Zeitschriftenband 
1 (1867)
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Zerbrochen.

Eine Geſchichte. Von Edmund Hoefer.

Mag Gott wiſſen, weßhalb ich grade heut ſo viel und ſo ernſt an ihn denken muß, heut an dem gleichgültigen Tage, der mir, ſo weit ich auch zu⸗ rückrechne, niemals etwas bot, das für den Freund und unſere Freundſchaft von Bedeutung war, der auch mit jener Stunde, an die er mich nun erin⸗ nert, in keinerlei Zuſammenhang ſteht! Ich denke oft, täglich an ihn und ſehe ihn herübergrüßen aus der endlich gewonnenen Ruhe; aber ſo wie heut war es mir noch nie. Heut ſteht er vor mir, wie er leibte und lebte, und ich muß mich ernſtlich beſinnen, daß es nur ein Gebilde meiner Phantaſie iſt. Mein alter Getreuer, was zwingt dich empor aus deiner Ruhe?

Es war ein wunderbarer Abend mit der vollſten Klarheit der ſchönſten Herbſttage. Durch das Gezweig' der Bäume, welche die am Berg hinauf ziehende Straße ſäumten, fielen lange zitternde Sonnenſtrahlen, und die Landſchaft, die ſich unter uns weit aufthat, lag im goldigſten Glanz. Das Laub hatte ſich ſchon gefärbt, hie und da ſank ein welkes Blatt auf den Pfad nieder, und die Sommerfäden wehten leiſe von Baum und Strauch. Das Bild war es werth, daß man ſich in ſein Anſchauen verſenkte, wie der Freund es eben that. Ich aber ſah in dieſem Augenblick nur auf ihn, wie er ſich auf die Steinmauer geſtützt hatte, welche die Straße gegen den ſteilen Abfall zu einfaßte, die Augen mit ſtillem Sinnen auf das Gelände gerichtet, das mit den abgeernteten Feldern, den üppigen Matten, den aus ihren Obſtgärten

hervorlauſchenden Weilern im tiefen Frieden unter uns lag. Er hatte den Hausblätter. 1867. I. Bd. 1