Zeitschriftenband 
1 (1867)
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Von Edmund Hoefer. 3

mir weniger grob, als gar zu tragiſch erſchien.Tragiſch? wiederholte er mit einem ſo finſteren Ausdruck, daß es mich überraſchte,nicht doch! Sagt lieber Ekel oder ſittliche Entrüſtung, denn das iſt mein Empfinden, wenn ich dem Gewürm da begegnen muß, das vorhin an uns vorbeiſtreifte, dem Geſchöpf mit dem Menſchengeſicht und.Fabri meint Ihr? fragte ich, da er mit einem Laut der Verachtung abbrach.Kennt Ihr ihn denn, Hauptmann? Er lächelte verächtlich.Ja, ich kenne ihn, beſſer als ihr alle hier, und er er kennt mich.

Er wandte ſich ab und trat an das Steingeländer, das die Straße hier, wo ſie das Plateau erreicht hat und ſich zu einem kleinen freien Platz aus⸗ weitet, ſicher einfaßt. Die Sonne trat drüben ſchon hinter den Bergrücken, aus den Wiesgründen drunten erhoben ſich bereits die Nebel, und aus den Schornſteinen der Stadt, in deren Straßen wir hineinſchauten, ſtieg der Rauch des Abendbrodfeuers, während auch hie und da ſchon eine Gasflamme aufleuchtete. Es wurde Zeit für uns zur Rückkehr.

Nach kurzer Zeit richtete er ſich denn auch auf und fing an, langſam wieder bergab zu gehen, und nachdem er ſich eine Cigarre angezündet ab⸗ wärts durfte er das ſchon wagen, ſagte er ruhig, wie ſonſt immer:ich ſehe ein, Franz, daß Ihr durch mein Weſen und meine Worte noch mehr neugierig als verwundert geworden ſein müßt, vielleicht gar irre an mir. Das ſoll aber nicht ſein ich kann leicht helfen und will Euch erzählen. Und wenn mir die Erinnerung auch peinlich iſt, ſo läßt ſich das ſchon über⸗ winden, zumal vor Euch, mein guter Kamerad, fügte er hinzu mit freund⸗ lichem Blick und treuem Händedruck.Zwiſchen uns wenigſtens ſoll nichts Unklares bleiben. 4

Ich habe Euch bisher wohl kaum über meine Jugend geſprochen, redete er langſam hinſchreitend weiter,ſie war eine ganz gewöhnliche, ſtille,

einfache und daher glückliche, wie man das zu heißen pflegt. Die Mutter hatten wir früh verloren, die Schweſter unſeres Vaters erſetzte ſie uns nach Kräften und mit dem redlichſten Willen. Der Vater ſelbſt lebte, wie damals

faſt alle Edelleute unſerer Provinz, ſchlicht und einfach, human und mit ſehr wenig Vorurtheilen, der Bewirthſchaftung ſeines Guts und dem Wohl ſeiner Familie und ſeiner Untergebenen. Er war Soldat geweſen und fand die gleiche Carriere für ſeine beiden älteren Söhne ſo ſelbſtverſtändlich, daß von einer anderen Zukunft für uns nie die Rede war. Da er aber ſelber, früh in den Dienſt tretend, nur eine ſehr mangelhafte Bildung erhalten und

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