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ſuche. Cornelia ſei mit der Gräfin Lichtenthal auf⸗ gewachſen, auch, ſoviel bekannt, in demſelben Orte geboren, in dem das Stammſchloß der Gräfin ſtehe. Mrs. Markham ſagte viel zu Cornelia's Lobe; bei dieſer Gelegenheit kam es zur Sprache, duß die Gouvernante vor zwölf Jahren, noch ſehr jung, in das Haus der Engländerin gekommen, einige Jahre dort geblieben, aber dann gewiſſer Verhältniſſe wegen wieder nach Deutſchland gegangen ſei. Wo ſie ſich daſelbſt aufgehalten habe, wußte Mrs. Markham nicht zu ſagen.
„Was Sie, verehrte Dame, mir über Fräulein Harder's Charakter ſagen, genügt mir vollkommen, ſprach Doctor Sternberg,„da Sie offenbar die Dame ſorgfältig beobachtet haben und gewiß eine ſtrenge, wenn auch gerechte Richterin ſein werden; es iſt na— türlich, daß ich mich auch nach der Vergangenheit des Fräuleins, erkundigte, denn ſie wird wahrſcheinlich durch Heirath ein Glied meiner Familie werden.“
Die Dame wurde etwas unruhig, als ſie dies hörte; nahh einigem Nachdenken ſagte ſie:„In dieſem Falle muß ich Ihnen noch eine Enthüllung machen. Ich habe die Ehre, Herrn Baldinger zu kennen; er ſelbſt, ſowie ſeine Frau haben viel Güte für die Meinigen gehabt, ich fühle mich deshalb verpflichtet, Ihnen zu ſagen, daß mein jüngſter Bruder Fräulein Harder heirathen wollte. ſaß, wurde von uns nicht in Betracht gezogen; daß ſie eine Gouvernante war, alſo gewiſſermaßen im dienſtlichen Verhältniſſe ſtand, wollte meine Familie aus Liebe zu meinem Bruder vergeſſen, aber natür⸗ lich zogen wir durch die Gräfin Lichtenthal Nachrichten über Cornelia’'s Herkunft ein und vernahmen, daß ſie“— hier erröthete Mrs. Markham,—„ja, daß ſie ein uneheliches Kind ſei, die natürliche Schweſter der Gräfin Lichtenthal. Die alte Gräfin hatte das Kind, deſſen Mutter ein Landmädchen war, aus Edel⸗ muth mit ihren jüngeren Kindern erziehen laſſen, unter dem Namen der Mutter, welche Harder heißt und noch lebt. Als Cornelia ſiebzehn Jahre alt war, ſtarb die Gräfin und bald nachher Graf Cornelius von Lichtenthal. Er hatte ſeine älteſte natürliche Tochter, wahrſcheinlich aus Schaam, niemals öffentlich anerkannt, ſie auch im Teſtamente nicht bedacht. Die Vormünder ſeiner ehelichen Kinder wieſen des Grafen illegitime Tochter aus dem Schloſſe und erklärten, Cornelia könnte ſich durch ihre Kenntniſſe als Gou⸗ vernante ſelbſt forthelfen. Sie erhielt eine kleine Summe und von der Gräfin Lichtenthal Empfehlungs⸗ briefe. Daß mein Bruder das Mädchen jetzt nicht
heirathen durfte, werden Sie, theurer Mr. Stern⸗ berg, begreifen.“
Novellen⸗
Daß ſie kein Vermögen be⸗
Jeitung.
Doctor Sternberg dankte der Dame für ihre Aufrichtigkeit; Cornelia's Benehmen war ihm jetzt vollſtändig erklärt, es erſchien ihm in einem milderen Lichte; dennoch empfand er es als Mangel an Ver⸗ trauen, daß ſie Verhältniſſe verſchwiegen hatte, die
ja nicht ihr zur Unehre gereichten. Er war feſt ent⸗
ſchloſſen, ſeinem Sohne die Einwilligung nicht zu verſagen, falls Cornelia vorher auf offene Fragen aufrichtig antworten würde.
Heiterer, als er abgereiſt war, kehrte Sternberg heim; das peinliche Gefühl, ſein Eduard habe einer Unwürdigen ſein Herz geſchenkt, quälte ihn nicht mehr. Als er mit Selten darüber ſprach, äußerte der Letztere:„Auch ich denke jetzt beinahe wieder ſo gut von dem Mädchen, wie anfangs; erwarten wir jetzt ein offenes Geſtändniß von ihr.“
Hand in Hand gingen Eduard und Cornelia, ein neu verlobtes, glückliches Paar, im Garten auf
—
und ab, vertieft in die lieben, endloſen Geſpräche,
welche für Menſchen, die zuſammen harmoniren und
Geiſt haben, ſoviel Reiz beſitzen.
„Wollen wir Deine Mutter nicht beſuchen?“ fragte der junge Mann;„ſoll ſie nicht Dein Glück ſehen,— denn ich hoffe, Du biſt glücklich,— und uns ſegnen?“
Cornelia erwiderte:„Habe Dank für dieſe liebe⸗ vollen Gedanken, aber ich weiß, meine Mutter würde durch mein Kommen nur gekränkt. Sie hat in mir niemals den Gegenſtand ihrer Liebe, ſondern nur die Urſache ihrer Schande geſehen, und war froh, als
mein Vater mich ihr abnahm. Als ich noch ein Kind
war, hat ſie ſich mit dem Schullehrer eines Dörfchens bei Landshut verheirathet, der durch meinen Vater das Aemtchen erhielt. Einige kleine Unterſtützungen von mir nahm ſie an, mich zu ſehen hat ſie nie ge⸗ wünſcht.“
„Wie Du wllſſt; aber beſchenken will ich fortan reich die Frau, der ich Dich, Du Liebſte, Heldeſte, u verdanken habe.“
„Dafür danke ich Dir, denn ich weiß, ſie 4 es brauchen, ich habe noch mehr Geſchwiſter, ih Kinder. Die gräflichen Ge ſchwiſter kannte ich un liebte ſie, da ich mit ihnen aufgewachſen bin; haben mich vergeſſen. An der Härte, mit welcher ihre Vormünder mich, die ich in Glauz und Ueberfluß
gelebt hatte, jung und ſchutzlos in die Welt ſtießen, ₰
ſind ſie nicht ſchuld.“ „Für bittere Jahre ſollſt Du Jahre des genießen, Du beſtes aller Mädchen.“
Blü
2 „Du irrſt, mein Eduard; ich bin nicht ſo S b und tadellos, wie Du, lieber Schwärmer, miunſt.
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