Jahrgang 
1867
Seite
388
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Freilich, antwortetete der Füſilier.Der HerrLieutenant erinnern ſich doch, daß Sie heute eine Kugel von hinten..

E Leopold glaubte aus dem Munde dieſes Soldaten die ganze Löſung des Räthſels zu hören, denn das Geſicht deſſelben verrieth dies.

Allerdings! Ein Prellſchuß kann's nicht geweſen ſein, das habe ich mir bereits überlegt; ihr Stoß war zu heftig. Was alſo wiſſen Sie davon?

Wiſſen? erwiderte der Soldat noch verlegener und mit dem ſichtbaren Bemühen, nicht zu viel ſagen zu wollen. Eigentlich weiß ich nur wenig, aber...

So ſprechen Sie! Ihrem Lieutenant ſind Sie das ſchuldig! Bedenken Sie, was ſollen meine Kameraden davon denken!

Ich will ja auch ſagen, was ich weiß. Deshalb bin ich ja gekommen! antwortete der Soldat muthiger und mit treuherzigem Ausdruck.Sehen Sie, Herr Lieutenant.. Aber Sie müſſen mir verſprechen, mich nicht zu verrathen, den

Hier kratzte er ſich wieder verlegen in den Haaren.

Nun gut denn; ich verſpreche es! Alſo?

Sie erinnern ſich doch, wie wir uns zum Plänkeln auflöſten und mit den Oeſterreichern ſo luſtig unſere Schüſſe wechſelten, daß ſie immer ſechs für einen zurückerhielten. Da plötzlich traf mich ſchräg von hinten eine Kugel, die mir den Finger hier ſtreifte, als ich eben das Gewehr wieder an die Backe legen wollte, um mir meinen Mann aufs Korn zu nehmen. Die Kugel kam ſeitwärts von hinten, ſtreifte mich und ſchlug Ihnen in den Helm... Weiter weiß ich nichts, Herr Lieutenant! ſetzte er mit ängſtlicher Betonung hinzu. Gewiß nicht!

Leopold blickte ihn ſcharf an. wirklich gut mit ihm meinte.

Da dachte ich denn, als wir aus dem Gefecht mar⸗ ſchirten: du mußt den Herrn Lieutenant gleich heute Abend warnen, denn es könnte ja noch einmal wieder eine Kugel für ihn geladen werden von einem...

Hier biß er ſich auf die Zunge und ſchwieg.

Und Sie wiſſen auf Ihr Wort nicht, von wem die Kugel kam? fragte Leopold, die Stirn runzelnd.

Wahr und wahrhaftig nicht, Herr Lieutenant. Aber ich ſchwöre es Ihnen, ich werde in Zukunft aufpaſſen!

Leopold ſchwieg und blickte ſinnend vor ſich hin.

Es iſt gut; ich danke Ihnen, Schröder! ſagte er endlich.Geben Sie nur auf den Feind Acht. Uebrigens, ſetzte er langſam hinzu,können Sie ſich auch vielleicht ge irrt haben!

Zu Befehl, Herr Lieutenant! ſagte der Soldat, legte ſalutirend die Hand an die Mütze und ging, froh, aus dieſer Klemme herausgekommen zu ſein, in die ihn ſein Pflicht⸗ bewußtſein geführt.

Ich weiß recht gut, wer der Schurke war! murmelte der Soldat vor ſich hin.Ich weiß es, aber ſchwören könnt' ich doch nicht darauf! Herr Lahrſtein muß ja doch ſelber wiſſen, wo er ſeine Feinde zu ſuchen hat; aber ich will ein ſcharfes Auge auf ihn haben!

Hm! war Alles, was Leopold vor ſich hinſprach, während er dem Soldaten nachblickte.

Damit nahm er ſeinen Helm, ſuchte das Loch in dem ſelben ſo gut wie möglich wieder zu ſchließen und nahm ſich vor, von dem Schuß ſeinen Kameraden kein Wort zu er⸗ zählen.

Leopold reflectirte dabei folgendermaßen: Es iſt nur ein Einziger, dem ich dieſen Bubenſtreich zuſchreiben könnte, aber auch das wage ich nicht, darf ich nicht wagen. Die Sache an die große Glocke zu hängen, wäre nicht klug gehandelt; es fiele damit ein Makel auf die ganze Compagnie, ohne daß ich im Stande wäre, irgend Jemand zu beſchuldigen. Viel⸗ leicht gelingt es mir, den Schröder noch weiter auszuforſchen, obgleich es wirklich ſchien, als habe er Alles geſagt, was er weiß. Eine

Er ſah, daß es der Mann

Viertelſtunde ſpäter ſaß Leopold mit ſeinen

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Kameraden im heiterſten Geſpräch um das Lagerfeuer; ſein lebhaftes Temperament hatte den ganzen Vorfall in den Wind geſchlagen.

Inzwiſchen ſaß der Füſilier Schröder an demſelben Lager feuer, vor welchem Pentz ſich ſchweigend und ſeinen düſtern Betrachtungen nachhängend auf das Stroh geſtreckt.

Es hatte reichliche Rationen gegeben, Alles hatte bereits abgekocht und mancher Kamerad ſich bereits ermüdet von der Hitze des Tages und einem zweimaligen Gefecht, zur Ruhe ausgeſtreckt, denn der Befehl war bereits da, am andern Morgen um 3 Uhr mobil zu ſein und um 4 Uhr marſch bereit zu ſtehen.

Niemand zweifelte daran, daß die heutige Recognoſcirung der Oeſterreicher nur das Vorſpiel eines morgen zu erwarten⸗ den ernſten Engagements ſei. Man wußte, daß der Feind in ſicheren Poſitionen wenige Stunden entfernt an der Iſer ſtehe und daß er die Defileen jenſeits des Waldes ſtark be⸗ ſetzt halte.

Schröder war einer der ehrlichſten und biederſten Ge⸗ ſellen; er hatte das Pulver nicht erfunden, dafür aber ſeine richtige Portion geſunden Menſchenverſtand. Daheim im Dorfe hatte er mit Pentz ſtets wenig zu ſchaffen gehabt, in der Compagnie hatte er ihn auch jetzt anfangs gemieden; er hatte alſo ſeine Gründe, wenn er ihn jetzt im Bivouak nuter irgend einem plauſiblen Vorwande aufſuchte.

Im Grunde war das heut' eine ganz propre Affaire, ſagte er, während er die Füße, vor ſich ausſtreckend, auf dem Stroh ſaß, in die kniſternde Glut blickte und ſeine Pfeife ſtopfte.

Pentz war ſo vertieft in ſeine Grübelei, daß er nicht antwortete, vielleicht auch gar nicht gehört hatte.

Es iſt doch ein ganz eigenthümliches Gefühl, ſo zum erſten Mal dem Feind unter die Naſe zu ſehen und ohne eine Miene zu verziehen auf ſich anſchlagen zu laſſen. So ganz anders als bei den Manövern.

Pentz blickte auf, als erwache er aus tiefen Betrachtungen. Schröder warf unbemerkt einen Seitenblick auf ihn.

Du biſt's, Schröder? fragte der Erſtere gedehnt... Sagteſt du nicht ſoeben etwas?

Ich ſagte, es ſei doch ein eignes Gefühl, ſo zum erſten Male feindliches Pulver zu riechen.

Ja, es iſt ſo was für einen Liebhaber! antwortete Pentz mit ſarkaſtiſchem Ausdruck.Der Krieg iſt ein Luxus, den ſich ein Staat nur im dringendſten Nothfall erlauben darf, ſagte kürzlich ein Redner in einer unſerer Verſamm⸗ lungen.

Schon möglich, Pentz; aber es iſt wol nicht unſere Sache, darüber zu urtheilen, ob dieſe Nothwendigkeit da iſt, ſprach Schröder in ſeiner treuherzigen Weiſe.Sobald wir den Rock des Königs tragen, ſollen wir aufhören, eine Meinung zu haben.

Und mit dem Rock gehört dem König auch unſere Haut und Alles was darin ſteckt. Ich dächte, da ſollte man doch etwas meinen können! ſagte Pentz ſpöttiſch.

Mir macht der Krieg jetzt Spaß, fuhr Schröder fort, und den Andern auch; ſie ſind ganz des Teufels ſeit ſie Blut geleckt haben. Sonderbar! Wenn ich zu Hauſe ſo kalt⸗ blütig auf einen Menſchen hätte viſiren und losdrücken ſollen wie hier, ich hätte das nimmermehr fertig gekriegt.

Ja, ſo iſt es mit den ſchönen Lehren der Religion! rief Pentz, höhniſch lachend.Wer Blut vergießt, deß Blut ſoll wieder vergoſſen werden... Schade, daß wir nicht mit der Bibel ins Feld ziehen, obgleich wir nicht verſäumt haben, die Pfaffen mit hierher zu ſchleppen.

Das mögen Andere verantworten, fuhr Schröder fort. Wir ſind Soldaten und müſſen unſere Pflicht thun... Haſt du wol unſern Lieutenant Lahrſtein bemerkt, wie tapfer und unerſchrocken der im Feuer ſtand?

Was geht mich dein Lieutenant an?

Nu, ich komme nur auf ihn, weil man ſich erzählt, es habe heute im Gefecht Einer aus unſerer eigenen Compagnie auf ihn geſchoſſen, ſagte Schröder mit Betonung und heftete