gern war der junge Mann, welcher ganz allein in Rom lebte, der Einladung des Doctor Sternberg gefolgt. Eugen fing an, ſich wieder nach deutſchem Familienleben zu ſehnen. Mit der dem Norddeutſchen eigenthümlichen Aufrichtigkeit erzählte er ſchon den erſten Abend ſeinen ganzen Lebenslauf, welcher aller⸗ dings anfangs ein ganz einfacher und harmloſer war. Eugen’s Vater lebte als einer der reichſten Kauf⸗ herren in Danzig, ſein älterer Bruder, bereits ver⸗ lobt, war Compagnon des Vaters. Eugen hatte ſchöne Wiſſenſchaften ſtudirt und wollte ſich ganz der Literatur widmen. Herr Baldinger senior gab ihm einen anſtändigen Jahrgehalt und freute ſich an dem Streben ſeines Sohnes, welcher jetzt zu ſeiner Aus⸗ bildung reiſte und ſich bereits durch einige Gedichte und Novellen, welche von Genialität Zeugniß ablegten, in weiteren Kreiſen ehrenvoll bekannt gemacht hatte.
Als Eugen ſich ziemlich ſpät von der Familie Sternberg verabſchiedet hatte, erklärte dieſe einſtim⸗ mig, es ſei ihnen, als hätten ſie dieſen angenehmen jungen Mann ſchon ſeit langer Zeit gekannt. Nur Cornelia ſchwieg; als der Doctor Sternberg neckend fragte:„Nun, weshalb haben Sie kein Wort über Herrn Baldinger zu ſagen?“ entgegnete ſie kühl: „Ich finde ihn natürlich auch ganz wohlerzogen, und werde mit Intereſſe ſeine Novellen leſen; ich bin be⸗ gierig, zu erfahren, was ein Menſch ſchreiben kann, welcher offenbar ſo wenig erlebt hat, wie Herr Bal⸗ dinger.“
„Sie haben Recht, Cornelia; die Phantaſie und das ſchriftſtelleriſche Talent werden dabei thätiger ge⸗ weſen ſein, als die Lebenserfahrung. Aber ach, wenn er aus ſeinen Erfahrungen und Erlebniſſen Mitthei⸗ lungen zu machen haben wird, nimmt er ſchwerlich mehr mit derſelben Freudigkeit die Feder in die Hand, wie jetzt. Die Schule, welche der Schrift⸗ ſteller durchzumachen hat, um als Dramatiker oder Romanſchriftſteller bedeutend zu werden, iſt hart und ſchwer!“
Thereſe, welche anfangs durch ihre Schwäche den Eltern große Beſorgniſſe eingeflößt hatte, erholte ſich nach und nach, die weiße Roſenknospe hatte ſich in eine lieblich aufblühende blaßrvthe Roſe verwandelt, und wo ſie ſich zeigte, folgten ihr bewunderungsvolle Blicke. Eugen Baldinger bewies Thereſen viel Auf⸗ merkſamkeit und zuweilen fuhr der zärtlichen Mutter ein Gedanke durch den Kopf, wie ihn viele Mütter hegen, wenn ſie die Zunkunft ihrer Töchter in's Auge faſſen. Frau Sternberg glaubte in Thereſens Herzen den Keim einer tiefen, wahren Neigung zu Eugen zu ſehen. Jetzt begann Frau Sternberg den jungen Mann zu beobachten: die Mutterliebe, ſo mächtig
Novellen⸗
Zeitung.
ſie auch iſt, täuſchte ſie nicht, ſie entdeckte, daß Eugen
ſich ſeit Kurzem weniger ſür Thereſen intereſſirte, weil
er ſeine Aufmerkſamkeit hauptſächlich“ Cornelia zu⸗ wandte, obgleich er viel zu viel Tact beſaß, um die beiden anderen Damen deshalb' zu vernachläſſigen. Wenn er eintrat, begrüßte er zuerſt die Hausfrau, dann Thereſe, zuletzt Cornelia, allein auf ihrem Antlitz blieb ſein Blick am längſten haften; er ſprach wenig mit ihr, aber das Bedeutendſte; er appellirte an ihr Urtheil, wenn er von einer literariſchen Arbeit ſprach, welche er eben unter der Feder hatte, und
auch Doctor Sternberg gab zu, daß ihre Anſichten
faſt immer die richtigen waren und daß ſie viel Ge⸗ ſchmack und pſychologiſchen Scharfblick beſaß. † Einige Abende hatte ſich Eugen nicht bei Stern⸗ bergs ſehen laſſen, ſchon wollte Doctor Steriberg gehen, um ſich nach deſſen Befinden zu erkuntigen, als der Vermißte plötzlich eintrat. Thereſe eu fhene der Doctor ging dem Gaſte freundlich entgegen, die Hausfrau rief der Dienerin zu:„Noch eine für Herrn Baldinger;“ nur Cornelia, welche an nem Netze ſtrickte, bewegte raſch die Filetnadel und grüͤßte
als er ihr gegenüber ſaß. Entweder, ſo ſchi es, hatte ſie geträumt, oder ſie war ſehr verlegen.
auf Cornelia, ſie dachte an Dockor ſeufzte.
„Wo haben Sie denn geſtecken, Sinor En⸗ genio?“ fragte der Doctor.„Wiſſen Sie vohl, daß wir Sie acht Tage lang nicht geſehen hahn, weder bei uns, noch ſonſt wo; waren Sie eta krank? Und warum ließen Sie es uns nicht wiſſe?“
„Nur zwei Tage war ich von heftige Kopfweh geplagt,, doch ich will Ihnen den Griid meines Fernbleibens, das Sie ſo gütig bemerkt lben, gleich mittheilen. Zuerſt habe ich Briefſchuln bezahlt, dann an einem Roman gearbeitet, der m unter der Feder ſelbſt ſo intereſſant wurde, daß iemich nicht davon loszureißen vermochte. Doch haln Sie mich nicht für eitel, glauben Sie nicht, ich ſin die Ge⸗ ſchöpfe meiner eigenen Phantaſie verlief Ich habe dem Roman eine Geſchichte aus der Aklichkeit zu Grunde gelegt, denn obgleich meine Hiin durchaus kein Engel iſt, ſo wird ſie für ihr halhnfreiwilliges Vergehen doch ſo hart geſtraft, daß anfam Ende ſie mehr beklagt, als verdammt.“
„Dürfen wir die Geſchichte erfahn, dinger?“ fragte Frau Sternberg. 4
„Gern, wenn es Sie intereſſt,“ erwiderte Eugen und begann:
In einer Gegend von Norddetſchnd lebte
err Bal⸗


