8 Zerbrochen.
konnte ich die dargebotene Hand nicht wohl zurückſtoßen. Ich nahm ſie an und hatte das, ſo viel ich einzuſehen vermochte, nicht zu bereuen. Leonhard ſtand, wie ſchon angeführt, bei den Meinen ganz gut und verdiente das durch Gewiſſenhaftigkeit in Erfüllung ſeiner Obliegenheiten, ſowie durch anſtän⸗ diges und taktvolles Benehmen. Mein Bruder, der in dieſer Zeit auf Urlaub zu uns kam, konnte ihn gut leiden, obgleich ein junger Offizier bekanntlich nicht zu den duldſamen Menſchen gezählt werden darf, und auch ich war, da ich Anfangs October auf die Univerſität abreiste, durchaus gut Freund mit ihm. Seine Kenntniſſe und ſeine Lebensgewandtheit flößten mir Reſpekt ein, und das Einzige, was mich gewiſſermaßen ſcheu gegen ihn machte, war die Laxheit und Lockerkeit der Anſchauungen und Grundſätze, die er im Kreiſe jüngerer Männer wohl einmal durchblicken ließ— etwas ſehr gewöhnliches, werdet Ihr zugeſtehen, und zwar gleichviel, ob es nur Renommage iſt, wie häufig, weil man gegen andere Ausgelaſſenere nicht zurückſtehen mag, oder — ſage ich: wirkliches Temperament. Auf mich aber machte dergleichen ſchon damals einen unbehaglichen Eindruck, den ich nie zu überwinden ver⸗ mochte, wie ſehr ich damit früher und ſpäter zuweilen auch verſpottet wurde.
„Dieſe Strenge oder Kälte, wie Ihr es heißen wollt, ging durch mein geſammtes Weſen, und wenn mir dadurch auch manches entzogen blieb, was Anderen das Leben erheitert, ſo wurde ich andrerſeits doch auch wieder von vielem zurückgehalten, an dem wir leider nicht wenige zu Grunde gehen ſehen, und ich freue mich noch jetzt, daß ich auf die Jahre, die ich als Student und junger Offizier verlebte, wirklich ohne Reue zurückblicken darf.
„Zu erzählen weiß ich von dieſer Zeit nichts. Die Jahre gingen hin, wie unter ſolchen Umſtänden meiſtens, ohne beſondere Leiden und Freuden, und für mich, meiner Natur gemäß, auch ohne große innere Störungen. Ich lebte weder einſiedleriſch noch im wirklichen Sinne des Worts übertrieben ſtreng; ich verſagte mir nichts, was ich für einen Genuß zu halten vermochte; von den Kameraden ſpottete wohl der Eine oder Andere ein wenig über mich, in Achtung aber ſtand ich bei allen und meine Vorgeſetzten vertrauten mir. Endlich, von meiner Familie kam mir auch nur Gutes: mein Vater war rüſtig und wohlauf, wenn er auch meinem Bruder das Gut abtrat, auf wel⸗ ches derſelbe bald eine junge Frau führte; die Schweſtern verheiratheten ſich eine nach der anderen, zuletzt auch die älteſte, Franziska, die bisher noch im⸗ mer, wir wußten nicht weßhalb, gezögert; ſchließlich, mein jüngerer Bruder begann ſeine Carriere im Staatsdienſt mit den beſten Ausſichten und hatte
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