Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte Folge

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Zeuilleton.

Das Waverley der Deutſchen.

Das Waverley, wovon ich ſchreibe, iſt nicht der ſo benannte Roman, ſondern ein kleiner, häßlicher, unmale⸗ riſcher Ort, der ganz von Holz gebaut iſt und inmitten einer öden, ſteinigen Wildniß liegt. Dennoch iſt Waver⸗ ley ein ſehr intereſſanter Ort, wäre es anders, würde ich mich nicht unterſtanden haben, einen Beſuch zu be⸗ ſchreiben, welchen ich im Herbſt 1865 dort gemacht habe. Meine Aufmerkſamkeit wurde darauf gelenkt, während ich von dem Städtchen Windſor in Neu⸗Schottland auf der Eiſenbahn nach Halifax fuhr. Ich bemerkte im Herzen der zwiſchen beiden Städten gelegenen Steinöde eine be⸗ trächtliche Anzahl neuer Holzhütten und fragte einen Amerikaner im Wagen nach dem Namen des Ortes. Weiß nicht, ſagte er;aber es ſieht ſo recht wie ein gottvergeſſenes Land aus. Ich fragte den Schaffner, der mir die Antwort gab, die Station heiße Germantown, ſie ſei hauptſächlich von Deutſchen bewohnt, die im Dienſte einer deutſchen Geſellſchaft ſeien, welche ſich mit Gold⸗ graben beſchäftige. Das ſei Alles, was er davon wiſſe.

Am nächſten Morgen las ich zufällig im Morning Chronicle, daß eine 284 Unzen ſchwere Goldbarre, das Arbeitsproduct von zwölf Männern in ſechs Wochen in den Goldminen von Sherbrooke, in der Stadt vor Kurzem ausgeſtellt worden war und daß ein 800 Unzen ſchwerer Goldklumpen, das Ergebniß der einmonatlichen Arbeiten

der deutſchen Geſellſchaft in Waverley, in dieſem Augen blicke im Bergwerk⸗Büreau im Parlaments⸗Hauſe zu

ſehen waren. Da ich eben nichts Anderes zu thun hatte, ſo ging ich hin, um den Goldklumpen zu ſehen, und er fuhr dort, daß Germantown, das ich am vorhergehenden Tage paſſirt hatte, nur ein neuer Name für Waverley und daß die wichtige Bezeichnung des Bezirks, wo dieſe Bergwerkarbeiten ſtatthatten, die Waverley⸗Goldregion 8 1 Der Minen⸗Inſpector, der ſah, daß ich mich für den Gegenſtand intereſſirte, lud mich artig ein, mit ihm am naͤchſten Tage nach Waverley zu fahren.Waverley ſelbſt, ſagte er,hat nichts Anziehendes, denn es hat mehr Aehnlichkeit mit dem ſteinigen Arabien, als irgend eine andere Gegend auf Gottes weiter Erde; doch die erſten ſechszehn dis achtzehn Meilen des Weges ſind lieb⸗ lich und das Land prangt in ſeiner vollen herbſtlichen Schönheit. Sie können in wenigen Stunden die ganze Operation des Goldgrabens vom Anfang bis zum Ende ſehen, und den Reſt des Tages zur Erforſchung der Wald⸗ ſcenerien benutzen. Ich nahm die Einladung dankbar an. Unſere erſte Abſicht war, die Partie zu Zweien zu machen, doch das Schickſal, oder vielmehr zwei Damen, zu denen dann noch eine ſehr junge dritte kam, wollten es anders. Anſtatt des Gig mit einem wackeren Roß mußt n wir nun einen geräumigen offenen Wagen mit zwei Pfer⸗ den nehmen und uns mit mehr Champagner und andern angenehmen Dingen verſorgen, als wir beabſichtigt hatten. Der Morgen war ſchön und klar weder heiß noch kalt ein Morgen, der ſich zu einem langen Spaziergange beſſer geeignet hätte, als zu einer Fahrt, Als wir über

die Bai fuhren, wurde ich daran erinnert, daß die Rhede von Halifax eine der ſicherſten und geräumigſten in der Welt iſt, groß genug, um alle Flotten der Welt aufzu⸗ nehmen. In Dartmouth gelandet, hatten wir eine vor⸗ treffliche Straße vor uns. Sie führte an den öſtlichen Geſtaden von drei Seen vorbei, die eine Länge von vier bis ſieben Meilen hatten und zu Ehren der drei Söhne eines der erſten Anſiedler in Akadia Thames⸗, Williams⸗ und Charles⸗Seen heißen. Wir paſſirten auf dem Wege mehrere Lager der Micmac⸗Indianer und wurden weite Strecken von der jugendlichen Bevölkerung beiderlei Ge⸗ ſchlechts verfolgt, die um Pennys bettelte. Nachdem wir unſern Tribut bezahlt, als das Billigſte, was wir thun konnten, um uns dieſer hartnäckigen, halbwilden Läufer zu entledigen, die ein Dutzend Meilen neben unſern Pfer⸗ den her gelaufen wären, ohne zu ermüden, kamen wir in drittehalb Stunden in Waverley an. Das Wetter war prächtig und über uns war ein transparenter, tiefblauer Himmel, wie man ihn nur in Amerika oder vielleicht an der afrikaniſchen Küſte des mittelländiſchen Meeres ſieht. Auf einer Seite von uns war der Urwald mit ſeinen Hemlockstannen, Sproſſenfichten und Föhren, untermiſcht mit Ahornbäumen und Birken, aus deſſen Dickichten da und dort eine Rauchſäule aufwirbelte und die Exiſtenz eines Indianer⸗Wigwams verrieth. Auf der andern Seite lagen die lieblichen, einſamen Seen, nicht wie der Ontario, der Erie oder der Michigan, die zu groß ſind, um über⸗ blickt und bewundert werden zu können, ſondern Bijou⸗ Gemälde, deren ſtille Buſen, welche vom Windhauch kaum gekräuſelt wurden, das ſchöne Panorama von Hügel und Wald abſpiegelten; ein Waldland in allen prächtigen Far⸗ ben prangend, welche der Herbſt in dieſen Breiten unter den Waldbäumen in reicher Fülle ausſtreut, auf welchen helles Hochroth, lebhaftes Scharlach und goldenes Gelb vorherrſchen und Grün von jeder Nuance, von der blaſſen Färbung der früheſten Vegetation des Jahres an, bis zur tiefen Farbe der Eibe und der Cypreſſe ſich mit Braun vermengt, bis der ganze Wald in ſo mannigfachen Tinten glüht, wie ein Blumengarten im Juni.

Der erſte der drei Seen, einer der lieblichſten der Kette, iſt kaum eine halbe Stunde(zum Fahren), und der zweite nicht mehr wie eine Stunde von Halifax; und dennoch haben die Millionäre der Stadt noch keine Villas oder Landhäuſer an ihren Geſtaden gebaut. Es iſt eben nicht Mode.

Gegen das Ende des dritten Sees hin zerklüftet ſich die Landſchaft mehr und mehr. Die kahlen, öden Hügel erheben ihre Steinhäupter zu einer Höhe von ſieben⸗ bis achthundert Fuß, und die Vegetation zu ihren Füßen wird dürftiger. Wenn Waverley in Sicht kommt, iſt jede Hügelſpitze und jeder Felſen mit einer hölzernen Hütte gekrönt, die entweder die Wohnung eines Bergmanns oder die Einfahrt in einen Schacht iſt. Dieſe Hütten liegen in oſtweſtlicher Richtung, in der der Ader des gold⸗ haltigen Quarzes, deſſen Exiſtenz die Wildniß belebt hat. Es liegen Steine, die von den Gold ſuchenden Bergleuten geſprengt oder von der Natur geſtreut wurden, genug