Von Edmund Hoefer. 15
täglich mehr mein Schauen und Denken und Träumen in Anſpruch zu neh⸗ men begann. Jeder Blick, den ein Beſuch etwa hinüberwarf, verdroß mich, und wenn ſich vor Fabri dennoch einmal ein Wort auf meine Lippen drän⸗ gen wollte, zuckte ich zurück, wie vor einer Sünde. Ich war mehr als ein⸗ mal durch jene Gaſſe gegangen und hatte mir das Vorderhaus ausgerechnet und durch ſeine offenſtehenden Thüren auch richtig ein Stück des alten Hin⸗ tergebäudes bemerkt. Es war, wie ich vorausgeſetzt, ein gewöhnliches, ſolide ausſehendes Haus und kein Laden darin, auch keiner in der Nähe, wo ich allenfalls hätte eintreten und zufällig zu Entdeckungen gelangen können. Und auch meine letzte Hoffnung war umſonſt: ich begegnete niemals einem von den Vieren auf der Straße, geſchweige denn in meinen Geſellſchafts⸗ kreiſen, und niemals hörte ich Worte äußern, die ſei es auf die Eltern, ſei es auf die Tochter hätten gedeutet werden können— nicht wenig auffällig, füge ich hinzu. Denn das Mädchen war wirklich ungewöhnlich ſchön, und es gab in unſerem Kreiſe Leute genug, welche ſolche Erſcheinung ſich nicht leicht entgehen ließen.
„Das ging ſo fort— ich ſagte ſchon, bis in den Februar. Dann trat inſofern eine Aenderung ein, als ich mich über die grenzenloſe Sentimenta⸗ lität meines bisherigen Schmachtens und Träumens ein wenig zu ſchämen begann. Was Kukuk, Erwin, ſagt' ich zu mir ſelbſt, du biſt ein geſunder und im Ganzen fideler Geſell, du haſt immer geglaubt das Herz auf der rechten Stelle und ebenſoviel Muth wie ein Anderer zu haben. Du biſt keine Schnürpuppe, aber auch kein häßlicher Menſch, du haſt eine gute Carriere vor dir und beſitzeſt ſchon jetzt Vermögen genug, um jeden Tag heirathen zu dürfen, du haſt endlich einen ehrenwerthen Namen und ſtehſt in der Geſell⸗ ſchaft im beſten Ruf— was ſoll denn dies verwünſchte Geträume und Ge⸗ ſchmachte? Was greifſt du nicht durch und erkundeſt, wem dein Herz ſich zu⸗ gewendet, und ob die Sache zu Ende ſein muß oder ob du auf guten Erfolg für deine Wünſche rechnen darfſt!—
„Indeſſen der Wille war gut, aber, wie man das heißt, das Fleiſch ſchwach: zum eigenen Handeln wußt' ich keinen Anfang zu finden, und zum Fragen mich nicht zu entſchließen, von dem heimlichen Lauſchen hinter dem Vorhang hervor mich nicht los zu machen. Die Sentimentalität, denn die war's, hatte mich ſchon gar zu ſehr überwuchert und eingeſponnen; mein Chef guckte mich zuweilen höchſt bedenklich, ſchief von der Seite an, meine Kameraden, mit denen ich ohnehin wenig vertraut war, fingen an mich mit


