Zeitschriftenband 
1 (1867)
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470 Der Wein.

Engländer waren die erſten, welche in ihren Toaſtgeſetzen dieſe Umſtändlich⸗ keiten ausdrücklich verboten. Eine rührende Anekdote wird von der un⸗ glücklichen Maria Stuart erzählt. Den Abend vor ihrer Hinrichtung trank ſie gegen das Ende des Nachteſſens allen ihren Leuten zu und befahl ihnen, ihr wieder zuzutrinken; ſie tranken hierauf auf das Wohl ihrer Fürſtin und weinten bitterlich dazu, ſo daß ihnen die Thränen in den Wein fielen.

Ein mit dem Zutrinken verwandter Gebrauch, welcher noch jetzt in den Rheinlanden und anderen Ländern allgemein herrſcht, iſt das Trinken des Johannisſegens. Iſt ein lieber Gaſt oder Freund im Begriffe, uns zu ver⸗ laſſen, ſo werden alle Gläſer nochmals mit dem beſten Weine gefüllt, ange⸗ ſtoßen und unter den Wünſchen einer glücklichen Rückreiſe ausgetrunken. Dieſes nennt man den Johannisſegen trinken. Nach Jacob Grimm, dem großen Kenner des Alterthums, iſt dieſer Gebrauch aus dem Heidenthum in das Chriſtenthum übertragen worden. Wie es uralter und allgemeiner Gebrauch war, den Hausgöttern bei feſtlichen Mahlzeiten einen Theil der Speiſen zurückzulaſſen und namentlich der Berchta und Hulda eine Schüſſel mit Brei hingeſetzt wurde, ſo ließ man die Götter auch den feierlichen Trank mitgenießen. Aus dem Gefäß pflegte der Trinkende, ehe er trank, etwas für den Gott oder Hausgeiſt hinzugießen. Das heidniſche Minnetrinken erhielt ſich im Chriſtenthum. Bei feſtlichen Opfern und Gelagen ward der Götter gedacht und Minne getrunken. Dieſer Sitte entſagte man nach der Bekeh⸗ rung nicht, ſondern trank nun Chriſtus, Maria und der Heiligen Minne. Im Mittelalter waren es vorzugsweiſe zwei Heilige, denen zu Ehren Minne getrunken wurde, Johannes(der Evangeliſt) und Gertrude. Johannes ſoll vergifteten Wein ohne Schaden getrunken haben und der ihm geheiligte Trunk gegen alle Gefahr der Vergiftung ſchützen. Gertrude aber verehrte den Johannes über alle Heiligen, und darum ſcheint ihr Andenken dem ſeinigen hinzugefügt worden zu ſein. Beider Minne pflegten beſonders Scheidende, Reiſende und Friedliebende zu trinken. Wahrſcheinlich iſt das Minnetrinken als kirchlicher Gebrauch noch jetzt in einigen Gegenden Deutſchlands üblich. Jährlich am 27. Dezember wird zu Otbergen, einem hildesheimiſchen Dorfe, ein Kelch mit Wein vom Prieſter geweiht und als Johannisſegen dem in der Kirche verſammelten Volke gereicht. Der h. Johannes wird bekanntlich auf den alten Gemälden gewöhnlich einen Kelch ſegnend dargeſtellt.