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herum, um eine Stadt ſo groß wie London zu bauen; aber jede Hütte, jedes Haus iſt von Holz, von neuem, friſchem, unangeſtrichenem und unverziertem Holz, unbe⸗ ſtreitbar beweiſend, daß das Dorf von geſtern iſt und daß es nur zu vorübergehenden Zwecken gebaut wurde. Läge Waverley mit ſeinen zweitauſend Einwohnern in den Vereinigten Staaten, und nicht in einer engliſchen Colonie, ſo würde es jetzt unzweifelhaft einige Tages⸗ und Wochenblätter beſitzen, die ſich über politiſche, reli⸗ giöſe oder wiſſenſchaftliche Fragen in den Haaren liegen würden; auch würde es ein Monſtre⸗Hötel haben, in welchem die ganze Bevölkerung Unterkunft fände.
Als wir, um uns zu erfriſchen, in den Waverley Arms einkehrten, wurden wir angenehm überraſcht, als wir fanden, daß wenn wir uns mit reinem Waſſer und ſchlechtem Whisky zum Trinken und mit vortrefflichen Fiſchen, Fleiſch oder Geflügel zum Eſſen begnügt hätten, wir nicht nöthig gehabt hatten, uns in Halifax mit Pro⸗ viant zu verſorgen. Zum Beweiſe, daß es wenigſtens nicht an Wild fehlte, ſtanden ein halbes Dutzend Jäger vor der Thüre, lauter Bergleute und andere Arbeiter, die im Walde gejagt hatten und mit reicher Beute— einer hatte zwei Dutzend Feldhühner geſchoſſen— zurückgekehrt waren.
Nachdem wir unſer Mittagseſſen beſtellt, brachen wir nach den Minen auf und kamen bald nach Waverley Cot⸗ tage, wovon der Ort den Namen hatte. Ein gewiſſer Allan, ein Schotte, Verfertiger von Eimern und ein großer Bewunderer ſeines großen Landsmannes Walter Scott, hatte ſeinem Beſitzthum den Namen des berühmten Romans gegeben, theils weil es ein ſchöner Name iſt, theils um die Erinnerungen und Ueberlieferungen des Vaterlandes wach zu erhalten, das der Schotte, wie fern er davon auch ſein mag, nie zu lieben aufhört, und noch dazu mit einer Liebe, welche die Ferne nur um ſo inniger macht. Allan ahnte nicht den goldenen Schatz unter den Felſen, welche ihre kahlen Spitzen auf allen Seiten, außer gegen den See hin, gegen den Himmel erheben.
Doch wurde das erſte neuſchottländiſche Gold nicht hier gefunden. Im Sommer 1861 fand man in Tangier, in der Grafſchaft Halifax, Alluvial⸗Gold, und beim Gra⸗ ben einiger Abzugscanäle in Halifax fanden die Arbeiter einige unzweideutige Beweiſe einer goldhaltigen Quarz⸗ Ader. Das Goldſuchen, das eine Zeitlang ohne Erfolg betrieben worden war, erhielt durch dieſe Entdeckung einen neuen Antrieb, und in einem Umkreis von manchen Meilen um Allans Landhaus fand man das koſtbare Metall im oberen Quarz in ſolchen Quantitäten, daß man wohl hoffen durfte, daß, wenn man tiefer graben würde, eine große Maſſe Goldes die Mühen des Arbeiters belohnen würde. Auch war dieſe Hoffnung nicht trügeriſch. Es dauerte kein Jahr, ſo war Waverley Cottage das be⸗ deutendſte Gebäude in einem Orte, der nach ihm benannt wurde, und das Verfertigen von Eimern hörte auf, das einzige Geſchäft des Ortes zu ſein..
Unſer Weg zu den Minen war beſchwerlich und wir mußten endlich ausſteigen, Wagen und Pferde am ſchattig⸗ ſten Platze, den wir fanden, zurücklaſſen, und die ſteinige Höhe zum Büreau des Superintendenten hinaufſteigen. Dieſer Herr, ein Deutſcher, der mehrere Hunderte ſeiner Landsleute beſchäftigt, war auf unſer Kommen vorbereitet, machte mit der größten Artigkeit die Honneurs der Minen und erklärte ſämmtliche, nicht ſehr verwickelte Operationen,
Novellen⸗
Jeitung.
welche nothwendig ſind, um den Quarz aus der Erde zu holen, ihn durch Dampf⸗ oder Waſſergewalt zu zerſtampfen und das Gold⸗Reſiduum zu ſammeln.
In dieſer Gegend lohnt es ſich nicht, daß der einzelne Goldgräber ſein Glück auf eigene Rechnung verſucht, wie in Californien und Auſtralien. Die Erzader, die etwa drei Fuß breit und von unbekannter Länge und Tiefe iſt, läuft unter den harten Quarzfelſen in einer geringen Ent⸗ fernung von achtzig bis hundert Fuß von der Oberfläche und es erfordert ein anſehnliches Capital, die Maſchinen zu kaufen und die n thwendigen Arbeiter zu dingen, um ſie mit Vortheil zu bearbeiten. Die bedeutendſte und erfolgreichſte von dieſen iſt die deutſche Geſellſchaft, welche die Waverley⸗Minen bearbeitet und ohne Hülfe von Re⸗ clamen und nur durch ihre ſolide Aufmerkſamkeit auf das Geſchäft in allen ſeinen Einzelnheiten die Waverley⸗Minen zu den productivſten aller neuſchottländiſchen Minen ge⸗ macht hat, obwohl das Quarz keineswegs das reichhal⸗ tigſte iſt, das man in der Colonie gefunden und durchſchnitt⸗ lich kaum eine Unze Gold auf die Tonne Quarz enthält, während man in den Oldham⸗Minen Quarz gefunden hat, von dem ein Theil je 103 Unzen Gold in der Tonne Quarz enthielt.
Die größte Zahl von Arbeitern werden von der deutſchen Geſellſchaft in Waverley beſchäftigt. Ihr Lohn iſt ein Dollar per Tag oder 5200 Dollars für einen Arbeitsmonat von ſechsundzwanzig Tagen. Im Monat Juli erzeugte die Geſellſchaft 4368 Unzen Gold, welche, die Unze zu 20 Dollars, 28,360 Dollars werth ſind und demnach einen Ueberſchuß von 21,520 Dollars für Ab⸗ nutzung der Maſchinen, zufällige Ausgaben und für den reinen Gewinn laſſen.
„Die Zunahme,“ ſagte unſer Führer,„war bezeich⸗ nend und befriedigend, ſeit im Jahre 1862 das Gold⸗g graben zuerſt begonnen wurde. In jenem Jahre war der
Ertrag ſämmtlicher Minen 8120 Unzen, im Jahre 1863 betrug er 14,000 Unzen, im Jahre 1864, wo wegen einer Abänderung im Fiscaljahr die Rechnungen nur bis zum 30. September gehen, d. h. nur neun Monate um⸗ faſſen, war der Ertrag 14,565 Unzen und vom 30. Sep⸗ tember 1864 bis zum gleichen Datum im folgenden Jahre 24,727 Unzen.“
Aus verſchiedenen Anzeichen ſchloß unſer Führer, daß das Goldgraben in Neuſchottland noch in ſeiner Kind⸗ heit und daß der Mangel an Arbeitskräften das Haupt⸗ hinderniß ſeiner erfolgreichen Entwickelung ſei. 6.
Fürſt Gortſchakaff.
Der„Examiner“ theilt die folgende Skizze über den ruſſiſchen Premierminiſter mit:
„Der Fürſt Alexander Gortſchakoff iſt gegenwärtig der hervorragendſte und vielleicht im Ganzen der populärſte Mann in Rußland. Seine Erhöhung war eine ganz plötz⸗ liche. Seine Bewunderer ſagen, er ſei ſtets ein großer Mann geweſen, der von der Natur für eine hohe, nützliche Laufbahn bezeichnet geweſen ſei; aber gewöhnliche Menſchen, welche gewöhnt ſind, ſcharf auf die Thatſachen zu blicken, ſind durchaus nicht der Meinung, daß er ſeine Beförderung außerordentlichen Verdienſten verdanke. Thatſache iſt es, daß die Trauerzeit für den verſtorbenen Kaiſer kaum zu Ende war, als ſein Nachfolger, welcher während der Lebens⸗ zeit ſeines Vaters ſtets ſehr beſchränkt gehalten worden war, einen ſehr heißen Wunſch nach Freiheit und Autorität fühlte.
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