Jahrgang 
1867
Seite
390
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ſeufzen ſchwer über den Verfall der alten Schule von Gläubigen. Dieſe aufgeklärten Türken, welche während des letzten Vierteljahrhunderts aufgewachſen ſind und ihre kleinen Füße im Pariſer Patent-Lederſtiefel ſtecken, ihre kleinen, weichen Hände in franzöſiſche Glacéhandſchuhe, ihre ſchwachen Körper in Leibröcke und Ueberzieher von den Gebrüdern Samuel in London und Landsberger in Berlin, und nichts Orientaliſches beibehalten haben als die ſtupide rothe Stülpe mit blauer Quaſte, die ſo ärmlich neben dem majeſtätiſchen Turban ausſieht, ſind weder Mohammedaner geblieben noch Chriſten geworden und vereinigen alle Schwindeleien Europas mit den Laſtern des Orients.

Eine ganz andere Perſönlichkeit iſt der ſchwarzkappige Prieſter der griechiſchen Kirche, der in ſeinen purpurnen Schuhen, dem violett beſetzten Kaſſock oder Unterkleide und der darüber gezogenen Zobelpelz⸗Robe einherſchlürft. Das Haupt dieſes ehrwürdigen Herren iſt halbraſirt, und die langen Locken, welche der Barbier geſchont hat, winden ſich auf ſeinen Schultern wie ſchwarze Schlangen um ein Meduſenhaupt. Sein Geſicht, dunkelgelb und knochig, mit grimmigen Augen, die hungrig aus ihren Höhlen hervorblitzen, würde jeden guten Portrait⸗ maler berühmt machen. Es erzählt ſtumm von Wachen und Beten, grauſamem Faſten und der harten Disciplin des großen griechiſch⸗katholiſchen Hauptkloſters auf dem Berge Athos, von Glaubenseifer, Ehrgeiz, Haß, Wuth, Schlauheit und der Unterdrückung ſtarker Leidenſchaften, Alles nach den Vorſchriften der griechiſch⸗chriſtlichen Lehre und der ruſſiſchen Diplomatie, welche ſich dieſer Presbyters für ihre Zwecke bedient. Die Biſchöfe und Patriarchen ſind zu furchtſam dazu. Dieſe Geiſtlichen niederigen Ranges ſind erzogen, um kühner in der

Türkei aufzutreten und zwar mehr für weltliche Zwecke Ruß

lands als für geiſtliche; ſie ſind Ruſſen mit Leib und Seele und ſehen mit Zuverſicht dem Tage entgegen, wenn auf Befehl des ruſſiſchen Kaiſers und griechiſch⸗katholiſchen Papſtes der blaſſe Halbmond von der Sophien-Kathedrale herunterge⸗ nommen und dafür das echt goldene Kreuz aufgehißt wer den wird.

Dieſer griechiſche Prieſter in Conſtantinopel glaubt zu⸗ verſichtlich an den Sieg der moskowitiſchen Waffen und harrt des nahen Tages, an welchem alle ſeine Feinde niedergetreten werden.

Dieſer Feinde gibt es freilich nicht wenige. Da, über die hölzerne Brücke herüber, welche das Goldene Horn überſpannt, kommt freundlich und mit fettem Lächeln der ver⸗ haßteſte dieſer Feinde, der echte Jeſuit, der noch ſiegesgewiſſer in die Zukunft blickt als der magere, hagere Griechenpope. Was für ein derber, ſtattlicher Held des Glaubens und der Diplomatie mit ſeinem roſig geſunden Ausſehen, dieſer moderne Prieſter Loyola's! Sein ſchneller, herausfordernder Blick und ſein lächelndes, freies Benehmen, ſein feiner ſchwarzer Anzug mit dem weltbekannten kleinen, blauen Collet des Ordens, bekunden eine ganz andere Taktik als die früherer Zeiten, als ſich dieſe Herren katzenartig leiſe und geſchmeidig und verſtohlen einſchlichen. Der griechiſche Pope knirſcht mit den Zähnen, wenn er einem Exemplare dieſer von Rom impor tirten Herren begegnet, dieſem Wilddiebe auf ſeinem Jagd grunde, dieſem Wolfe im eigenen und nicht mehr in Schafs⸗ kleidern, der offen ein Schaf nach dem andern fängt und mit den Großen des Reiches verbotenen Wein trinkt, um viel⸗ leicht die neue Bekehrung von ein halb Dutzend Armeniern von dem griechiſch- zum römiſch⸗katholiſchen Glauben zu feiern. Eine große Menge Straßenkämpfe, nicht ſelten mit Blutver⸗ gießen, in Conſtantinopel entſtehen durch dieſe Bekehrungen von Armeniern. Auf dieſe geduldigen Schafe machen alle die Geiſtlichen und Miſſionäre der verſchiedenen Kirchen, römiſch katholiſche, proteſtantiſche, anglikaniſche, amerikaniſche u. ſ. w., ihre Hauptjagden und aus ihnen die beſte Beute Mohammedaner können auf keine Weiſe bekehrt und gewonnen werden, wie die eifrigſten Miſſionäre in der Türkei, in Syrien und Indien aus Erfahrung wiſſen; wenn er nicht mehr an Mohammed glaubt, glaubt er an gar nichts mehr und wird auf ſeine

Weiſe ein Philoſoph. Auch die Griechen halten feſt an der

Religion, in der ſie aufgewachſen ſind, der Religion Rußlands, auf welchem ihre weltlichen Hoffnungen beruhen. Von den Juden laſſen ſich nur zuweilen einige ganz arme Schelme, und dann nur für ſchweres Geld, bekehren. So bleiben be⸗ ſonders die Armenier als Schafe für Scheerung und Bekehrung übrig. Sie laſſen ſich von allen Völkern und Raſſen am leichteſten perſuadiren, und die Jeſuiten und römiſch⸗katholiſchen Miſſionäre machen gerade mit ihnen, zum höchſten Aerger für die Griechen, die brillanteſten Geſchäfte. Daher auch die wilden vrientaliſchen Religions⸗Emeuten, bei welchen das durch Faſten verdünnte orthodore Blut im brennenden Gehirn auf⸗ kocht und das Meſſer und die Feuersbrunſt den Wortkrieg endigt. Der Türke ſieht aus einer Art von tabakoficirtem Olymp, erhaben in ſeinem Seelenzuſtande, ſeinemKef zu und überzeugt ſich dadurch um ſo mehr, daß keine Art dieſer Chriſten einen Vorzug vor ſeinem Glauben an Allah oder ſeiner philoſophiſchen Gleichgültigkeit verdiene. Der Groß⸗Vezier und der Sultan ſelbſt werden furchtbar geplagt von dieſen rivaliftrenden Parteien. Man denke ſich den Padiſcha, den armen, klapperigen Wollüſtling, in hochhackigen Pariſer Stiefeln, ſich zwingend, ganz untürkiſch aufrecht zu ſitzen in ſeinem Palaſte und die langgewundenen Klagen des ruſſiſchen Geſandten über Mishandlung eines griechiſchen Diakonus im fernen Bulgarien mit anzuhören! Was kann der arme Großtürke Anderes thun, um ſeinen Peiniger zu beſchwichtigen, als Gerechtigkeit, Schadenerſatz und Strafe zu verſprechen? Dann kommt der kirchliche Vertreter Frankreichs, ſtreitſüchtig und ungeſtüm, um Rache gegen die Griechen zu verlangen, die einen katholiſchen Rayah mishandelt haben, auf weche Forderung der Moskowiter entgegnet, daß in dieſen Streitig⸗ keiten die Griechen allemal als Lämmer von den katholiſchen Wölfen behandelt werden. Es folgen ſpöttiſch⸗höfliche Dialoge poſitiver Verweigerungen, maskirte Drohungen und ſonſtige diplomatiſche Entladungen, die wie Bomben im feindlichen Lager niederfallen und platzen. Dieſe kleinen Kriege. werden durch Interbention des engliſchen Geſandten oft nogh ge⸗ ſteigert, und Se. Excellenz nimmt gar keinen Anſtand, ſeine Meinung dahin abzugeben, daß keine der kriegführenden Parteien weder ganz Recht noch Unrecht habe und eigentlich Niemand ſchuld ſei, als der unglückliche Sultan ſelbſt. Unter ſolchen Scenen kirchlichen und ſtaatlichen Inhalts hat der ſchwache Abdul Medſchid ſeit Einführung der Re⸗ formen immerwährend zu leiden. Und doch hat er kaum ein anderes Ideal, als mit ſeinem Champagner und Genana in Frieden zu leben und möglichſt viel baares Geld zu dieſem Geſchäfte zu haben. Aber er muß ſeit Jahren immer wieder ſich demüthigen laſſen und die Pfeife der Reſignation dazu rauchen. Die unmittelbare Urſache dieſer demüthigenden Streitigkeiten vor dem Throne des Sultans ſind die wichtigen Dolmetſcher der Dragomans, deren Ueberſetzungskunſt und Mundwerk durch die Macht und den Einfluß auswärtiger Geſandten und die Schwäche des Sultans von aller Furcht befreit ſind. Als die Türkei noch ſtark und excluſiv war und ſelbſt Geſandte vor den ſieben Thürmen Furcht hatten, nahmen ſich auch die Dragomans in Acht, durch zu getreue Ueber⸗ ſetzung ſtarker Ausdrücke ſich und ihre Herren in Gefahr zu bringen; außerdem hatten ſie eine Art Monopol, da nur Wenige das Talent beſaßen, deren Ueberſetzungen zu con⸗ troliren. Das iſt jetzt anders und für die auswärtigen Ge⸗ ſandten beſſer geworden. Es findet ſich immer einer oder der andere Attacht, der den Hauptinhalt einer türkiſchen Rede oder Erwiderung verſteht, und der Geſandte ſelbſt hat mit der Zeit etwas Türkiſch gelernt und außerdem einen Privat⸗ Secretär, einen Deutſchen oder Italiener, der außer Türkiſch ein halb Dutzend Sprachen ſchreibt und ſpricht und den Dragoman ſofort faſſen würde, wenn er von ehrlicher Ueber⸗ ſetzung abwiche. Letzterer iſt außerdem ein unabhängiger, ſogar privilegirter Freigeiſt geworden, dem weder das türkiſche Geſetz noch der Abſolutismus des Sultans etwas anhaben kann. Er iſt ein Berathlu, d. h. im Beſitze eines Beraths oder Talismans gegen alle Geſetze und Polizeimächte der Türkei, eines Documents, das für eine kleine Summe und