Jahrgang 
1867
Seite
408
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Zum Schutze der nützlichen Vögel.

Von Karl Müller.*)

Wir haben ſchon zu wiederholten Malen über die enorme Bedeutung geſprochen, welche die meiſten unſerer Vögel nicht allein im Haushalte der Natur, ſondern auch in dem Haus⸗ halte des Menſchen beſitzen. Wie man aber nicht genug über die Erhaltung der Wälder ſprechen kann, ſo kann man auch nicht genug zum Schutze jener Vögel ſprechen, welche unſere Wälder und Fluren beleben. Heute liegt mir überdies eine ganz beſondere Veranlaſſung vor, das Wort noch einmal da für zu ergreifen, die erfreuliche Thatſache nämlich, daß der Generalſecretär des landwirthſchaftlichen Centralvereins der Provinz Sachſen, Oekonomierath Dr. Stadelmann in Halle, eine Denkſchrift über denſelben Gegenſtand ausarbeitete, welche ſich an das königl. preuß. Miniſterium der landwirthſchaft⸗ lichen Angelegenheiten wendet dazu beſtimmt iſt, den Er⸗ laß eines zum Schutze der nützlichen Vögel zu befür⸗ worten. Das Allererfreul ichſte hierbei iſt, daß dieſe vortreff⸗ liche Beniſchrift von einem unſrer größeren landwirthſchaft⸗ lichen Vereine, deſſen Generalſecretär eben der Herr Verfaſſer iſt, adoptirt wurde. Denn auch die Regierung bleibt macht⸗ los, wo ſich ihre Geſetze nicht auf die klare Einſicht des Volkes ſtützen. Dieſe zu fördern, indem ich näher auf jene auch mir zugekommene Denkſchrift eingehe, iſt der Zweck nachfol⸗ gender Zeilen.

Bevor ich jedoch auf die Denkſchrift ſelbſt eingehe, möchte ich an einem einzigen Beiſpiele beweiſen, welche außerordent⸗ liche Bedeutung ein einziger Singvogel hat, wenn es gilt, den Nutzen zu berechnen, welchen ein ſolcher durch Vertilgung von Inſecten haben kann. Dieſes Beiſpiel liegt mir eben noch ganz neu vor, weil es erſt vor kurzer Zeit in dem hieſigen naturwiſſenſchaftlichen Vereine für Sachſen und Thü⸗ ringen vorgetragen wurde. Es betrifft den kleinſten unſrer inländiſchen Singvögel, nämlich das Goldhähnchen, und Herr E. v. Heimrodt war es, der die Berechnung auf Veranlaſſung des Dr. Baldamus an ſeinen beiden Goldhähnchen anſtellte. Da dieſelben von ihrem Beſitzer hauptſächlich mit aufge weichten Ameiſeneiern ernährt werden, ſo zählte der Genannte eine Menge dieſer Eier und berechnete hiernach den täglichen Verbrauch. Hiernach verzehrten die beiden Vögel am 29. November vorigen Jahres, bei trübem Wetter, etwa 1200, am 30. unter gleichen Umſtänden etwa 1500, am 1. Decem⸗ ber bei klarem Himmel aber gegen 1900 Eier. Im Durch⸗ ſchnitt würde das für einen Tag von 12 Stunden die runde Summe von 1000 Ameiſenpuppen ergeben. Nach dieſen Beobachtungen berechnete nun Dr. Baldamus das Folgende. 1000 aufgeweichte Ameiſeneier wiegen reichlich 2 Quentchen; das Goldhähnchen ſelbſt aber hat nur ein Gewicht von 1 ½ bis 1 ½ Quentchen; es verzehrt folglich mehr Nahrung, als es ſelbſt wiegt. Rechnet man nun ½ Loth täglich auf einen dieſer Vögel, ſo verzehrt derſelbe im Jahre 182 ½ Loth Eier. Nun gehen aber 20,000 Schmetterlingseier mittlerer Größe auf 1 Loth(oder nahezu ebenſo viele kleinere Blattläuſe und ähnl iche Inſektennahrung); mithin würde ein Goldhähnchen 3,650,000 Stück Schmetterlingseier, Blattläuſe oder ähnliche gleichwiegende Inſekten jährlich verzehren. Enthalten auch die aufgeweichten Ameiſeneier reichlich die lfte an Waſſer, ſo fraßen doch die beiden Vögelchen noch Fliegen, Brocken von Hanfſamen und andere Nahrung. Es bleibt folglich ſelbſt bei der Hälfte der eben berechneten Nahrung noch eine ſo bedeutende Summe übrig, daß aus ihr die Bedeutung eines ſelbſt ſo kleinen Vögelchens deutlich genug erſcheint. Auch der Eng⸗ länder Montagu machte an dem gleichen Vogel ähnliche Er⸗ fahrungen. Ein Paar Goldhähnchen trug ſeinen Jungen 16 Stunden lang in jeder Stunde 36 Mal Futter zu, alſo

²) Im Intereſſe dieſer ſo wichtigen Angelegenheit veröffentlichen auch wir dieſen in der ZeitſchriſtDie Natur enthaltenen Artikel

mit Einwilligung des Verfaſſers.

576 Mal an einem Tage. Bedenken wir nun, daß die Gold⸗

hähnchen 2 Mal im Jahre 8 bis 10 Junge ausbrüten, und vindiciren wir jedem Vögelchen täglich nur ½ Quentchen Nahrung, ſo hat man einen Begriff davon, was für eine Bedeutung ein ſolches Vogelpaar für einen Fichtenwald hat, den es im Sommer von ſo und ſo viel feindlichen Inſekten reinigt; um ſo mehr, als nach Baldamus auf je einen Morgen ſolchen Waldes mindeſtens 3 Paare mit je 2 Bruten kommen.

Mit einem ähnlichen Beiſpiele beginnt die Denkſchrift, nämlich mit dem Engerling oder der Larve des Maikäfers. Bekannt iſt deſſen furchtbare Gefräßigkeit, wenn er heuſchrecken⸗ ähnlich in ſeinen eigentlichen Flugjahren erſcheint. Allein ſelten denkt man einmal hierbei daran, die Summen des Nahrungswerthes zu berechnen, welche der maſſenhaft fliegende Maikäfer in ſolchen Jahren verbraucht. Abgeſehen von den unvermeidlichen Fehlern dieſer Rechnungen, gibt nun folgendes officielle Beiſpiel des Cantons Bern eine Vorſtellung hiervon. In den Jahren 1864 bis 1865 wurden daſelbſt 83,739 Viertel(ca. 24,000 preuß. Scheffel) Maikäfer und 67,917 Viertel Engerlinge gegen eine Entſchädigung von 259,000 Fres. eingeliefert. Nach Stücken berechnet, enthielt das Viertel jener Käfer 7500, das Viertel der Engerlinge 22,500 Stück. Das macht für jene die ungeheure Summe von 628,042,500, für dieſe von 1582,132,500 Stück, zuſammen alſo von 2156,175,000, über 2 Milliarden! Wären nun dieſe Käfer und Engerlinge nicht vertilgt worden, ſo würden ſie ſich nach den zuverläſſigſten Beobachtungen im nächſten Flugjahre(1867) um das Dreißigfache vermehrt, und folglich 64 Milliarden 685,250,000 Käfer geliefert haben! Nach Oswald Heer's Forſchungen verzehrt aber ein Engerling bis zu ſeiner Ent⸗ puppung 2 Pfd. Pflanzenſtoffe. Hiernach würden folglich jene Inſekten im Jahre 1867 das Sümmchen von 129 Milliarden 370,500,000 Pfd. Nahrungsſtoff verzehrt haben. Bedenkt man nun, daß dieſe koloſſale Summe von Nahrungswerth ſich nur auf einen einzigen Canton bezieht, ſo ermißt man auch, daß endlich, wenn man ein ganzes Land in dieſe Be⸗ rechnungen zöge, die Summen kaum noch zu faſſen wären, deren der Maikäfer zu ſeinem Leben bedarf, und welche er dem Naturhaushalte ſowol als auch der Volkswirthſchaft entziehen würde.

Das möchte aber noch immer hingehen, wenn nur der

Maikäfer das einzige gefräßige Inſekt bliebe. Kaum aber iſt ſeine Flugzeit vorüber, ſo tritt ſchon wieder ein anderer Käfer an ſeine Stelle, der Junikäfer. Was ſein Vorfahr übrig ließ, behagt diefem am beſten, namentlich die Blüte des Roggens, während er ſpäter als Engerling ſich ebenfalls an den Wurzeln der Gewächſe niederläßt. In Süddeutſch⸗ land geht dem Maikäfer ſchon ein Aprilkäfer voraus, welcher es beſonders auf den Graswuchs abgeſehen hat, und zahl⸗ reiche andere Käferarten geſellen ſich den genannten Käfern hinzu, um womöglich noch das zu zerſtören, woran dieſe ſich nicht wagten. Was aber die Käfer nicht zerſtören, vertilgen wieder die Raupen der Schmetterlinge. Auch ein ſolches Bei⸗ ſpiel führt die Denkſchrift an, und zwar aus dem Jahre 1866 für das Fürſtenthum Halberſtadt und die Grafſchaft Wernigerode. Erſteres, welches 542,923 Morgen an Acker⸗ land, Gärten, Wieſen und Weiden enthält, erlitt durch In⸗ ſektenfraß einen Schaden von 450,244 Thalern. Letztere, welche an den benannten Adergrundſtücken nur 48,829 Mor⸗ gen umfaßt, erlitt einen Schaden von 150,605 Thalern. Das macht zuſammengenommen für 591,752 Morgen einen Schaden von 1,433,534 Thalern! Es liegt folglich auf der

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