hundert Kulis machte, welche zum Zweck der Thee⸗Cultur eingeführt wurden, war nicht unangenehm, und die anfäng⸗ lich unintereſſante Landſchaft wird wunderſchön, wenn der mächtige Strom, der eine immenſe Maſſe Waſſer mit ſich führt und eine gewaltige Strömung hat, den Reiſenden in das Aſſam⸗Thal trägt. Hier laufen die Ausläufer der Garrow⸗ und untern Bhutiah⸗Gebirge ſo nahe zuſammen, daß es dem Reiſenden ſcheint, als ob die ſchön bewaldeten Kuppen der vielen Berge und Hügel, in welche ſich die Ge⸗ birgskette hier trennt, aus dem Fluſſe ſich erheben und ein coup d'oeil bieten, wie man es ſonſt auf keinem Fluſſe in Indien hat. Die Reiſe dauert zwölf Tage und die erſten Stationen haben keine andern Abwechslungen, als Schwärme von Alligators und Myriaden von Pelikanen, welche ſich auf den niedrigen Sandbänken gruppiren.
Gowhatty, die Hauptſtadt der Provinz Aſſam, iſt, wenn man nur die Länge der Reiſe im Auge hat, weiter von Calcutta als New⸗York, St. Petersburg oder Conſtantinopel von London. Die Provinz Aſſam iſt ein langes Thal, das durch die öſtlichen Ausläufer der großen Himalayakette und durch die kleineren Hügelketten gebildet iſt, die von zahlreichen Stämmen bewohnt werden, welche dieſen Gebirgszügen ihre Namen gaben. Dieſe Kette läuft mit dem Himalaya parallel und dehnt ſich weſtlich bis zum Brahmaputra, nördlich von Dacca, aus. Das Bild, welches dieſe natürlichen Züge dar⸗ bieten, iſt von außerordentlicher Schönheit.„Die Grenz⸗ linien,“ ſagt Major Lees,„ſind in eine Reihe von Hügeln zerriſſen, die gegen Norden vier oder fünf verſchiedene Ketten bilden, welche allmälig zurücktreten, bis die höchſte eine Höhe von acht⸗ bis zehntauſend Fuß erreicht,— die ſchneebedeckten Spitzen des rieſigen und düſtern Himalaya ſchließen die Aus⸗ ſicht. Leider iſt dieſe Provinz ebenſo ungeſund, wie ſie ſchön iſt. Seit vielen Jahren wurde kein Verſuch gemacht, den wilden und vielverzweigten Strom zu reguliren, er floß,
wohin es ihn gelüſtete, und überſchwemmte das Land meilen⸗ weit auf beiden Seiten ſeines unſichern, immer wechſelnden Bettes, indem er die kleineren Flüſſe zurückdrängte und durch ſeine Anſchwemmungen das Thal zu einem der fruchtbarſten, aber leider auch durch die Miasmen, welche der Einfluß der tropiſchen Sonne auf die verfaulte Vegetation hervorbringt, die er zurückläßt, für einige Monate des Jahres zum unge⸗ ſundeſten in Indien macht.
Ueber die wilden und maleriſchen Wüſten der Provinz Aſſam iſt eine Bevölkerung zerſtreut, deren Zahl unzurei⸗ chend und deren Charakter ſich nicht für die Bebauung des Bodens eignet, deſſen Ueppigkeit und Zerbröcklichkeit ihn zur Theecultur beſonders geeignet macht. Die Luft iſt durch die beſtändige Verdunſtung und die dichten Nebel feucht. Major Lees iſt der Anſicht, daß Aſſam die natürliche Heimath der Theepflanze iſt,— eine Anſicht, die er folgendermaßen be⸗ gründet.„Ich habe,“ ſagt er,„nur die einfachen That⸗ ſachen, daß der Theebaum in den Urwäldern von Aſſam wild wächſt, während ich von einem wilden Thee in China nichts weiß, — daß ferner die einheimiſche Aſſam⸗Theepflanze die Größe eines Baumes erreicht, während die chineſiſche Pflanze ein Strauch iſt; daß die chineſiſche Species, deren es ſehr viele Va⸗ rietäten giebt, ſich ſehr verbeſſert, wenn ſie an günſtigen Plätzen in Aſſam gepflanzt wird, indem ſie ſich in manchen Fällen der fälſchlich Pybride genannten Pflanze aſſimilirt, die aber wahrſcheinlich blos eine Varietät iſt;— und daß endlich die Letztere ſowohl durch ihren großeren Umfang, ihr raſcheres Wachſen, ihre größere Ergiebigkeit und das feinere Gewebe
ihres Blattes unzweifelhaft die höhere Pflanzengattung iſt.“
Novellen⸗
Zeitung.
Hier alſo, in der üppigen Wildniß, wächſt dies werth⸗ volle Naturproduct, eine reiche Quelle des Wohlſtandes, aber faſt unerreichbar und für die Welt ohne Werth. Das Material des Reichthums exiſtirt, doch die Mittel, denſelben zu verwirklichen, die Arbeitskräfte, fehlen.
Das Aſſam⸗Thal wurde nie vermeſſen; ſeine Bevölke⸗ rung wurde nie gezählt; einer oberflächlichen Schätzung zu⸗ folge nimmt man an, daß ſie aus etwas über anderthalb Millionen Seelen beſtehe. Iſt dieſe Berechnung nahezu richtig, ſo kommen etwa dreißig Seelen auf die engliſche Quadratmeile. Auch iſt die Bevölkerung über das Land nicht gleichmäßig vertheilt. Große Landſtriche— man ſſagt ſechs Millionen Acker— ſind mit dichten Dſchungeln bedeckt, die nur von wilden Thieren bewohnt werden, und die Menſchen bewohnen nur einen kleinen Theil der Provinz.
Die Aſſameſen, die unwürdigen Bewohner dieſes rei⸗ chen, ſchönen Landes, ſind eine ſchwache, entartete, indolente und unverſchämte Race, ſinnlichen Genüſſen und dem un⸗ mäßigen Gebrauche von Opium ergeben, das ihnen von der Regierung, die ſich in keiner andern Hinſicht um ſie kümmert, reichlich geliefert wird. Ein großer Theil des Lohnes für Regierungsarbeiten fließt in den Schatz zurück als Bezahlung für das Opium, welches für dieſe Geſchöpfe der einzige An⸗ trieb zur Arbeit iſt. Die Kinder dieſes Volkes ſind ſchwäch⸗ liche, verwachſene Weſen, und eine große Anzahl derſelben ſtirbt in früheſter Kindheit an der Ruhr, an den Pocken und Sumpffiebern. Dadurch wird die Bevölkerungszunahme ge⸗ hemmt und die Menſchen ſind nicht im Stande, die Ausbrei⸗ tung des Oſchungels und der Sümpfe zu verhindern.„Ich bin,“ ſagt Lees,„meilenweit durch rieſige Grasgebüſche von
zehn bis zwölf Fuß Höhe gereiſt, die nicht angebaut gewefen——
und wo der alte Dorfbewohner, den ich als Führer benützte, mir da und dort die Lage eines alten Dorfes zeigte, von dem keine Spur übrig geblieben war.“
Es gab eine Zeit, wo das Aſſam⸗Thal von Waſſer⸗ gräben, mehäitenn und Straßen, welche der Römer würdig, geweſen wären, durchſchnitten war, die ſämmtlich von den Aſſameſen gebaut worden waren; doch die Waſſerbehälter ſind im dichten Dſchungel verſchwunden, und die Straßen wurden ſo vernachläſſigt, daß man ſie nur dort erkennt, wo die rieſigen Dämme geblieben ſind,— Markſteine, die an die kräftige Regierung der Rajahs von Aſſam und an die er⸗ zwungene oder angeborene Energie des Volkes erinnern, wonach man jetzt vergeblich ſucht.
Die Cocharis ſind ein überlegener Stamm, welcher nicht, dem Opium⸗Genuß ergeben iſt, weshalb man auch gute Ar⸗ beiter unter ihnen findet, die willig ihre Heimſtätten verlaſſen, um in den Theegärten zu arbeiten, aber natürlich in unge⸗ nügender Zahl. Die unciviliſirten, zahlreichen Bergſtämme ſind ſehr unruhige, zu mörderiſchen Einfällen geneigte Nach⸗ barn; und obwohl ſie es nicht wagen, Truppen im Felde gegenüber zu treten, ſind ſie keineswegs zu verachtende Feinde, wenn man ihre Macht, unbeſtraft Schaden zu thun und zu beunruhigen, in Betracht zieht. Unter dieſen Ge⸗ birgsſtämmen ſind zwei, die Khaſias und die Garos, welche Ausnahmen bilden und friedlich und fleißig ſind. Die Khaſias liefern den engliſchen Anſiedlern Kartoffeln und Eiſen, die Garos beträchtliche Quantitäten Baumwolle, und ihr Handelsverkehr mit den Ebenen iſt von der höchſten Wichtigkeit. Dagegen haben die Garos die unangenehme Sitte, den Bewohnern der Dörfer die Köpfe abzuſchneiden, um deren Schädel mit ihren eigenen Todten zu beſtatten.
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