Jahrgang 
1867
Seite
386
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Stadt, als ſie ahnungslos der glühende und vernichtende Aſchenregen überfiel.

Und inmitten dieſes Idylls verkündet der dumpfe Donner der Geſchütze die Verheerung, welche der Menſch über die blühenden Fluren und über ſich ſelbſt verhängt!

Die Colonne ſteht zum Gefechte fertig.

Dort drüben vor ihr auf den Abhängen erheben ſich im Sonnenglanz weiße Wölkchen, ſo unſchuldig wie die Fittiche eines Engels, geſäumt wie von Schwanenflaum und luſtig im Himmelsblau ſchlagend. Aber es ſind die Flügel der Schlachtenfurie, die aus eiſernem Mund daher brüllt, Tauſende zerſchmettert, Blut und Todesſeufzer umherſtreuend, wie ſie praſſelnd zwiſchen die Glieder Derer fährt, welche ſie ſich als Opfer erwählt.

Dort über die Felder, unterhalb der weißen Engels⸗ fittiche, bewegt es ſich ſo buntfarbig wie ein Kornfeld mit rothem Mohn⸗ und blauen Kornblumen. Hin und her wehen die friſchen Farben, überdeckt mit einem leichten Nebelhauch, wie wenn die Blüte der Felder ihn ausſtrömte. Es ſieht ſo luſtig, ſo lebendig aus.

Aber vorwärts rücken jetzt die Colonnen der eng ge⸗ ſchloſſenen Männer und deutlicher wird ihnen das bunte, luſtige Kornfeld.

Blutlachen und Gaſſen von Leichen und Verwundeten bezeichnen den Schritt des Kampfes; die Colonne rückt weiter in feierlich langſamem Schritt fahren die Lazarethwagen der Colonne entgegen, beladen mit blutigen Leibern, ſchmerzent⸗ ſtellten bleichen und blutloſen Geſichtern. Mit finſtern Mienen kommen ihr die ſchweigſamen Männer mit den Bahren ent⸗ gegen, die Unglückliche aus dem Kampfe tragen; immer mehren ſich die Leichen, immer heller und näher wird der Donner mit den Engelsfittichen, immer wilder und grauſiger werden die Formationen, die Anfangs ſo harmlos erſchienen.

Praſſelnd hageln die Granaten auf die ins Gefecht ziehenden Bataillone; in ſauſendem Galopp jagen die Geſchütze in den Kampf, hinweg über die Leichen, über die Blutfelder. Donnernd dröhnen ſie hüben und drüben; knatternd miſchen ſich die Salven der Gewehre hinein, und hoch aufbäumend

ſtürzen ſich die Schwadronen der Reiter in die Maſſen.

Was iſt ein Schlachtenbild auf todter Leinwand gegen dieſe bluttriefende Wahrhheit!

Hin und her wogt das bunte Feld der beweglichen Heeres⸗ Abtheilung. Hier reißen die Granaten eine Lücke, die ſich über den letzten Seufzern der fallenden Kameraden wieder ſchließt. Dort eine Krümmung, ein Bogen, ein Zickzack in der Gefechts⸗ Linie, wie es das Schickſal der Waffen will, und dort wieder umhüllt der Qualm der Musketen und Geſchütze ein Wäldchen, ein Dorf, bis er ſich wieder klärt und die helle Lohe aus den Häuſern der Unglücklichen ſchlägt, die ihr Eigenthum fliehend verlaſſen, um das jetzt mit dem koſtbarſten Blute ge⸗ kämpft wird.

Lohe und züngelnde Flammen, Leichenhaufen und ganze Gaſſen von Verwuudeten, nach Hülfe Seufzende läßt der Kampf Er tobt weiter. Immer in veränderter Stellung erhebt ſich der Pulverdampf, brüllt der Donner der Geſchütze bis er endlich langſam verpufft, ſich in einzelnen Deto⸗ nationen vergrollt.

Ermattet trocknet der Sieger den Schweiß von der blutenden Stirn. Alles wird plötzlich wieder ſtill, unheim lich ſtill. Die Reiter haben ſich das Fußvolk hat ſich wieder geſchloſſen, man ſteckt die Lagerſtätten aus und ruht angeſichts der brennenden Dörfer, deren Flammenſäul en die hellere Sonne zu verzehren ſcheint.

Ein grauſiges Idyll, die Ruhe der Truppen in der Ebene nach der Schlacht! Sie raſten. Nur jene Männer des barmherzigen Werkes. auf dem Verbandplatze ſind raſt⸗ los thätig, zu retten was nicht ſchon erkaltet. Hin und her bewegen ſich ſtill und feierlich Die mit den Bahren, aus den Aehrenfeldern ſammelnd, was gefallen, aus den hohen Aehren, zwiſchen denen ſo manches ſchöne Leben ungefunden aushaucht, dem Schwert oder Blei noch warmen Athem zurückgelaſſen.

Und am andern Morgen ziehen ſie luſtig weiter. Wohl

ſo Mancher vermißt ſeinen Nebenmann, der in fremder Erde während der Nacht noch eingeſcharrt worden, für deſſen Leben daheim vielleicht ſpeben noch eine zärtliche Mutter betet!

Sie ziehen weiter, vorwärts mit leuchtendem Auge, denn der Sieg läßt Alles vergeſſen; oder rückwärts mit geſenktem Blick, die Stunde erſehnend, welche die vielleicht unverdiente Scharte auswetzen ſoll! Heute roth, morgen todt! Die Zukunft des Soldaten iſt gerade nur ſo lang wie der Flug einer Kugel, oder das Maß einer Säbelklinge.

9. Die verdächtige Kugel.

Leopold's Compagnie war eine der erſten, welche unter einem Hurrah die Grenze überſchritt. Laut und erwartungs⸗ voll klopfte ſein Herz, als er die ſchmalen Päſſe betrat, die ins Böhmerland führten. Aber man ſah wohl zitternde Dorf⸗ bewohner, welche den von der Hitze gequälten Soldaten bereit⸗ willig einen Labetrunk entgegen brachten vom Feinde keine Spur.

Doppelt unheimlich war dieſe Stille, wo jeder auf ein Zuſammentreffen mit den feindlichen Vorpoſten gefaßt ge⸗ weſen.

Auch Pentz ſchien an dieſem wichtigeg Morgen ſeine Unglücksphiloſophie vergeſſen zu haben.

Als der Oberſt beim Rendezvous in kurzer Entfernung von der Grenze dem Regimente eine Anſprache hielt, ermahnte er mehrere Soldaten, die durch Vergehen Strafe verwirkt, von denen er aber erwarte, daß ſie dieſe durch beſondere Bravour vor dem Feinde wieder von ſich ſ würden.

Wohl zog bei dieſer Stelle der Anſprache ein Schatten über das Geſicht des jungen Arbeiters, denn ſie traf ihn an der empfindlichſten Stelle; indeß glättete ſich ſeine Stirn wieder, und die Bedeutſamkeit des Momentes ließ ihn auch vergeſſen, wie ſchwer die Muskete ſeine Schulter drückte, die Muskete, die doch auch eine Strafe für ihn war..

Als er ſah, wie auf dem beſchwerlichen Marſch manche ſeiner Kameraden die ihnen überflüſſig erſcheinenden Brot⸗ rationen von ſich warfen, und die Offiziere vergeblich hier⸗ gegen warnten, dictirte ihm ſeine Philoſophie wieder einige ſociale Betrachtungen.

Sie haben nie für's elende Brot arbeiten müſſen! Sie wiſſen nicht, daß für dieſes elende Brot ein ganzes, noch elenderes Leben ſich langſam zu Tode ſchinden muß! mur⸗ melte er vor ſich hin...Brot für die Würmer, die uns hier in Böhmen freſſen ſollen, ſind wir ja ſelber! ſetzte er mit boshaftem Lachen hinzu.

Das verdarb denn auch allmählich ſeine Laune wieder, als die Soldaten ſich beim weiteren Vormarſch überzeugt glaubten, daß man überhaupt heute nicht auf den Feind ſtoßen werde.

Als Leopold jetzt zufällig hinter ſeinem Zuge zurückge⸗ blieben war und, neben der Colonne herſchreitend, mit ſeinen nächſten Kameraden plauderte, haftete das Auge des Arbeiters finſter auf ſeinem Todfeind.

Er ſah, wie der junge Lahrſtein in der heiterſten Laune

war, ſah, wie er beim Betreten einer Dorfſtraße einem der

mit ängſtlichen Mienen vor den Häuſern ſtehenden friſchen deutſch-böhmiſchen Mädchen unter das Kinn griff, und das junge Mädchen, ohne Furcht zu zeigen, dem hübſchen jungen Offizier freundlich zulachte.

Finſter legte ſich unwillkührlich Pentz' Hand an den Kol ben ſeiner Muskete. Er dachte an das heimatliche Dorf, dachte an Marie, und ein bitteres Wort über das ganze Weibergeſchlecht drang über ſeine Lippen.

Ein Tag folgte dem andern. Schwere Märſche, luſtige Bivouaks an den Wh der böhmiſchen Hügel, auf den duftigen Wieſen der Lichtungen!

Fünf Tage verſtrichen dieſem Armee⸗Corps und noch immer war kein Schuß gefallen.

Wohl hatten ſich unter den höheren Offizieren bedenk⸗ liche Anſichten erhoben. Das Obercommando hatte erfahren,

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