Jahrgang 
1867
Seite
387
Einzelbild herunterladen

.

387

daß man abſichtlich den Feind tief hinein in die Päſſe locke, und dies war nur zu wahrſcheinlich. Man hatte aber auch erfahren, daß, wenn dies geſchehen, die Forſtbeamten mit Hülfe der Landleute die Bäume fällen und den Preußen ſo den Rückweg verhauen ſollten, während Benedek ſie mit ganzer Gewalt bei der Stirn faſſen werde.

Wie dem ſein mochte, die drei Armeen drangen durch die Päſſe vor. Die Avantgarde marſchirte und bivouakirte mit ſtarken Vorpoſten. Man ſah nun Patrouillen der Oeſter⸗ reicher, die ſich in großer Entfernung zurückzogen.

Die Armee des Prinzen von Preußen und die Elb⸗Armee ſtiegen am vierten Tage aus den Päſſen in die Ebene hinab, und ihre Einigung war gelungen, nachdem ſie ſo lange durch

das Gebirg und die Waldungen iſolirt vorwärts marſchirt.

Hier in der Ebene erwartete man mit Beſtimmtheit den Feind. Spione hatten gemeldet, die ganze öſterreichiſche Nord⸗Armee läge hier in der Ebene, um die Preußen in die Päſſe zurückzuwerfen.

Inzwiſchen aber hatte ſich dieſe genöthigt geſehen, weiter landeinwärts an der Iſer Aufſtellung zu nehmen.

Jetzt kam der 26. Juni, an welchem das erſte Blut in dieſem Kriege fließen ſollte.

Die Avantgarde der Elb⸗Armee bivouakirte bei Poſtrum mit drei Bataillonen auf Vorpoſten. Die feindlichen Patrouillen waren verſchwunden. Am Morgen dieſes Tages um 6 Uhr brach man auf, um bis zum Ausgang des Defilé bei Plauſchnitz vorzugehen.

Ein Theil der die Tete führenden Schwadron ging jedoch über dieſes hinaus und traf jenſeits des Waldes von Kuriwoda (Hühnerwaſſer) auf eine Schwadron öſterreichiſcher Nikolaus⸗ Huſaren und Infanterie des italieniſchen Regiments Haugwitz.

Die preußiſchen Huſaren zogen ſich zurück, die öſter⸗ reichiſchen verfolgten ſie und zwar unvorſichtiger Weiſe ſo weit, daß der andere Theil der preußiſchen Schwadron den Nikolaus⸗ Huſaren in die Flanke fallen und ſie zerſtreuen konnte.

Als die letztere jetzt den Rückzug antrat, ward ſie vom Walde aus mit Infanterie⸗Feuer empfangen, bei welcher Gelegenheit die Preußen die von ihnen gemachten Gefangenen verloren.

Die preußiſche Infanterie erhielt jetzt Befehl, in den Wald zu gehen. Die Oeſterreicher zogen ſich aus demſelben, dann aus dem Dorf Hühnerwaſſer auch durch den ſüdlich gelegenen Wald zurück und nahmen dann hinter demſelben

Stellung. Der Tag verſtrich ruhig. Die Preußen hielten das Dorf beſetzt.

Da gegen Abend unternahm der öſterreichiſche Feld⸗ marſchall⸗Lieutenant Gondrecourt eine ſtarke Recognoſcirung und rückte auf der Chauſſee von Münchengrätz gegen die

preußiſchen Vorpoſten an.

Ein heftiges Gefecht entwickelte ſich am Eingang des gleich jenſeits des Dorfes liegenden Waldes, durch welchen

die Chauſſee führte. Die Oeſterreicher hielten die Liſiere be⸗

ſetzt. Die Preußen gingen auf der Chauſſee, ebenſo links und rechts des Waldes vor.

Leopold's Bataillon befand ſich im lebhafteſten Kugel wechſel mit den am Waldesrand aufgeſtellten öſterreichiſchen Feldjägern, deren Stellung durch Flankirung ſtark bedroht ward.

Es war das erſte Mal, wo er in die Mündungen der feindlichen Stutzen blickte. Sein junges und heißes Blut führte ihn in den dichteſten Kugelregen; gleichgültig gegen die Gefahr, feuerte er auf den dichtbeſtandenen Waldrand, in den ſich die öſterreichiſchen Jäger aus den Kornfeldern eben zurückgezogen, während ihm zur Seite die Kameraden auf der Chauſſee ſchnelle Fortſchritte gewannen.

Da plötzlich fühlte er einen Schlag am Hinterkopf, der ihm den Helm vom Kopfe riß; gleichzeitig ziſchten zwei Kugeln über dieſen hinweg, und nur ſeiner vorwärts ge beugten Stellung dankte er das Leben.

Als er wieder aufblickte, drangen die Seinen in den Wald. Der Feind vertiefte ſich hinter die dicken Baumſtämme,

gab langſam und kämpfend ſeine Stellung auf und zog ſich bis zu dem Defilé des Tella⸗Bachs zurück.

Hier ward von den Preußen der Rückmarſch angeordnet, da der dichte Wald keinen Ueberblick gewährte. Die Truppen cantonnirten theils im Dorf, theils bezogen ſie ihre Bivouaks in der Nähe deſſelben, während das Gros ſich um Niemes lagerte.

Die Kornfelder längs des Waldes, die Chauſſee bis tief hinein in denſelben waren mit Leichen bedeckt; überall zwiſchen dem Farrnkraut des Waldbodens, zwiſchen den nieder⸗ getretenen Aehren, in den Gräben bezeichneten die ſchwarzen, ſchillernden Hahnfederbüſche der Jägerhüte einen Braven, der kämpfend und ſterbend dahin geſunken.

Lange war das Gefecht ſchon beendet, da ſah man auf der breiten Wald⸗Chauſſee noch ein weißgraues Roß blutend hin⸗ und herſchwanken, um ſeinen Herrn zu ſuchen, und endlich an deſſen Seite zuſammenbrechen, um in ſeiner Nähe zu ſterben..

Der Abend war über dem Gefecht herab gekommen; tiefe Ruhe herrſchte zwiſchen den beiden Wäldern; vom tief⸗ blauen Himmel blitzten die Sterne; die Nacht ſank allmählich; ſie allein hörte den letzten Seufzer ſo manches tapfern Jägers, der mit klaffender Wunde das Dunkel des Waldes geſucht, um hier, unentweiht von Feindeshand, das Auge zu ſchließen.

Die Lagerfeuer loderten wenige Stunden vom Iſer⸗Thal und warfen ihre flackernden Lichter anf die bleichen Baum⸗ ſtämme des Waldes. Leopold faß am Boden vor ſeinem

Zelt; ſein lebhafter Geiſt rief ſich noch einmal die Momente

des Gefechtes zurück mit dem ganzen Hochgefühl eines Soldaten, der die Feuertaufe überſtanden.

Er war mit ſich ſelbſt zufrieden, und auch ſeine Leute hatten die Ueberzeugung in das Bivouak getragen, daß ihr Lieutenantein ganzer Kerl ſei.

Nur Eins war ihm unklar, nämlich die Stellung, die er angenommen haben mochte, als es jener Kugel gelungen war, ſeinen Helm im Rücken zu treffen.

Ganz genau erinnerte er ſich, daß die Liſiere des Wal⸗ des vor ihm gelegen, als er ſich gebeugt, um den vom Kopf geſchoſſenen Helm zu erfaſſen. Wer ihn aber nicht beob⸗ achtet, dem mußte dieſes Loch in dem letzteren eine keines⸗

wegs vortheilhafte Meinung von ſeiner Haltung während des

Gefechtes einflößen.

Dieſer dunkle Punkt machte ihn einigermaßen verſtimmt. Was mochten ſeine Kameraden insgeheim denken, während doch in ſeiner Mannſchaft ihm Jeder bezeugen konnte, daß er ſich eher leichtſinnig dem Feuer exponirt, als demſelben aus dem Wege gegangen.

Da trat einer ſeiner Leute langſam und zögend an ihn heran.

Herr Lieutenant, begann der Soldat mit ſichtbarer Verlegenheit. Dann ſtockte er und wußte offenbar nicht, ob er reden ſolle, oder ob es nicht vielleicht beſſer geweſen wäre, zu ſchweigen.

Was wollen Sie, Schröder? fragte Leopold, einen der Arbeiter ſeines Vaters erkennend, deren er mehr in ſeinem Zuge hatte.Iſt Ihnen etwas geſchehen! ſetzte er hinzu, vermuthend, daß es ſich um irgend einen Schaden handele, den der Soldat genommen.

Nein, Herr Lieutenant, antwortete dieſer in derſelben Verlegenheit.Mir nicht!

Alſo was iſt? rief Leopold ungeduldig.Heraus mit der Sprache!

Herr Lieutenant, fuhr der Füſilier fort.Ich dachte mir... ich wollte... Ich weiß wahrhaftig nicht, ob es recht von mir iſt, denn...

Gut, wenn Sie's nicht wiſſen, ſo überlegen Sie's! glaubte Leopold die Unterhaltung abzuſchneiden.

Das hab' ich auch ſchon gethan, und da meinte ich, es ſei jedenfalls gut, Sie zu warnen, wie das ja meine Pflicht iſt, zumal wir Alle recht viel von Ihnen halten.

Leopold horchte auf.

Mich zu warnen? wiederholte er.

495