Giebelfenſter war noch eins, kleiner zwar, aber gleichfalls mit ein paar großen, klaren Scheiben geſchloſſen.
„Weßhalb mir das alles beſonders auffiel, weiß ich nicht, es müßte denn ſein, weil ſich der alte Bau ſo düſter in die freundliche Umgebung drängte und ſo gar nicht danach ausſah, als könne auch der anſpruchloſeſte Menſch darin ſich behaglich fühlen. Das ganze Gebäude erſchien, beſonders in dieſen traurigen Herbſttagen, wie der angemeſſenſte Raum nur für altes
⸗Gerümpel, das man aus dem Wege haben will, und wie die ächte und ge⸗ rechte Heimat für Eulen, Fledermäuſe und ſonſtiges Ungeziefer dieſer Art. Daß mitten darunter, gleichviel wie die Wohnung hergerichtet war, auch Menſchen hauſen mochten, war mir räthſelhaft genug: ſie mußten, wie ge⸗ ſagt, ſehr anſpruchslos oder vielmehr gleichgültig, oder ſehr arm ſein. Und dennoch machten die Geſtalten, die ich gleich in den erſten Tagen wohl ein⸗ mal an jenem großen, hellen, mir zugewendeten Fenſter bemerkte, durchaus keinen ſolchen Eindruck, ſie ſahen weenn de wie Leute aus, die zur guten Ge⸗ ſellſchaft gehören.
„Es waren ihrer Vier, die ſich dort zu verſchiedenen Zeiten zeigten: ein älterer Herr— alſo wohl der Vater; eine Dame, wohl conſervirt und in den ſogenannten beſten Jahren— alſo etwa die Mutter; ein junges Mäd⸗ chen von ungefähr zwanzig Jahren, und ein halberwachſener junger Menſch von vielleicht vierzehn bis fünfzehn. Dieſer Letztere und auch der Alte zeig⸗ ten ſich meiſtens nur auf Augenblicke am Fenſter und ſetzten ſich noch ſelte⸗ ner; die beiden Damen jedoch weilten, zumal an dunklen Tagen, viel hier, morgens die Aeltere, Nachmittags die Jüngere, und zwar ſtets mit einer Ar⸗ beit anſcheinend eifrig beſchäftigt, denn ſie ſahen von derſelben oft ſtunden⸗ lang nicht einmal auf. Licht ſah ich Abends in dem Zimmer nie— ſie muß⸗ ten dann in einem anderen Raum weilen. Dagegen erhellte ſich das er⸗ wähnte, droben einzeln ſtehende kleine Fenſter meiſtens gegen zehn Uhr, zu⸗ weilen auch erſt ſpäter, und blieb bis tief in die Nacht hinein hell.
„Ihr lächelt, Franz,“ unterbrach Erwin ſich hier, und auch über ſein ſtilles Geſicht flog ein gedankenvolles Lächeln, wie ein Wolkenſchatten zu⸗ weilen leiſe durch den Sonnenſchein gleitet,„Ihr lächelt und denkt vielleicht, daß es mit meinem gerühmten Fleiß wohl nicht weit her geweſen ſein könne, wenn ich nebenher ſo genaue Beobachtungen über mein Visavis anſtellen konnte. Ihr habet recht, mein Freund, es war damit ein wunderlich Ding! Wie mein Intereſſe ſich von dem alten wüſten, finſteren Gebäude auf dieje⸗
Von Edmund Hoefer. 13


