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Herausgeber: Hans Wachenhuſen. X. Jahrgang. 1867. M 25.
Das Meerweib.
Erzählung von Hans Wachenhuſen.
(Fortſetzung.)
3. Morgenroth.
ie Kunde von dem Einmarſch der preußiſchen Truppen
ſtog durch die ganze Welt, und ſeltſam genug mochte Sſe in demſelben Augenblick ſchon jenſeits des Oceans einKeffen, als, ehe die Sonne dieſes Tages hoch am Himmel ſtand, die Parlamentäre des eindringenden Feindes mit ver⸗ bundenen Augen bei den Commandanten der öſterreichiſchen Vorpoſten eintrafen und dieſen die Kriegserklärung übergaben.
Jedem Einzelnen ſtehen dieſe erſten Tage des deutſchen Krieges noch ſo lebhaft vor dem Gedächtniß, daß es mir über⸗ flüſſig erſcheint, ſie hier zu wiederholen.
Man nannte ihn einen ſiebentägigen Krieg, und doch haben die Geſchichtſchreiber der Gegenwart, vielleicht um des pikanten Titels willen, im Gegenſatz zu dem ſiebenjährigen Kriege, ſich um einen Tag verzählt. Der Krieg von 1866, ſofern man ihn von dem erſten Treffen bis zur Schlacht von Königgrätz zählen will, dauerte nicht ſieben, ſondern acht Tage, da das Treffen von Hühnerwaſſer irrthümlich auf den 27. Juni erlegt wurde, in der Wirklichkeit aber am 26. ſchon ſtattfand..
Am Morgen des 22. Juni wars im Lager bereits im erſten Morgengrauen lebendig.
Die Zelte wurden abgebrochen; die Bataillone ſtanden marſchfertig, als der erſte Sonnenſtrahl auf den blanken Bajonetten ſpielte.
Der Hügelzug, der in der Abenddämmerung vom Nebel ſo geheimnißvoll verhüllt geweſen, zeichnete ſich mit ſeinen grünen, waldigen Cynturen am reinen, blauen Himmel ab. Der Nachtthau perlte in den Gräſern, kein Luftzug bewegte die jungen Aehren der Kornfelder, welche der Huf der Roſſe, die breite Spur der Geſchütze und Magazin Colonnen zermalmten. Die Lerche ſtieg, ihr Morgenlied ſingend, in den blauen Aether und ſtand hoch über den bunten Maſſen, welche ſich längs der Grenze geſammelt.
Es war ein Frühſommermorgen, ſo ſchön, ſo poetiſch groß, als rufe der Himmel die Seinen zu Frieden und Freuden.
Und doch war nichts von dieſem Hochgefühl in der Bruſt aller Derer, welche das Commando ſchon im Morgen⸗ dunkel aus dem Schlummer geweckt.
Mit thaubeperlten Geſichtern hatten ſich die Soldaten vom Stroh erhoben. Mit jener ſpannungsvollen Geſchäftig⸗
Wachenhuſen's Hausfreund.
keit, die vor großen und entſcheidenden Momenten jede Fiber, jeden Nerv in uns zu erhöhter Schuldigkeit ſtrafft, oft wol auch mit einem ahnungsvollen Blick auf die Grenzhügel, hinter denen ihr Schickſal wartete, hatten Alle ſich zum Marſch gerüſtet.
Die Stimme der Adjutanten und der Offiziere erſchallte. Die Compagnien formirten ſich. Eine flüchtige Muſterung, dann ſetzten ſich die Colonnen in Marſch der Grenze zu.
Selten weiß der Soldat, wann ihm ein Treffen bevor⸗ ſteht. Er marſchirt, er raſtet, bricht wieder auf und raſtet wieder. Selbſt den unteren Offizieren iſt nichts bewußt von der Nähe eines Treffens. In Schachzügen bewegen ſich die Colonnen nach dem Wink einer unſichtbaren Hand, und nur wenn das dumpfe Brummen der Geſchütze ihnen ſagt, daß die Spitze bereits mit dem Feind zuſammen gerathen, wenn das bedeutungsvolle Halt commandirt wird, um den Befehl, der ins Gefecht ruft, zu erwarten, erſt dann weiß der Soldat, daß in den nächſten Stunden, ja vielleicht Minuten ſein Leben von dem Fluge einer Kugel abhängt, der er nicht ausweichen und die er nicht ſuchen kann, weil ihr Flug eben ein unbe⸗ rechenbarer iſt.
Es ſind ſchöne Momente, die Stunden und Tage des Feldlebens, große und feierliche Momente aber auch, wenn das Herz in lauteren Schlägen pocht und Mann an Mann geſchloſſen und feſten, ſicheren Fußes dem Verhängniß ent⸗ gegenſchreitet.
Der Himmel iſt blau, kein Wölkchen trübt der Morgen⸗ ſonne ſtrahlendes Licht. Ein herrliches Idyll, liegt die blühende Landſchaft mit ihren Wäldern und Feldern, ihren weißen Meierhäuschen, ihren Schlöſſern und Kirchen vor uns. Luſtig gießt ſich der Mühlbach ins Thal; die Tauben fliegen um des Bauern Dach, auf dem der Storch ahnungslos ſeine Jungen füttert. Dort ſteht der Roſenſtrauch vor des Land⸗ manns Fenſter; der Kanarienvogel über ihm ſchmettert ſeine Lieder den daher ziehenden Colonnen entgegen; der wirth⸗ ſchaftlichen Hand wartend, hängt die Wäſche auf den Leinen im Hofe, und der ſchwarze Kater blickt verwundert vom Abhang des Daches herab.
Es iſt Alles ſo, wie es tiefſten Frieden geweſen; aber es iſt Alles in dieſem tiefſten Frieden plötzlich erſtarrt, als ſich die Kriegsmaſſen heranwälzten, und der arme Landmann floh, ganz plötzlich erſtarrt wie in Pompeji, der verſchütteten
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