Mutſellim oder Fähnrich iſt zufrieden, wenn er die ihm aus⸗ gemachten hundertundzwanzig Thaler jährlich auch wirklich empfängt, da er ſich auf andere Weiſe und privatim auf Koſten von Civilperſonen wie die Gemeinen durchzuſchlagen lernen muß. Das türkiſche Militär dinirt und ſoupirt häufig auf Koſten der Landleute und füllt ſeine Pfeifen für baares Geld, das es, wie man ſich mit grimmigem Humor ausdrückt, für Abnutzung der Zähne zu verſchaffen weiß. Die Soldaten machen nämlich oft Ausflüge ins Land, um Ruhe und Ord— nung herzuſtellen oder zu erhalten, und freſſen dabei die armen Landleute beinahe auf oder treiben ſie erſt recht zur Empörung. Es ſind keine Janitſcharen mehr, aber ſie machen es in Ausſaugung und Beunruhigung des Landes nicht viel beſſer. Die Janitſcharen ſind ausgerottet, werden aber noch von Vielen betrauert und bewundert, und die reactionäre oder conſervative Partei hat nicht nur den Namen Janit— ſcharen angenommen, ſondern verfolgt auch deren Zwecke. Sie iſt nicht ſchwach mit ihrem Haupte fürſtlicher Abſtammung und ihren vielen reichen und mächtigen Mitgliedern, reichen Gutsbeſitzern, grimmigen Paſchas und jenen ſtammbaum— ſtolzen bosniſchen Beys, welche die einzige Erbariſtokratie der europäiſchen Türkei bilden. Seltſamer Weiſe ermuthigt und unterſtützt Rußland dieſe Ultra⸗Mohammedaner in ihren Ver⸗ ſchwörungen und Cabalen, und viele angeſeſſene und ange⸗ ſehene Engländer gehen blos mit dieſer ſtreng antichriſtlichen Partei um, wahrſcheinlich um auf dieſe Weiſe deren und Rußlands Pläne auszuſpüren und nach Kräften zu kreuzen.
Auch die Derwiſche haben wol ihre geheime politiſche Bedeutung und Miſſion. Die tanzende Sorte in Pera ꝛ0. mag mehr ſeltſam als intereſſant ſein; aber die„heulenden“ Collegen drüben in Skutari und ſonſt in Klein⸗Aſien gelten als ſehr gefährliche Leute und geheime Agenten der fanatiſchen Janitſcharen⸗Partei, die alſo wahrſcheinlich bei Löſung der vrientaliſchen Frage mindeſtens ihren Einfluß und Einſpruch dazwiſchen heulen werden. Endlich noch eine Clique, die nicht überſehen werden darf.
In der ſchmuzigen und ſtillen Vorſtadt Fanar wohnen und conſpiriren die feinſten Intriguanten der Levante, Ab⸗ kömmlinge alter Familien aus dem griechiſch⸗kaiſerlichen Byzan⸗ tium, welche einſt Hospodaren für die Moldau und Walachei
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lieferten und für die Auferſtehung des oſtrömiſchen Kaiſer⸗
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thums unter neuen Paläologen oder Komnenen nach Kräften ſchwärmen und arbeiten. und Geſpenſter des vor vier Jahrhunderten eroberten und begrabeneu vſtrömiſchen Kaiſerthums und ſchlummern halb wachend in ihrer Zurückgezogenheit, wie Friedrich der Roth⸗ bart in ſeinem Felſenſchloſſe, um aufzuerſtehen und hervorzu⸗ treten in neuer Kaiſerpracht und über eine einheitliche Türkei und ein einiges, freies Deutſchland zu herrſchen. Dieſe Hoff⸗ nungen beruhen freilich auf ſehr verſchiedenen Grundlagen. Wir Deutſche können ohne Ruhmredigkeit ſagen, daß wir im Vergleich zu dem türkiſchen Reiche die Solidität und Cultur ſelbſt ſind. Verſchuldung, mit ſeinem Babel von Bewohnern und Parteien unter Adminiſtration und Vicewirthen, wie manche Theile von
Dieſe Fanarioten ſind die Geiſter
Das türkiſche Reich ſteht in ſeiner allſeitigen
Berliner neuen Straßen, in deren Häuſern ſich Geſindel aller Art zuſammenhäuft und Niemand auf Reinlichkeit und Ord⸗ nung hält, Niemand etwas repariren läßt. Endlich kommt der Tag für die Subhaſtation. Auf die unter Adminiſtra⸗ tion ſtehende Türkei ſcheinen faſt alle Großmächte bieten zu wollen; aber die vrientaliſche Frage beſteht weſentlich darin, ob ſie dem Meiſtbietenden oder dem Meiſtſchießenden zuge⸗ klopft werden wird und ob ſich dieſe zwölf Millionen griechi⸗ ſchen Chriſten unter den ſechs Millionen Türken gutwillig verkaufen laſſen mögen, ohne ernſtliche Verſuche zu machen, ihren Preis und ihre Herren ſelbſt zu beſtimmen. Schlimm iſt es für die vielen Gläubiger in England und auf den europäiſchen Börſen, daß ſich die meiſten dieſer griechiſchen Chriſten ſchon als halbe Ruſſen betrachten.
Doch wir wollen die vrientaliſche Frage nicht zu löſen verſuchen. Das iſt eine Nuß, die noch Manchem, der ſie zu knacken verſucht, die Zähne verderben wird.
Es kam uns blos darauf an, uns den„Schulden halber nothwendigen Verkauf“, die Adminiſtratoren und Vicewirthe
und das ſich herbeidrängende Auctions⸗Publikum etwas näher
anzuſehen. Wir wollen Gott danken, wenn wir uns nicht zu betheiligen brauchen. Doch werden wir's ſchwerlich ſo gut haben, wie der Philiſter im Fauſt, der ſich nichts ſo ſehr lobte:
... an Sonn⸗ und Feiertagen,
Als ein Geſpräch von Krieg und Kriegsgeſchrei, Wenn hinten weit in der Türkei
Die Völker auf einander ſchlagen.
Marie.
Eine Künſtlernovelle von A. Melis-Körſchner.
(Fortſetzung.)
II.
„
n der Wirthsſtube des großen Einkehrhauſes am Ring— von Neu⸗Benatek war Alles zum Tanze bereit. Das haus, auf dem ſich die tanzluſtigen Jungfrauen zu ver⸗ ſammeln pflegten, war ſauber getüncht, die rothen Pflaſter⸗ ſteine mit denen die Flur belegt war, glänzten wie polirt; denn aufs reinſte war jeder Winkel ausgefegt. Auf einer langen Bank längſt der Mauer hatte ein altes Mütterchen ſich ihren Kram mit Pfefferkuchen, Marzipan, Küchelchen und anderen ähnlichen Süßigkeiten ausgebreitet. Ihre lockende Waare lud zum Genuße ein. Die Alte liebäugelte mit den verzuckerten Kleinigkeiten und legte dieſelben aufs zierlichſte auf und neben einander.
Neugierig und genäſchig umſtand eine Menge baus— bäckiger Kinder dieſe verführeriſche Bank und betrachtete lüſtern dieſe ſüßen Koſtbarkeiten. Unwillkürlich fuhren die kleinen Händchen in die Taſchen, darin mechaniſch herumwühlend, ob
ſich nicht etwa in denſelben eine kleine Münze zum Einkaufen dieſer Leckerbiſſen vorfände. Wie glücklich war dasjenige, in deſſen Taſchen ſich ein vom Großväterchen oder Großmütter⸗ chen geſchenkter Heller vorfand. Triumphirend ſprang da das
Kind den Elderado zu, und die Augen verſchlangen prüfend den ganzen Kram, glitten von einem Gegenſtande zum andern. Aber nicht nur Kinder erfreuten ihr Herz an dieſen Herrlich⸗ keiten, auch erwachſene Burſche führten ihre Mädchen hierher, um ihnen ein Zuckerherz oder ein Pfefferkuchenkind zu kaufen, was dieſe wiederum mit einer Pfeife oder einer Uhr aus demſelben Material erwiderten.
Der Tanzſaal ſelbſt war feſtlich geſchmückt. Von der Decke herab hing ein rieſiger grüner Kranz, hin und wieder mit Schleifen von buntem Papier geziert. Längs den Wän⸗ den zogen ſich Guirlanden von friſchen Reiſig. Die Tiſche in den Ecken waren ſauber und blank geſcheuert und der Fußboden aufs ſorgfältigſte mit Waſſer beſpritzt, damit der Staub unter den Füßen der Tanzenden nicht aufwirble. Die zinnernen Bierkrüge, die in langen Reihen theils auf dem Schenktiſche, theils in dem Schranke oberhalb deſſelben auf⸗ geſtellt waren, glänzten wie Silber. An den Tiſchen aber faßen bereits Bürger und andere Notabilitäten der Stadt und theilten einander die neueſten Begebenheiten mit. Dieſe Erzählungen wurden mit lebhaften Geberden begleitet, dazu aus allen Kräften aus den hölzernen Pfeifen gedampft
und den Bierkrügen fleißig zugeſprochen.
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