464 Der Wein.
Ein vielverbreiteter Irrthum iſt die Anſicht, daß zur Zeit der Reichs⸗ theilung von Verdun im Jahr 843, noch keine Kultur des Weines auf dem rechten Rheinufer beſtanden habe. Ludwig, der mittlere unter den Söhnen Ludwigs des Frommen, erhielt durch dieſen Vertrag das eigentliche Deutſch⸗ land, ſo weit es damals zur fränkiſchen Hoheit gehörte, und wegen des Wein⸗ wachſes die drei Städte Mainz, Worms und Speier mit ihren Gauen auf dem linken Rheinufer.
Zur Behauptung des obigen Irrthums bezieht man ſich auf die Anna- les Bertiniani und das Chronicon des Prümiſchen Abts Regino. Dieſe Stellen beweiſen aber gerade das Gegentheil, indem Regino als Motiv der Ueberlaſſung jener drei Gauen ausdrücklich anführt, daß ſie des reichlichen Weinwachſes wegen(propter vini copiam) ſtattgehabt habe. Es kann mit⸗ hin hieraus nur geſchloſſen werden, daß damals auf der galliſchen linken Rheinſeite ein reichlicherer Weinwachs, nicht aber, daß auf der rechten deut⸗ ſchen Rheinſeite gar keiner geweſen ſei. Wir haben geſehen, daß ſchon im dritten Jahrhundert unter Kaiſer Probus der Weinbau in ganz Gallien, wozu damals das linke Rheinufer gehörte, betrieben wurde, und ſollte wäh⸗ rend mehreren Jahrhunderten der Anbau dieſes köſtlichen Getränkes ſich nicht von der galliſchen auf die deutſche Seite des Rheines fortgepflanzt ha⸗ ben? Gewiß!
Beſtätigt wird unſere Anſicht durch eine Menge von Urkunden, woraus hervorgeht, daß der Weinbau ſchon lange vor dem Jahr 843 nicht bloß auf dem rechten Rheinufer, ſondern in noch mehr nördlich gelegenen Gauen be⸗ trieben wurde. So geſchieht ſchon in einer Schenkungsurkunde des Königs Dagobert I. vom Jahr 628 für das Bisthum Worms ausdrücklich Erwäh⸗ nung vom Weinbau im Lobdengau, welcher auf der rechten Rheinſeite lag, und gegen Morgen den Elſenz⸗ und Maingau, gegen Abend aber den Rhein zur Grenze hatte. Auch der Urkundenkodex der berühmten Abtei Lorſch an der Bergſtraße hat uns aus der Regierungszeit Königs Pipin 37 Urkunden vom Lobdengau, unter welchen die erſte vom Jahr 763 iſt, ſodann 153 Ur⸗ kunden aus den erſten und folgenden Regierungsjahren Karl d. G. und 22 Urkunden von Ludwig dem Frommen aufbewahrt, worin ausdrücklich der Weinbau erwähnt wird. Auch in vielen anderen auf der rechten Rheinſeite gelegenen Gauen werden Weinberge ſchon frühzeitig in Urkunden König Pipins, Karl d. G. und Ludwig des Frommen erwähnt; ja ſelbſt zu Dorn⸗ dorf an der Werra, im Eiſenachiſchen Amte Tiefenort kommen ſchon im Jahr


