cröſus überſandte ihr noch vor ihrem Abſchied einen Schmuck im Werthe von ſechzehntauſend Thalern, eine Höhe, zu welcher ein Berliner Mäcen ſich noch niemals verſtiegen hat.
Im Friedrich⸗Wilhelmſtädtiſchen Theater iſt endlich Offen⸗ bach's„Blaubart“ vor die Lampen gekommen, eine muſika⸗ liſche Kindergeſchichte von mehr Albernheit, als man dem kind⸗ lichſten Gemüthe eines Erwachſenen zutrauen ſollte.
Der unvermeidliche Offenbachſſche Schäfer eröffnet natür⸗ lich die Burleske; derſelbe iſt dem Componiſten einmal ſo unentbehrlich geworder, daß er dieſe ſeine mythologiſche Honig⸗ kuchen Figur ſelbſt in das mittelalterliche Märchen verſetzen mußte. Die große Notenmaſſe, zu deren Herſtellung der Componiſt wieder in ſeinen alten, längſt erſchöpften Farben⸗ topf gegriffen, erfordert einen Stimm⸗Aufwand, den ſie, bis auf einzelne Nummern, kauin werth iſt, und der an ſich eine tägliche Wiederholung, wenn ſie das Publikum aushalten kann, kaum geſtatten wird.
Von dem franzöſiſchen, auch von Tieck behandelten Märchen iſt wenig mehr als der Name übrig geblieben. Herr Neumann's urkomiſche Figur als Fürſt, Frl. Slevogt und Frl. Schubert hielten die Burleske über Waſſer. Die Ueberſetzung ſcheint


