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griechiſchen Herrſchaft in Conſtantinopel. Nur die St. Sophien⸗
wieder einen ſcharfen Seitenblick auf Pentz, während er ſich an ſeiner Pfeife zu ſchaffen machte. Pentz wechſelte wirklich die Farbe; indeß verzog ſich ſein Geſicht zu einem boshaften Grinſen. „Narrenpoſſen!“ ſagte er, ſich tiefer ins Stroh wühlend. „Es wird ein Schrammſchuß geweſen ſein.“ „Der mir aber den Finger geſtreift hat und dann Lahr⸗ burch den Helm gedrungen iſt!“ ſetzte Schröder hinzu. Es iſt von Mehrern geſehen worden, und in meinem Zuge haben ſie ſich vorgenommen, künftig genau aufzupaſſen.“ Er ſprach dies mit eignem Nachdruck, denn er meinte, amit jedem ferneren Unglück vorzubeugen. Pentz indeß gähnte. „Willſt du dich nicht auch ſchlafen legen?“ fragte er. Ich bin hundemüde, und ich glaube nicht, daß wir Zeit ben werden, unſer Morgengebet zu halten.“
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Im Lager war' inzwiſchen ſehr ſtill geworden, man hörte lang gezogene Schnarchtöne, eine Gutteral⸗Muſik, die ſich von allen Seiten aus dem Stroh erhob.
Einige Fledermäuſe umſchwirrten, aus ihrer Ruhe ge— ſchreckt, in pfeilſchnellen Schwingungen das Feuer und miſeltn mit ihren Flügeln oft über das Stroh. Schröder hatte im Grunde nichts weiter zu erzählen; er erhob ſich, wünſchte dem Kameraden trocken gute Nacht und ging.
Ein dichter Nebelſchleier, den der Mond nur mühſam durchdrang, legte ſich über die Felder. Tiefe Stille herrſchte ringsum, nur unterbrochen durch den Schritt der Patrouillen,
das Ablöſen der Wachen und das Wiehern der Pferde.
Alles ſchlief dem heißen, denkwürdigen Tage des 27.
Juni entgegen.
(Fortſetzung folgt.)
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Vom kranken Mann am Posporus.
(Schlu Es gibt nur noch wenige Bruchſtücke und Ruinen der 9
lirche ragt noch in alter Majeſtät und Kraft hoch empor in den heiteren Himmel mit ihrem glänzenden Halbmonde auf dem gigantiſchen Dome, von dem einſt viele Jahrhunderte . g das griechiſche Kreuz herableuchtete. Die Wände im
nern ſind von der Türkenherrſchaft weiß überſtrichen wor— hin aber die goldene Moſaik, die vielfarbigen Marmorſtücke und die glitzernden Figuren der vſtrömiſchen Panagia und ihrer Heiligen ſchimmern hindurch. Hier ſcheinen ſie zu warten in ihrer ehemaligen Kathedrale, wo ſeit vier Jahrhunderten die Türken zu Allah und Mohammed beten, wie hinter einem weißen Schirme, bis griechiſche Hände den weißen Anſtrich wez haben, um die goldenen Figuren wieder in alter Herrlich⸗ keit leuchten zu laſſen. Die Griechen hoffen zuverſichtlich, daß, freilich mit ruſſiſcher Hülfe, dieſer Tag kommen werde und die griechiſch⸗katholiſchen Glöckchen wieder klingen, und ſchwarz— mäntelige Prieſter mit langen, wehenden Haaren und vier⸗ eckigen Kappen geſtikuliren und ſich verbeugen und Litaneien murmeln vor dem illuminirten Altare, wo jetzt türkiſche Jungen Stückchen zerbrochener Moſaik aus der griechiſchen Zeit an durchreiſende Engländer verkaufen. Ob der Derwiſch unter der hohen zuckerhutförmigen Pelzkappe, in der ſackartigen Serſche⸗ Robe und mit der klappernden Calabaſſe am Arme, der am Eingange zu einem Häufchen verſchleierter Frauen und Mäd⸗ chen predigt, wol eine Ahnung von dieſem kommenden Tage haben mag? Wie andächtig ſie lauſchen und wie er ſeine mageren Bettlerarme ausſtreckt und dieſe Calabaſſe, den künſt— lichen, hohlen Kürbis mit Steinchen aus dem heiligen Mekka, ſchüttelt und zu gutem Lebenswandel und guten Werken er— mahnt! Was er auch denken mag, die Griechen hegen keine Zweifel. Für ſie iſt's blos eine Frage der Zeit. Das Reich und Land gehört ihnen und wird ihnen wieder gehören; auf die Türken blicken ſie blos, als gewaltſame Eindringlinge, die hier kein Heimatsrecht und keine bleibende Stätte haben können. Auch der echte Türke denkt ſo und läßt deshalb auch nicht bauen und eultiviren, ſondern ſeine hölzernen Hütten und Häuſer über dem Kopfe verfallen und verfaulen, und macht ſein Teſtament, worin er beſtimmt, daß ſeine Gebeine in Aſiens gläubigem Boden ruhen ſollen, nicht in Europa, wo er blos wohnt wie in einem von Feinden umgebenen Lager. Sieh dort dieſe Proceſſivn von Barken auf den glänzenden Waſſern langſam zwiſchen luſtigen Kaiken und Kähnen hin⸗ übergleiten nach Skutari, wo der ungeheure Kirchhof mit Millionen von weißen Grabſteinen unter dunkeln Cypreſſen ſchimmert. Sie führen den Leichnam eines reichen Paſcha hinüber, und das Trauer⸗Geheul der gewerbsmäßigen Leid⸗ tragenden tönt herüber mit dem weichen Winde. Der alte Haſſan, oder wie er ſonſt heißen mag, wollte nicht ruhen in
ß.) Thraziens Erde, aus Furcht, daß ungläubige Giaurs ſein Grab entweihen könnten und auf demſelben chriſtlich beten. Zum Gebet, zum Gebet! kreiſcht es herunter von den hohen Minarets. Wie laut und ſchrill die Stimme des Muezzin, die hier unſere frommen Kirchenglocken erſetzt, heruntertönt, indem er die Gläubigen ermahnt, auf ihre Kniee zu ſinken oder in die Moſcheen zur Andacht zu eilen! Aber knieen ſie nieder und eilen ſie in die Kirchen? Nein, die alte, fanatiſche Koran Religion gehört der Vergangenheit an. Wol⸗ beugt ſich manches alte Türkenhaupt und manche Perle läuft durch andächtige Finger, aber die Moſcheen bleiben auch während der Andachtsſtunden ziemlich leer, und wir finden keine Spur von dem alten, fanatiſchen Feuereifer, und alle mögliche Ungläubige des Abendlandes und des Korans ſelbſt laufen gleichgültig oder ſpöttiſch an den Andächtigen und Moſcheen vorüber.
III.
Der große Conſtantin und kaiſerliche Schöpfer der jetzigen türkiſchen Hauptſtadt hat gewiß keine Ahnung gehabt, als er zum letzten Male ſeine ſterbenden Augen auf ſein glänzendes Lieblingswerk warf, das er mit allerhand künſtleriſcher Beute aus Rom geſchmückt hatte, was für ein Babel von feindlichen Religionen, Raſſen, Sprachen und Meinungen einſt in dieſer ſeiner Lieblingsſtadt ſich durcheinander wirren und gegenſeitig bekämpfen würde.
Dieſes nach ihm benannte Conſtantinopel iſt das Lieb⸗ lings⸗Jagdfeld für Di iplomaten aller Nationen, der Kampſplatz veligiöſer Sekten und eine Art S neutralem Boden für aller⸗ hand Abenteurer und Gauner; Oſt und Weſt, Nord und Süd miſcheu ſich hier durcheinander, um ihre verſchiedenen Intereſſen rückſichts; und ruchlos gegen einander geltend zu machen. Staatsreligion iſt natürlich der reine und einfache Islam nach den ſtrengſten Regeln der Sunniten. Abdul Medſchid iſt nicht nur Khalif, ſondern auch Sultan, Papſt und Kaiſer in einer Perſon. Dieſe doppelte, höchſte Autorität iſt allerdings nicht gering, beſonders die geiſtliche, unterſtützt und geheiligt durch die Ulemas und die mächtige Perſönlichkeit des Groß⸗ Mufti; aber der Islam bröckelt unaufhaltſamin ſeinem Ver— falle nieder. Die Ketzerlehren innerhalb des Mohammedanismus ſelbſt, beſonders die der Wechawiten, der mächtig ſtrömende Einfluß europäiſcher Culturen und Religionen und die ganze weltliche verſchuldete Hohlheit des Staates haben den einſt mächtigen Glauben bis zum Tode abgeſchwächt, deſſen Apoſtel einſt Feuer und Schwert bis zum Atlantiſchen Meere trugen. Die gebildeteren Türken ſind Rationaliſten geworden, und die unteren Klaſſen beſuchen nur noch ſpärlich die Moſcheen, um in kalter Gewohnheit Formen zu beobachten; die Mollahs


