Jahrgang 
1867
Seite
391
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mit etwas Fürſprache irgend eines Geſandten für jeden Chriſten in der Türkei von dem Sultan zu erhalten iſt und jeden Beſitzer deſſelben, obgleich er im Uebrigen türkiſcher Unter than iſt, in einen Ruſſen, Franzoſen, Engländer oder Deut⸗ ſchen verwandelt. Es iſt kein Naturaliſationspatent, aber doch ein Schutzbrief des betreffenden Geſandten gegen alle Anſprüche türkiſchen Geſetzes und Rechts, deshalb ſparen auch nicht ſelten die größten Halunken von Stambul ſo lange Geld, bis ſie ſich einen ſolchen Talisman kaufen können, und behandeln ihn dann wie eine Conceſſion, ungeſtraft zu rauben und zu betrügen. Unter dem Schutze des Berath ſchnippen ſie ihre Finger gegen Kadi und Kavaß, da der Conſul oder Ge ſandte ihres adoptirten Landes ſich ihrer in allen Schwierig keiten annimmt und ſie ſicher macht, daß ſie im ſchlimmſten Falle von Richter und Polizei aus Furcht vor ihren Beſchützern ungeſchoren gelaſſen werden würden. Beſonders Rußland be günſtigt ganze Schwärme von ſolchen Berathlus, die für deſſen Kirche und Politik unter der Bedingung Propaganda machen, daß ſie durch die Beraths gegen Polizei und Gericht, ſowie gegen Militärdienſt geſchützt werden. Manche derſelben ſollen als Spione für ſehr werthvoll gehalten und gut be zahlt werden. Die ſchwache türkiſche Regierung, die ſich zu ſolchen ſchreienden Misbräuchen hergibt, hat auch keine Kraft mehr, den Anſprüchen auswärtiger Geſandten jemals männ⸗ lich entgegen zu treten. Ein Miniſterium nach dem andern wird durch die Vertreter der Großmächte vertrieben, und die darauf folgenden Seraskiers und Kapitan⸗Paſchas benutzen die kurze Zeit ihrer Herrſchaft, gegen alle Geſandten und Conſuln gefällig zu ſein, wichtige Fragen aufzuſchieben, um während der Zeit ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen. Des Sultans Hof iſt nichts weniger als heiter. Er hält ziemlich alle Tage Divan und wird jedesmal von Be⸗ ſuchern mit Klagen überhäuft, wobei er noch Taback und Pfeife zugeben muß. Früher war es Regel, nur der eigentlicheu Geſandtſchafts⸗Ariſtokratie Kaffee und Pfeifen zu präſentiren; aber bald wurde es mehr und mehr Mode, auch Falſch⸗Grafen und hebräiſche Ritter von der Börſe wegen ihrer pecuniären Wichtigkeit auf dieſe Weiſe auszuzeichnen, und dann durfte man auch untergeordneten Gäſten, wie engliſchen Parlaments⸗ mitgliedern und geſandtſchaftlichen Anhängern aller Art die kaiſerliche Bernſteinſpitze mit Diamanten nicht verſagen, ohne ſie zu beleidigen. Während des Krimkrieges drängten ſich die Gäſte beim Sultan oft zu einer erſtaunlich gemiſchten Geſellſchaft zuſammen und mußten um des lieben Friedens willen alle mit Edelſteinen beſetzten Chibuques verſorgt wer⸗ den. Nach dem Frieden wurde das Privilegium allerdings wieder beſchränkt, ſo daß nur die Auserwählten rauchen dürfen, welche von Geſandten ſelbſt geſchickt oder eingeführt ſind. Aber dies ſind durchaus nicht immer Perſonen adelichen Stammbaumes, ſo daß ſich das edle Blut aus europäiſchen Junkerfamilien faſt immer in zweifelhafter Geſellſchaft ſieht und ſich mit ihnen gemeinſchaftlich darauf beſchränkt findet, aus kaiſerlichen Pfeifen zu rauchen und einen Fingerhut voll ſchwarzen dicken Kaffees dazu zu trinken. An Champagner, an Bälle und Diners und heitere Damengeſellſchaft iſt an dieſem traurigen Hofe nicht zu denken. Und wie theuer iſt eine ſolche zwergenhafte Taſſe Kaffee und die Pfeife Taback! Sie koſtet Jedem im Durchſchnitt nicht weniger als dreißig bis vierzig Thaler in Backſchiſch, und zwar erſt ſeit den Zeiten der Aufklärung und der Reform. Früher koſtete ein Beſuch beim Sultan oder nur beim Groß Vezier bis hundertund⸗ funfzig Thaler. Beſandte ſind die wichtigſten Bewohner Conſtantinopels. Sie vertreten ihre königlichen und kaiſerlichen Herren in ihren amtlichen Paläſten oder den ſtolzen Villas am Bosporus mit wahrhaft fürſtlichem Glanze und haben dabei immer ſehr wichtige Geſchäfte, ſchmieden Pläne gegen einander, ſchmeicheln und renommiren, beſchäftigen Agenten von ſehr zweifelhaftem Charakter und führen nicht ſelten heftige Wortkriege um den unglücklichen Sultan herum und die zu erhoffenden Erbſtücke ſeines untergehenden Reiches. Durch dieſe diplomatiſchen

BGeheimniſſe und Pläne werden die geſandtſchaftlichen Feſte

auch immer diplomatiſch intereſſanter als die Geſellſchafts⸗ abende ihrer Collegen in Berlin, Paris oder London. Es gibt immer etwas zu erhorchen und mitzutheilen, da immer dieſes oder jenes Geheimniß mehr oder weniger verrathen wird und ſtrategiſche Pläne von Gegnern durchgeſprochen, bewundert, verlacht oder neutraliſirt werden müſſen, ohne daß die feindlichen Intereſſen jemals zu einem Friedensſchluſſe kommen. Der Padiſcha und ſeine Miniſter ſind viel zu ſchwach und abhängig, um irgend einen geſandtſchaftlichen Anſpruch geradezu abzuweiſen, ſo daß ſich die Hohe Pforte mit den kleinlichen Künſten des Ausweichens, Verſchiebens und Neutra⸗ liſirens einer Macht durch die andere, durch das Pivide et impera(theile und herrſche) behelfen muß. Des Sultans einziger Troſt iſt die gegenſeitige Eiferſucht der Vertreter europäiſcher Großmächte. Rußland lispelt immer noch un⸗ heimliche Rathſchläge in ſein Ohr, ſpielt auf die kochende Un⸗ zufriedenheit der Rayahs an und kokettirt zugleich mit den Panhelleniſten und der alten Janitſcharen⸗Partei. Der fran⸗ zöſiſche Adler ſtößt ſeinen entrüſteten Schrei aus und ſtreckt ſeine ſtählernen Krallen hervor, dieſe glänzenden Bajonnete, mit denen es die Augen Europas bisher ſo erfolgreich zu blenden verſtand. Auch das zerzauſte Raubthier ähnlicher Art, mit ſchwarzgelbem Gefieder und zwei grimmigen Köpfen, weiß ſeinem noch mehr verſchuldeten und geſchwächten Nach⸗ bar immer noch Furcht einzujagen. Und England, immer brummend und vorwurfsvoll wegen der verſchwenderiſchen Bankrottwirthſchaft und immer verhaßte Schuldforderungen

vor die beläſtigten Augen des herrſchenden Verſchwenders

haltend, droht nicht ſelten, alle weiteren Zahlungen einzu ſtellen und ſeine ſchon hoch angeſchwollenen Forderungen geltend zu machen. Was bleibt da dem unverbeſſerlichen, unrettbaren, armen Großtürken übrig, als dieſe läſtigen Rath⸗ geber und Gläubiger im Stillen gegen einander zu hetzen, ſie mit ſich ſelbſt zu beſchäftigen und die alten, zerfetzten Segel ſeines lecken Staatsſchiffes wie einen Mantel nach dem Winde zu hängen und ſo lange dem Wind und Waſſer zu vertrauen, als es eben gehen will!

Nach den Geſandten ſpielen die Dragomans und Conſuln mit großer Virtuoſität ihre zweiten Helden⸗ und Intriguanten⸗ rollen. Da gibt es manche Armenier, Griechen und ſonſtige Levantiner, die, obgleich ſie bei den Geſandten keinen Zutritt finden, doch als Dolmetſcher und Vertreter kaufmänniſcher Intereſſen förmlich kleine Höfe für ſich bilden, beſonders ſind die Feſte der Dragomans ebenſo pompös als wichtig und nicht ſelten glänzender als die Gala⸗Tage der Miniſter und Geſandten. So ein Dragoman kennt ſeine Wichtigkeit. Er ſchmaucht mit Veziers und fühlt ſich als die rechte Hand der höchſten Diplomaten. Patriarchen ſitzen auf ſeinen Divans und Biſchöfe warten in ſeinen Vorzimmer auf Audienzen. Dieſe Dragoman⸗Bälle und Theegeſellſchaften ſind nicht nur

glänzender, ſondern auch viel intereſſanter als die meiſten ge⸗

ſellſchaftlichen Partieen in Conſtantinopel. Man finde die pikanteſte Unterhaltung und die berühmteſten wei Schönheiten, welche Pera aufweiſen kann, und die der ſchaftlich und religiös gebundene Türke immer hinter S und Riegel halten muß.

Von den Conſuln gibt es zwei Arten, ſolche, die als Magiſtrate über Abtheilungen ihrer eignen Landsleute in Autorität, Amt und Brot ſtehen, und die blos kaufmänniſche Sorte, die für Geld Päſſe ausſtellt und viſirt, mit Teppichen, Rhabarber, türkiſch Roth u. ſ. w. handelt, oder in Land⸗ gütern, Bergwerk⸗Actien und mit ſonſtigen Werthpapieren ſpeculirt. Sie und andere Coterien der Politik, des Handels, des Induſtrieritterthums, der Theater, Spiel- und anderer Häuſer machen ſich den allgemeinen ſittlichen und finanziellen Verfall, Beſtechlichkeit der Richter, Käuflichkeit aller möglichen Tugenden und Laſter zu Nutze, um einander, Freunde und Feinde, zu betrügen und zu berauben und ſo Geld und Carriere zu machen. Man findet darunter viel Auswürflinge aus Paris, London, New⸗York, aus Berlin und Wien, welche im Nothfalle türkiſche Soldaten und Offiziere werden. Die türkiſchen Offiziere werden jämmerlich genug bezahlt, und ein