4 Zerbrochen.
dies bis in ſein ſpätes Alter empfand und beklagte, ſorgte er eifrig dafür, daß ſeine Kinder nicht unter dem gleichen Mangel zu leiden hatten. Wir er⸗ hielten den beſten Unterricht, zuerſt im Hauſe, dann im Gymnaſium der be⸗ nachbarten Stadt, und darauf ging mein Bruder, der fünf Jahre älter als ich iſt, zur Univerſität, um noch zwei Jahre zu ſtudiren und dann mit zwan⸗ zig Jahren Soldat zu werden. Für mich ſollt' es ebenſo werden, nur mit dem Unterſchied, daß er nach einiger Zeit, wenn der Vater müde wurde, das Gut zu übernehmen hatte, während ich im Dienſt vorausſichtlich bleiben mußte.. „Unſer Gut liegt kaum eine Viertelſtunde von den Thoren der Stadt, unſere Felder reichen bis an die alten Gräben und Wälle, die ihr aus frühe⸗ rer Zeit übrig geblieben. Es begreift ſich daher, daß ich zum Beſuch des Gymnaſiums nicht in die Stadt zog, ſondern den kleinen Weg täglich zu⸗ rücklegte, meiſtens und wenn das Wetter nicht gar zu ſchlecht, ſelbſt in der Mittagsſtunde. Wo letzteres einmal der Fall, fand ich meinen Platz am Mittagstiſch des Diaconus an der Stadtkirche, eines ſehr wackeren Mannes, des einzigen Städters beinah, mit dem mein Vater wirklich im Verkehr war. Denn trotz ihres ausgezeichneten Gymnaſiums war die Stadt damals ein arm⸗ ſeliges, dumpfes und verkommenes Neſt, in dem verzweifelt wenig Bildung und Strebſamkeit, weder materieller noch geiſtiger Fortſchritt zu finden war. Gegen meinen Vater, oder vielmehr gegen uns, da die Sache von uralten Zeiten herſtammte, war man noch beſonders ſchlecht geſtimmt, wegen Grenz⸗ ſtreitigkeiten oder anderer von beiden Seiten in Anſpruch genommener Ge⸗ rechtſame. Der Vergleich, zu dem mein Vater die Hand geboten, war ſtarr⸗ köpfig abgewieſen worden, und da überdies zuweilen, ſelbſtverſtändlich nur von ungebildeten Leuten, wirkliche Ungezogenheiten gegen Glieder unſerer Familie, welche in der Stadt zu thun hatten, vorgekommen, kamen mein Vater und unſere Damen faſt gar nicht mehr hinein. An meinen Bruder Alfred und mich hatte man ſich allmälig gewöhnt und ließ uns im Allgemei⸗ nen ziemlich ungeſchoren. Kameraden hatten aber auch wir auf der Schule niemals gefunden— ich darf mit gutem Gewiſſen hinzuſetzen: nicht durch unſere Schuld. Wir waren beide ſtets verträglich und gegen jedermann höf⸗ lich und hielten, wo einmal Schüler und Lehrer einander gegenüber ſtanden, getreulich zu den Genoſſen. „Mit dem Diaconus Wahl und den Seinen ſtanden wir, wie geſagt, auf dem beſten Fuß; er predigte alle ſechs Wochen in der Kapelle unſeres


