Jahrgang 
27-52 (1867)
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818 Rovellen

in dieſem Jahre kannſt Du ſie und Deine Liebe prüfen. Bleibt Cornelia für Dich dieſelbe, ſo ſoll Euch mein Segen nicht fehlen, obgleich ich auch dann noch wünſchen werde, Deine Wahl möchte auf ein jüngeres Mädchen gefallen ſein, auf eins, das weniger Schmerz erlebt hätte.

Cornelia bewies auch diesmal wieder ihre Klug⸗ heit. Sanft und würdig ſagte ſie der Frau Stern⸗ berg, daß ſie ſich durch Eduard's Erklärung hochge⸗ ehrt, aber nicht beglückt fühle, da ſie unmöglich erwarten könne, ihr eine willfommene Schwieger⸗ tochter zu ſein. Sie, Cornelia, habe Eduard be⸗ ſchworen, jeden Gedanken an eine Verbindung mit ihr aufzugeben, ſie wolle und werde das theure Haus verlaſſen und zu alten Freunden gehen.

Dieſer Entſchluß Cornelia's, der ohne alle Bitter⸗ keit ausgeſprochen wurde, rührte Frau Sternberg innig, ſie ſchloß Cornelia in ihre Arme und ſagte mit naſſen Augen:Nein, mein Kind, Du ſollſt nicht fort, verkenne uns nicht, weder meinen Mann, noch mich. Wir haben nicht nur Eduard's Glück im Auge, auch das Deinige. Mein Sohn iſt noch ſo jung, wenn er ſich in ſeinen Empfindungen getäuſcht haben ſollte; er begehrt und er hofft von Dir ein friſches Herz, und Du, Cornelia, haſt Du nicht vielleicht einen anderen Mann mehr geliebt, als Du Eduard zu lieben vermagſt? Eine Frau wird ſelten fünfund⸗ zwanzig Jahre alt, ohne der Liebe Glück und Leid durchlebt zu haben. Eduard kannte bisher nur das elterliche Haus und die beiden Univerſitäten, welche er beſucht hat: wenn er, noch ein junger Mann, in einigen Jahren einer Andern verzeihe mir einer Jüngeren, Fröhlicheren begegnen ſollte und waͤre ge⸗ bunden an Dich

Dann würde die nicht mehr Geliebte zu gehen wiſſen, ſollte ich wirklich Eduard's Gattin ſein; denn ich, o, ich liebe ihn mehr als Alles auf Erden, mehr als mich ſelbſt.

Als Frau Sternberg dies Geſpräch ihrem Gatten und dem Doctor Selten mittheilte, ſagte der Erſtere: Wir müſſen Cornelia hier behalten, denn nur, wenn Eduard ſie täglich ſieht, kann er zur Klarheit über ſich ſelbſt kommen. Der Doctor bemerkte:Was ich auch im Allgemeinen gegen Fräulein Harder habe, daß Eduard ihre erſte wahre Liebe iſt, davon bin ich feſt überzeugt; jetzt haben wir, die wir des lieben Jungen Glück bauen möchten, nichts zu thun, als über ihre Vergangenheit nachzuforſchen, auch muß ſie Ihnen, liebe Freundin, ihre Papiere ſelbſt geben; bisher haben Sie ja noch gar nichts von ihr gehört, als daß ihr Vater längſt todt und ihre Mutter ebenfalls vor einigen Jahren geſtorben iſt, daß ſie in

Zeitung.

einer guten engliſchen Familie Gouvernante geweſen und ſich in Pfarrer Auenmüller's Wohnort als Leh⸗ rerin aufgehalten hat.

Aber, ſagte Frau Sternberg,Sie ſelbſt, lieber Selten, kennen ja den Paſtor Auenmüller als Ehren⸗ mann und hielten die Empfehlung, welche er Corne⸗ lien gab, als ſie in unſer Haus kam, für vollgültig.

Gewiß; aber es iſt ein Unterſchied zwiſchen einer Lehrerin, die man überwachen und entfernen kann, und einer Schwiegertochter.

Verſteht ſich, lieber Freund, und ich werde jetzt mit meiner Verſuchung beginnen, erwiderte Stern⸗ berg,man reiſt ja in unſeren Tagen ſo ſchnell, wird ohne große Ceremonieen bekannt und überdies iſt der Name der engliſchen Familie, welche jede Saiſon in London lebt, ein bekannter.

Du haſt Recht, Sternberg, wollen wir hoffen, daß Dein Sohn entweder von ſeiner Leidenſchaft ge⸗ heilt wird, oder daß Cornelia uns Allen ſo tadellos erſcheinen möge als ihm, wenn wir ihre ganze Ver⸗ gangenheit kennen. 2 *

Während der ſtrengen Wintermonate blieb Stern⸗ berg zu Hauſe, als aber der Frühling näher kam, ſprach er von einer Reiſe zu Thereſen, gegen welche die Doctorin Sternberg natürlich keine Einwendungen machte. Eduard, der keine Ahnung von dem Zwecke

friſchen; Cornelia beneidete ihn, daß er, wie ſie ſagte, Thereſe als junge glückliche Gattin ſehen werde. Doctor Selten glaubte zu bemerken, Cornelia ſei, ſeit ſie von den Reiſeplänen Sternberg's gehört habe,

davon. 1

Cornelia unterſtützte Frau Sternberg im Haus⸗ ſtande, half ihr an Gellſchaftsabenden die Honneurs machen, arbeitete viele geſchmackvolle Stickereien und benahm ſich Eduard gegenüber zurückhaltend, aber Micht ſchroff, und ſtets würdig. Als Sternberg ihr Lebewohl ſagte, gab ſie ihm eine zierliche Handarbeit für Thereſen mit, ihm ſelbſt ein geſticktes Futteral mit einem Reiſebecher darin. Die Hausfrau war niedergeſchlagen bei der Abreiſe ihres Gatten. Selten und Eduard begleiteten Letzteren auf den Bahnhofz der Doctor flüſterte ſeinem alten Freunde zu:Halte ſtets die Augen offen.*¾

Es waren ſchöne, glückliche Tage, die Sternberg bei Thereſen und deren Gatten in Berlin verlebte; von da aus wollte er nach E..., um ſich bei dem Pfarrer Auenmüller nach Cornelien zu erkundigen. 5

Es war eben Mittagszeit, als Sternberg in E. anlangte. Er ſtieg im erſten Gaſthofe des Stadichens

unruhig, doch ſagte er zu ſeinen Freunden keine Sylbe

dieſer Reiſe hatte, meinte, ſie würde den Vater er⸗ K8

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