2 Zerbrochen.
Hut abgenommen, und ſein edler Kopf hob ſich mit der mächtigen Stirn, mit dem reinen Schnitt des Profils wie eine Silhouette von dem goldſtrah⸗ lenden Hintergrund des Weſthimmels ab. Das war ſo wunderbar, daß ich ganz ſtill neben ihm blieb.
Plötzlich richtete er ſich auf, und den Hut aufſetzend und den Stock nie⸗ derſtellend, ſagte er mit jenem halb zerſtreuten, halb ſchwermüthigen Blick, der ihm ſo ganz eigenthümlich war:„Verzeiht mir, Franz, und ſcheltet mich nicht ſentimental, daß ich da träumte und ſäumte wie Karl Moor. Es war nur ein Bad für meine Augen, wie ſie es in dem Frieden, in der Reinheit und ſteten Wahrheit der Natur aufzuſuchen pflegen, wenn ſie ſich an den Menſchenmasken ſatt und müde geſehen.— Kommt noch ein Stückchen wei⸗ ter.“ Und er ſchritt langſam neben mir her, die Straße hinauf.
Ich ſchüttelte lächelnd den Kopf, dieſe Worte ſtimmten gar ſo wenig zu dem, was ich beim Ausblick auf die Landſchaft und beim Anblick des Freun⸗ des gedacht und empfunden und auch hinter ſeiner Stirn und in ſeinem Aug' geſucht hatte. Hätte ich ſpotten wollen oder auch nur im Scherz empfindlich thun mögen, ſo wäre mir hier die beſte Gelegenheit geboten geweſen mit ihm anzubinden, da die„Menſchenmasken“ ſich eigentlich nur auf mich und mein armes Geſicht beziehen konnten. Denn daß er drunten in der Stadt kürz⸗ lich ſo empfindlich berührt worden, konnte ich kaum annehmen, und der ein⸗ zige Menſch, der uns auf dem Spaziergange nicht bloß begegnet, ſondern auch einen Augenblick bei uns ſtehen geblieben war, ſchien mir gleichfalls nicht dazu angethan, daß er den Freund hätte zu ſolcher Aeußerung veran⸗ laſſen können. Der Profeſſor Fabri war ein Mann, wie es viele gibt, ohne hervorragende Vorzüge und Schwächen, ein guter Kopf und gelegentlich ein ganz angenehmer Geſellſchafter. Er war in religiöſer und politiſcher Rich⸗ tung einer der entſchiedenſten Anhänger der Regierung und daher manchem nicht angenehm oder gar verdächtig, im Uebrigen aber ein Menſch, dem man zugeſtehen mußte, daß er zu leben und leben zu laſſen verſtand. Wir, er und ich, ſtanden auf wenig mehr als dem ſogenannten Grüßfuß mit einander, und mit dem Freunde war er noch oberflächlicher bekannt. Sprechen hatte ich die Beiden nie mit einander ſehen.
Ich ſollte indeſſen nicht lange in Zweifel bleiben, denn da der Freund merken mochte, was in mir vorging, ſagte er nach einigen Schritten launig: „Grübelt Ihr über meinen Ausdruck, Franz, und bezieht ihn als ausneh⸗ mend grob auf Euch ſelbſt?“—„Beinah,“ verſetzte ich lachend,„obgleich er
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