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„Dann laſſen wir ihn gehen!“ entſchied Frau Sternberg.
Selten hatte Recht, wie faſt immer; am nächſten Morgen erſchien Cornelia völlig hergeſtellt, ſchon bei dem erſten Frühſtück. Um elf Uhr ſollte die Trau⸗ ung ſtattfinden. Als Cornelia ſich feſtlich gekleidet hatte, was ſie ganz allein gethan, erſchien das Kammer⸗ mädchen und ſagte nicht ohne Malice:„Ein fremder Herr fragt nach dem Fräulein und auch nach dem Herrn Bräutigam; es iſt derſelbe, der geſtern im Garten mit Ihnen ſprach; ich habe ihn indeß in das grüne Zimmer geführt.“
„Das iſt recht; geh' ſogleich und rufe meinen Bräutigam, der im Garten iſt; ich laſſe ihn bitten, zu dem Herrn zu gehen.“
Das Mädchen gehorchte; Cornelia(oder, wie ſie eigentlich hieß, Caroline) trat an das Fenſter und ſah das Mädchen aus dem Hauſe kommen und in den Garten hinabgehen. Blitzſchnell nahm ſie ein Taſchentuch in die Hand und verließ leiſe das Zimmer.
Nach wenig Minuten ſaß ſie wieder vor dem Spiegel;
mit zitternder Hand malte ſie auf ihre bleichen Lippen und Wangen ein zartes Roth. Thüren wurden auf⸗ und zugeſchlagen, Tritte hörbar: mit Doctor Selten trat Frau Sternberg ein. Die Letztere ſah beſtürzt aus, Cornelia ſah ſie fragend und betroffen an. „Es iſt beſſer, die Braut erfährt die Wahrheit, ſonſt wird ſie unſere Aufregung nicht verſtehen. Im Empfangszimmer, wohin Eduard ſich begab, fand er einen Fremden im Lehnſtuhl ſitzend, todt, eben ge⸗ ſtorben. Sternberg und ich erkannten in ihm einen
Herrn von Walton.“
„Entſetzlich!“ hauchte Cornelia.
„Der betäubende, mandelartige Geruch, der Eduard beim Eintritt auffiel, mehr aber noch ein Kryſtallfläͤſchchen, welches am Boden lag, läßt auf Selbſtmord ſchließen. Schon geſtern ſchien der Manu mir ſehr aufgeregt.“
Eduard erſchien, um ſeine Braut, die ſehr er⸗ griffen war, zu troͤſten. Doctor Sternberg und Bal⸗ dinger folgten ihm. Man kam um der Walton'ſchen Familie willen überein, des Barons Tod für Folge eines Schlagfluſſes zu erklären. Selten ſagte, es ſei dies auch moͤglich, da Niemand geſehen habe, daß der Todte das Fläſchchen bei ſich gehabt habe. Man müſſe den Todesfall der Behörde anzeigen, er wolle dies thun.
„Und heute ſollen wir getraut werden?!“ flüſterte Cornelia.
„Ich begreife Deine Gefühle, wir wollen die Trauung noch acht, Tage verſchieben,“ erwiderte Eduard.
Dierte Holge.
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„Da iſt ja ein Blutflecken auf das ſchöne weiße Kleid gekommen,“ bemerkte bedauernd Frau Stern⸗ berg.
„Ich hatte, wie ſo oft, wieder Naſenbluten und brauchte deshalb auch viel Zeit zu meiner Toilette, ich wäre ſonſt eher im Salon geweſen. Dies kleine Fleckchen über dem Buſenſtrauß habe ich nicht ge⸗ ſehen,“ antwortete Cornelia.
Doctor Selten und Baldinger verließen das Gemach der Braut und gingen zu dem Todten, der ſich noch mit vorgebeugtem Haupte in unveränderter Stellung befand; das Zimmer war indeſſen verſchloſſen geweſen.
Auf dem hellen Marmortiſche, an dem der Todte ſaß, bemerkte Baldinger einen Tropfen Blut, noch nicht eingetrocknet; auf einer Schleife von Herrn von Walton's Halsbinde fiel dem Arzte ein ganz kleiner Blutflecken in das Auge. Er und Baldinger wech⸗ ſelten einen Blick, Keiner ſagte ein Wort.
Baldinger durchſuchte die Taſchen von Walton's Kleidern; ein Taſchenbuch mit Papiergeld, ein Brief an Cornelia adreſſirt, mit dem Zuſatze: rectius Fräulein Caroline Hagen, und ihr wohlgetroffenes Miniaturporträt kamen in ſeine Hände.
Der Brief, nicht geſiegelt, wurde von beiden Männern geleſen.
Beide hielten eine kurze Berathung: mußte geſchont werden.
Abends, als der Todte längſt nach der Stadt geſchafft worden war, begab ſich Doctor Selten zu Cornelia, um ihr Walton's Brief zu bringen.
Sie nahm ihn ruhig. Der Doctor ſagte:„Haben Sie die doppelte Aufſchrift bemerkt?“
„Ja; ich bin überzeugt, Sie haben den Brief geleſen. Ich habe nur wenig Worte zu ſagen: Sorgen Sie dafür, daß mein Andenken in Eduard's Herzen rein fortlebt. Ihn habe ich geliebt!“
„Das weiß ich; Gott wird Sie mild richten.“
Am andern Tage war die Braut ſchwer krank, am dritten Tage eine Leiche. Ob ſie ſelbſt ſich den Tod gegeben, ob die furchtbare Aufregung ſie ge⸗ tödtet, erfuhr Niemand.
Eduard war lange Zeit tief betrübt, aber endlich ſiegten Jugend und Lebenskraft über ſeinen Schmerz, und er wurde allmälig heiterer. Bisher hat noch keine zweite Liebe ſein Herz wieder beglückt; aber der Ehrgeiz iſt in ihm erwacht, und da er auf dem Gebiete der Wiſſenſchaften Bedeutendes geleiſtet, ſo iſt ſein Leben kein vergebliches, alſo auch kein un⸗ glückliches.
Eduard


