Jahrgang 
27-52 (1867)
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81² Novellen⸗Zeitung.

Wunſch glücklich zu ſein ſich bei allen Menſchen findet, ſo⸗ bald ſie aber das Glück definiren wollen, gehen ihre Mei⸗ nungen weit auseinander.

Jetzt hat ein geachteter franzöſiſcher Schriftſteller, Roux⸗ Ferrand, der ſich durch ſeine hiſtoriſchen und philoſophiſchen Forſchungen bereits einen geachteten Ruf erworben hat, über dieſen Gegenſtand eine kleine Schrift veröffentlicht, welche den Titel führt:Du bonheur dans le devoir, worin er

nachweiſt, daß das ungetrübte Glück die Belohnung eines

reinen Gewiſſens iſt und daß es ſeinen Tempel nicht in den Regionen des Reichthums, des Ruhms und der Macht auf⸗ baut. Dieſe kleine, aber treffliche Schrift verdient größte Beachtung und weiteſte Verbreitung, denn ſie iſt nicht blos ein ausgezeichnetes Buch, ſondern auch eine gute Handlung. C.

Misxrellen.

Zu den vielen Anekdoten, die man ſich in Paris von dem am 27. September c. verſtorbenen Dr. Véron erzählt, gehören auch die beiden folgenden.

Die erſte derſelben reicht bis in die Zeit des Königs Ludwig Philipp zurück. Die Regierung deſſelben näherte ſich ihrem Ende und man hörte ſchon in der Luft die Donner⸗ ſchläge der Februar⸗Revolution. Ein Bekannter kam zum Doctor Véron, um ihm die Nachricht mitzutheilen, daß der König endlich einwillige, ein Miniſterium Thiers⸗Lamori⸗

ciere zu ernennen, worauf er entgegnete:Ja, man geht am Tage nach einer Feuersbrunſt immer zu einem Verſicherer.

Das war die Leichenrede der Juli⸗Monarchie.

Die zweite Anekdote iſt aus einer ſpätern Zeit.

Eines Tages ging der Doctor Véron, welcher ſeit Jahresfriſt nicht mehr der Vertreter von Sceaux im geſetz⸗ gebenden Körper war, zu einem Miniſter, von dem er nicht für ſich, ſondern für einen Bekannten etwas zu erbitten hatte. Früher wurde der Doctor ſtets ſehr gut empfangen und durch

die Corridors für die Begünſtigten zugelaſſen, aber da ſein

Credit dadurch, daß er halb in Mißgunſt gerathen war, ſich vermindert hatte, ſo ließ man ihn dieſes Mal volle drei⸗ viertel Stunden antichambriren. Der Doctor wartet ganz geduldig, tritt endlich ein, plaudert, als ob er von dieſer Veränderung gar nichts bemerkt habe, erhebt ſich dann mit einem liebenswürdigen Lächeln, um ſich zurück zu ziehen und nimmt die Richtung nach einer gewiſſen kleinen Thüre, die im Hintergrunde des Cabinets verſteckt war und durch die man ihn ſo oft zugelaſſen hatte. Aber plötzlich die Hand zurück⸗ ziehend, die er bereits auf den Drücker gelegt hatte, ſagte er:

Ach, Vergebung, Herr Miniſter... das iſt der Eingang der Deputirten.

Mit dieſen Worten ging er nach der andern Seite und entfernte ſich, indem er ſich dem Miniſter freundlich empfahl. Seine Excellenz biß ſich auf die Lippen. C.

Eine vornehme engliſch Dame ſprach gegen Fuad Paſcha bei des Sultans diesjähriger Anweſenheit in England ihr Miisſallen darüber aus, daß Muhameds Geſetz erlaube, mehr als eine Frau zu haben.

Dies geſchieht, erwiderte Fuad Paſcha, damit man in mehreren alle die Eigenſchaften finden könne, welche in Ihnen allein vereinigt ſind.r.

In Limoges, der Hauptſtadt des franzöſiſchen Departe⸗ ments Haute⸗ Vienne, wurde einſt bei Gelegenheit der Durch⸗ reiſe einer vornehmen Perſon eine zu dieſem Zweck ſchnell etwas zurechtgeſtutzte Oper aufgeführt, deren erſter Chor mit folgendem merkwürdigen Verſe begann:

Soleil, vis tu jamais une si belle nuit? r.

Pope ſagt in einem ſeiner Werke:Wir ertragen leichter ein großes Unglück, das uns etwas zu thun giebt, als ein zehnmal kleineres, bei dem wir unthätig bleiben müſſen.

r.

Vom deutſchen Züchermarkt.

(Für den Weihnachtstiſch.)

Volks⸗Märchen. Nach Muſäus. Für die reifere Jugend neu überarbeitet von Franz Hoffmann. Illuſtrirt. Stuttgart, bei Schmidt und Spring.

Franz Hoffmann iſt als erfahrener Jugendſchrift⸗ ſteller zu derartigen Ueberarbeitungen ein trefflicher Ge⸗ währsmann. Ohne den herrlichen Dichtungen des treff⸗ lichen alten Muſäus, dieſes Neubelebers der deutſchen Volkspoeſie der Märchenwelt, irgend einen Abbruch zu thun, hat er doch mit zarter Sorgfalt daraus entfernt,

was für die Jugend irgend Bedenken haben könnte. Die

in Arabeskenform kleiner ſchwarzer Neben⸗ oder Epiſoden⸗ bilder um ein colorirtes Hauptbild arrangirten Illuſtra⸗ tionen von Geisler haben bei einer gefälligen Compoſition ſo viel charakteriſtiſchen Ausdruck in den Köpfen, wie man

ihn heut zu Tage leider ſehr ſelten ſindet. Sie ſind graziös

und ganz allerliebſt gezeichnet und ſo einfach als wirkungs⸗ voll ſchattirt. B. C. Geisler hat in dieſer gediegenen Manier, die doch ſo gefällig iſt, ſehr wenig Concurrenten.

Blätter und Blättchen. Von A. Brook. Berlin, bei Kortkampf. 1867.

Dieſe kleinen Gedichte,gefunden in guten und böſen Tagen, ſind von der Verfaſſerin vonSchutzlos aber nicht hilflos. Wie ſich ſchon in dieſem Roman viel Empfindung für das ſittliche, weibliche Element und für geſunde bürger⸗ liche Anſchauung ausſprach, ſo zeigen auch dieſe Liederchen und Sinngedichte einen anſpruchsloſen Charakter und jene Innigkeit, die ſo oft mit manchen lyriſchen Schwächen zu ver⸗

ſöhnen das Recht hat. Eine poriſtiſche religiöſe Färbung do⸗

minirt in den hier gegebenen Anſchauungen.

Des Adlers Aufflug. Von Ewald Kahlenberg. Leipzig, Verlag von Kummer. 1867.

Wir haben ſchon früher den Beginn dieſes ausführlichen Romans angezeigt und deſſen beide erſte Bände beſprochen. Es ſind nun noch ſechs Bändchen hinzugekommen, ſo daß der fertig vorliegende Roman im Ganzen deren acht umfaßt. Das Ganze iſt in die Tage der nueſten kriegeriſchen Zeitbewe⸗ gung hineingedacht und ſucht durch ſpannende Schilderungen, verbunden mit Satyre und Ironie, in leicht verſtändlichem Tone gehalten, einen größeren Leſerkreis zu feſſeln. Der Verfaſſer ſpiegelt darin kleinſtaatliche Verhältniſſe und die in dieſelben ſpecifiſch hinein gehörigen Perſönlichkeiten ab, und in Hinſicht auf zahlreiche Lächerlichkeiten arbeitet ü der Stoff ſelbſt naturgemäß in die Hünde