Zeitschriftenband 
1 (1867)
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Von Edmund Hoefer. 5

Dorfes und war dann gemeiniglich mit ſeiner geſammten Familie bei uns zu Tiſch. Die Kinder entſprachen im Alter ſo ziemlich mir und meinen drei Schweſtern und waren ebenſo brav wie ihre Eltern, und mit dem älteſten, einem Mädchen, das gleich mir damals etwa ſechzehn Jahre zählte, ſtanden meine Schweſter Franziska und ich auf dem herzlichſten und fröhlichſten Freundſchaftsfuß. Weiter, Franz, war und ward es nichts; wir waren alle Drei noch die reinen Kinder und nicht lange darauf, wo vielleicht doch an⸗ dere Gefühle hätten erwachen und ſich eindrängen können, verließ ich die Gegend, um nie wieder auf längere Zeit zurückzukehren.

Eines Tages mein Bruder war derzeit ſchon von der Univerſität fort und in Dienſt getreten. zog grade in der Mittagsſtunde ein ſchweres Gewitter über die Stadt und machte mir den Hinausweg auf das Gut un⸗ möglich. Ich ging daher in das befreundete Haus und fand mich wohl auf⸗ genommen wie immer; die Frau Diaconus half mir ſogar mit einem Rock des Gatten aus, da der meine völlig durchnäßt war. Ich machte natürlich eine gründlich komiſche Figur, die Kinder wollten ſich halb todt lachen, und als demnächſt Thereſe ſo hieß die junge Freundin in's Zimmer trat, fing der Lärm von neuem an, ich ſelbſt blieb nicht der Stillſte wir waren alle luſtig, ſagt' ich ſchon, und die puren Kinder, und ſelbſt die Hausfrau ließ es bei einem, mit Lachen vorgebrachtenna, ihr großen Menſchen ſeid doch aber auch gar zu kindiſch! bewenden.

Nicht ſo freundlich ſchaute der Beſuch auf unſere Thorheiten, der gleich⸗ falls im Wohnzimmer weilte, Leonhard Fabri, der Sohn des Rathsherrn gleiches Namens, ſeit acht Tagen von der Univerſität zurückgekehrt, um ſich daheim auf das Lehrer⸗Examen vorzubereiten, ein junger Mann mit einem ganz hübſchen, nur etwas gar zu geſchniegelten Aeußeren und, wie ich hier bemerken konnte, überaus verbindlichem Weſen. Im Uebrigen freilich rühmte man ihm nicht dies Letztere, ſondern einen nicht kleinen Reſt ſtudentiſcher Renommage nach, und ich ſelbſt war, da wir uns einmal auf engem Wege begegnet waren, barſch genug auf die Seite geſtoßen worden. Auch jetzt hatte er, von der Unterhaltung mit der Hausfrau zu uns hinüberſchauend, beſonders für mich einen gewaltig böſen Blick, und als er Thereſe ein- oder zweimal in's Geſpräch ziehend, bei dieſer wenig Gehör fand, ſie vielmehr alsbald wieder mir ſich zuwenden ſah, regte ſich in dem braunen Aug' etwas Stechendes, das ſelbſt mich luſtigen Burſchen eine Sekunde lang überraſchte