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pythiſchen Spielen als beſonderer Zweig des Wettkampfes eing ebürgert hatte, erforderte natürlich mehr techniſche Fertig⸗ keit in der Behandlung des Inſtruments, das vor dem Ge⸗ ſange zurücktrat. Stratonikos ſcheint ſeinen Unterhalt im Anfange durch dieſelbe Beſchäftigung erworben zu haben, mit welcher er auch ſpäter die Zeit zwiſchen ſeinen öffent⸗ lichen Vorſtellungen ausfüllte, nämlich durch Unterrichten. Ehe er in Ruf kam, war der Zulauf eben nicht groß. Als er einſt in dieſer Periode von Jemand gefragt wurde, wie viele Schüler er denn habe, antwortete er:„Mit den Göttern zwölf.“ Es befanden ſich aber in ſeinem Lehrzimmer die Statuetten der neun Muſen und Apollon's. Später ſtieg dagegen die Zahl ſeiner Schüler bedeutend. Wenigſtens kam in einer Komödie ſeines Zeitgenoſſen Philetäros in Bezug auf einen renommirten Koch die Stelle vor:„Er ſcheint mehr Schüſſeln zu haben, als Stratonikos Schüler.“ Sein Unter⸗ richt beſchränkte ſich aber keineswegs auf die techniſche Hand⸗ habung der Kithara, ſondern, wie Phanias verſichert, war er der Erſte, der ſeine Schüler auch in der Theorie der Ton⸗ kunſt unterwies. Außerdem machte er die Kithara vielſaitiger und ſtellte eine neue Tonleiter auf. Der Künſtlerſtolz des Stratonikos ſcheint im Verhältniſſe zu ſeinen Leiſtungen ge⸗ ſtanden zu haben und ſeine Aeußerungen treten uns um ſo rückſichtsloſer entgegen, je weniger überhaupt die conventio⸗ nelle Höflichkeit bei den Alten bis zur überbeſcheidenen Selbſtverleugnung getrieben zu werden pflegte, von der ſich freilich auch bei uns gerade die Virtuoſen immer mehr eman⸗ cipiren. Zunächſt ſchonte er ſeine muſikaliſchen Collegen nicht im Geringſten. Als er auf Rhodos den Kitharaſänger Propis geſehen und gehört hatte, der eine vielverſprechende Geſtalt, aber eine ſchlechte Stimme beſaß und man ihn nach ſeinem Urtheile fragte, antwortete er lakoniſch:„Kein übler, großer— Fiſch!“ In Byzanz wohnte er zur Feſtzeit den Wettkämpfen im Theater bei. Ein Kitharaſänger hatte den Eingang ſeiner Partie gut geſungen, machte aber mit den übrigen Theilen Fiasco. Kaum war er fertig, ſo ließ Stra⸗ tonikos durch den Herold ausrufen:„Wer den Sänger an⸗ zeigt, der das Vorſpiel geſungen hat, wird 1000 Drachmen erhalten!“ Bei einer andern Gelegenheit, wo er zum Con⸗ cert eines Kitharöden eingeladen worden war, ſagte er am Schluſſe:„Dieſem verlieh der Vater das Eine, das Andre verſagt' er,“ und als man ihn fragte, was er denn mit dieſem Homeriſchen Verſe meinte, war ſeine Antwort:„Schlecht die Kithara zu ſpielen hat er ihm verliehen, ſchön zu ſingen aber ihm verſagt.“ Höchſt komiſch iſt auch die Art, auf welche er ſich aus einer Verlegenheit zog, wie ſie auch heute noch Leuten von Fach zuſtoßen kann. Ein reicher Mann, der Dilettant auf der Harfe war, hatte ihn einſt zu Tiſche ge⸗ laden. Die Bewirthung war lecker und fein, aber der eitle Hausherr konnte kaum die Zeit erwarten, wo die Tafel auf⸗ gehoben wurde und das Trinkgelage begann, um den Meiſter mit ſeinen eigenen Leiſtungen zu regaliren. Leider ſpielte er herzlich ſchlecht und unſer Muſiker, der nicht einmal Jemand zur Unterhaltung hatte, fing bald an, unheimliche Langeweile zu empfinden. Was ſollte er aber thun? Entfliehen konnte er ſeinem Peiniger nicht, und allzu grob auszufallen, verbot ihm die genoſſene Gaſtfreundſchaft. Er zerbrach alſo abſicht⸗ lich ſeine Trinkſchale, verlangte vom Sclaven eine größere und leerte ſie haſtig ein Mal um das andere, bis er ſüß entſchlummerte, die Entwickelung dem Zufall anheimſtellend. Bald aber kamen andere Gäſte, die bereits an einem Con⸗ vivium Theil genommen hatten und nun nach griechiſcher Sitte weiter zogen, in daſſelbe Haus und fanden Stratonikos
Novellen⸗
Jeitung.
A.
berauſcht. Sie fragten ihn alſo ſpäter, woher es gekommen wäre, daß er ſich ſo ſchnell bezecht hätte, worauf er entgegnete: „Der hinterliſtige und verruchte Harfenſpieler hat mich wie einen Stier gefüttert und dann an der Krippe todtgeſchlagen.“ „Als er in Sikyon ſeine Nebenbuhler beſiegt hatte,“ ſchreibt Athenäos,„weihte er in dem dortigen Asklepiostempel eine Trophäe mit der Inſchrift:„Stratonikos zum Anden ken des Sieges über die ſchlechten Kitharaſpieler.“ Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß dieſer Wettſtreit an den von Pindar erwähnten ſikyoniſchen Pythien ſtattgefunden hat, wo die Sieger Kränze und ſilberne Schalen empfingen. Die Selbſt⸗ ſtändigkeit ſeines Urtheils ſoll er aber auch in kühner Weiſe dem König von Aegypten Ptolemäus I. gegenüber gewahrt haben. Denn als dieſer ſich über die Zitherſpielkunſt mit ihm unterhielt und Manches durchaus beſſer wiſſen wollte, wird dem Virtuoſen die Aeußerung in den Mund gelegt: „Etwas Anderes, o König, iſt das Skeptron, etwas Anderes das Plektron.“ Aehnlicherweiſe ſagte er zum kritiſirenden Schuſter Mynnakos:„Was über den Knöchel heraufgeht, darüber haſt Du kein Ürtheil!“ Eine weitere Probe ſeiner Empfindlichkeit gab er der reichen kunſtfreundlichen Stadt Rhodos. Als er ſich hier hören ließ und Niemand die Hand zum Beifall rührte, verließ er das Theater mit den Worten: „Wenn Ihr nicht einmal das ſpendet, was Euch nichts koſtet, wie kann ich hoffen, von Euch eine Beiſteuer zu erhalten!“ Dieſe Anekdote iſt auch deshalb intereſſant, weil ſich aus ihr ergiebt, daß die Virtuoſen, wie es auch von den Athleten feſtſteht, bei dem Publicum Collecten veranſtalteten, wenn nicht vorher ein beſtimmtes Honorar ſtipulirt worden war (nach Athenäos bekam der Kitharöde Amoibeus in Athen für jeden Tag ſeines Auftretens 1500 Thaler). Es wird dies
auch dadurch beſtätigt, das Stratonikos zu Einen, der ihn
nur lobte, um, wie es ſchien, ein Geſchenk von ihm zu be⸗ kommen, ſprach:„Ich bin ſelbſt ein Bettler, und zwar ein größerer, als Du.“ Stratonikos war jedoch trotz aller Ueberhebung nicht ſo verblendet, daß er nicht tüchtige Meiſter in ſeinem Fache anerkannt und ſogar in Schutz genommen hätte. Wenigſtens gilt dies von Timotheos, dem berühmten Dichter, Compo⸗ niſten, Flöten⸗ und Kitharaſpieler, welcher auch die Ehre hatte, bei der Hochzeitsfeier Alexander's zu Suſa mitzu⸗ wirken. 2 Seine Reiſen machte Stratonikos, wie es Sitte war, in Begleitung eines Sclaven. Wiewohl es damals an Wirths⸗ häuſern an den Landſtraßen nicht fehlte, ſo zog man doch ſtets(wie auch noch ſpäter in Griechenland und Italien) gaſtfreundſchaftliche Aufnahme in einem Privathauſe, die jedoch ſelten mit voller Bewirthung verknüpft war, dem Unterkommen in der Herberge vor, wo man Geſellſchaft der bunteſten Art antraf und mit dem betrügeriſchen Wirth um jeden Biſſen feilſchen mußte. Dies erklärt den Aerger unſeres Freundes über einen allzu freigebigen Gaſtfreund, von dem er anfangs geglaubt hatte, daß er ſein Haus nur ihm, dem berühmten Virtuoſen, geöffnet habe. Die einzige Begeben⸗ heit nämlich, die Aelian, der Zeitgenoſſe Plutarch's, vo. Stratonikos erzählt, lautet alſo:„Der Kitharöde Stratoni⸗ kos war von Jemand ſehr gefällig aufgenommen worden und freute ſich über die erhaltene Einladung um ſo mehr, als er ſich in einem fremden Lande befand, wo er keine ihm ein Unterkommnen ſichernde Verbindung hatte. Er fühlte ſich daher dem Manne höflich verbunden, der ihm ſo bereitwillig
eine Wohnung in ſeinem Hauſe gewährt hatte. Als er aber
noch einen Zweiten und einen Dritten eintreten ſah, und


