Jahrgang 
27-52 (1867)
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Novellen

Waſſer und einigen Tropfen Liqueur und, was die Hauptſache iſt, in einem langen Stengelglaſe). Werfen wir dort zugleich einen discketen Blick auf die Comp⸗ toirſchönheiten.

Das deutſche Viertel(le quartier allemand), welches den ſüdweſtlichen Theil des Marsfeldes ein⸗ nimmt, iſt ſehr kosmopolitiſcher Natur und ſehr vieler Herren Länder, die ſonſt(die Herren, wie die Länder) wohl kein ſonderliches Verlangen nach deutſcher und ſelbſt nicht einmal nach preußiſcher Annexion haben, müſſen ſich hier gefallen laſſen, zu Germanien gerechnet zu werden: ſo die freie Schweiz die Freiheit, we⸗ nigſtens hier auf dem geduldigen Papier obenan! das autokratiſche Rußland, das bunt zuſammenge⸗ ſetzte Oeſterreich, das politiſch noch immer unmündige Spanien mit dem Schweſterlande Portugal, das ernſte, verſtändige Scandinavien, die(bis jetzt noch) unab⸗ hängigen deutſchen Mittel⸗ und Kleinſtaaten Baiern, Württemberg und Sachſen, endlich(Ende, gut, Alles gut) das parlamentariſche Preußen.... ein großer Raum hat ſie insgeſammt freundnachbarlich vereinigt, und nur Blumenbeete und liebliche Bosquets trennen ſie von einander.

Wenn wir vom engliſchen Viertel aus die weſt⸗ liche Mittelachſe des Marsfeldes überſchreiten, iſt Rußland das erſte Land aufdeutſchem Boden. Es wird gewiſſermaßen durch den Czaaren in eigener Perſon repräſentirt, denn die prächtigen ruſſiſchen Pferde, einige zwanzig in äußerſt geſchmackvollen Ställen, ſind Privateigenthum des Kaiſers Alexander. Von den Muſchiks ſehen einige, trotz ihrer Koſaken⸗ tracht, ſehr franzöſiſch aus und lachen auch, wenn wir ſie fragen, ob ſie Ruſſen ſeien. Außer ſeinen Pferde⸗ ſtällen und ſeinen juchtenduftenden Wagenremiſen zeigt Rußland uns noch eine Isba, wie man die Wohnung der Kronbauern, und eine Yurta, wie man die Wohnung der gewöhnlichen Bauern nennt, reizende kleine Holzconſtructionen mit bunten Schnitze⸗ reien, zierlichen Balcons und Altanen, mit ſauberen Treppen und Treppchen, hinter den lauſchigen weißen Gardinen der blitzenden Fenſter frohe Geſichter, und Alles ſo ſonntäglich reinlich und geputzt, daß man dieſe Häuschen, ſo wie ſie ſind, direct in die komiſche Oper fürCzaar und Zimmermann oder für den Nordſtern ſchicken könnte. Und wir meinten ſtets, daß die ruſſiſchen Bauern ſo primitiv und unciviliſirt dahin lebten, aus ihrem rohen Naturzuſtande nur zweimal jährlich durch die kaiſerlichen Werber auf⸗ geſcheucht würden und in Bezug auf Reinlichkei! höchſtens mit den Maroccanern wetteiferten. Wie man ſich doch irren kann und wie eine ſolche Welt⸗

Zeitung.

ausſtellung dazu beitraͤgt, unſere Begriffe von fernen Ländern und Nationen zuberichtigen! Das an⸗ grenzende Norwegen und Schweden iſt einfacher und ernſter und deshalb auch wahrer repräſentirt. Guſtav Waſa's Breterhaus in Fahlun, mit dem raſengedeckten Dach, wo der hohe Flüchtling ſich viele Monate lang vor den Häſchern Chriſtian's II. verharg, ſoll durch⸗ aus naturgetreu ſein.

Oeſterreich hat ein ganzes Dorf gebaut, in der Mitte einen großen Reſtaurant(wie könnte auch der Wiener Eſſen und Trinken vergeſſen!), und ſechs Häuſer und Häuschen rund umher ſämmtlich in der charakte⸗ riſtiſchen Bauart der Hauptprovinzen des Kaiſerreiches und von den freundlichſten Gartenanlagen umgeben.

Gerade dieſe Erſcheinungen, die wir hier nicht weiter in ihrer Schilderung verfolgen wollen, bilden ſicher die bedeutungsvollſte Seite der Weltausſtellung,

eindem ſie eigentlich culturhiſtoriſche Rieſenmodelle

ſind, zu groß, um in einem Modellſal untergebracht zu werden und leider zu wenig dauerhaft, um eine monumentale Exiſtenz gewähren zu können. Ich glaube, die kommenden Tage werden dieſe Idee auf⸗ greifen und man wird irgendwo irgend einen ebenſo entbehrlichen Platz, wie das Marsfeld in Paris, dadurch ehren und für die Intelligenz ſegeusreich machen, daß man ihn zu einem architektoniſchen Muſeum unter freiem Himmel umſchafft. Durch eine paſſende Auswahl von einem paar Hundert minutiös und unverwüſtlich ausgeführten Bauten im verklei⸗ nerten Maßſtabe(ſo daß die Peterskirche vielleicht nur hundert Fuß hoch wäre), würde man eine eben ſo poetiſche als inſtructive Ueberſicht über die hiſto⸗ riſchen Bauſtyle und ihre berühmteſten Schöpfungen dem gebildeten Laien wie dem Kunſtjünger gewähren. Dieſe Art von Nachahmung wäre zwar eine koſt⸗ ſpielige, aber in Hinſicht auf ihren Zweck auch ſo würdige, daß der Geiſt allgemeiner Weltbildung dieſe momentane Verſchwendung wie eine reiche Ausſaat zu einer reichen Ernte nur preiſen könnte. Von den einfachſten alten Denkmalen der Baukunſt ausgehend und deren Entwickelung durch die verſchiedenen Zeiten⸗ und Voͤlkergenien bis zum Eclecticismus der Gegen⸗ wart verfolgend, würde ein ſolches Muſeum die Moͤglichkeit gewähren, den figürlichen Eindruck der einzelnen Monumente mit einander zu vergleichen, welches jetzt der Studirende nur in der Erinnerung oder durch Abbildungen thun kann. Ebeling's Buch, das leicht, ungenirt und nicht ohne Anregung geſchrieben iſt, beſpricht ſchließlich die einzelnen Galerien der Ausſtellung und gewährt manches Licht über den Geiſt, welcher überhaupt in Paris dominirt.

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