Jahrgang 
27-52 (1867)
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der reich an Verirrungen und Thorheiten, glücklicher⸗ weiſe aber frei von Schlechtigkeiten iſt.

Genug, ſagte Suſanne, ihrem Verlobten liebe⸗ voll in's Auge ſehend,die Vergangenheit liegt hinter uns und ich habe genügende Beweiſe von Deiner Liebe, um überzeugt ſein zu können, daß ich an Deiner Seite einer glücklichen Zukunft entgegen gehe.

Am anderen Morgen reiſten die beiden jungen Mädchen mit Thalheim nach Hamburg ab, während Georg den Weg nach dem nordweſtlichen Deutſchland einſchlug.

Es war eine finſtere Nacht und in dem Erdge⸗ ſchoß eines abwärts von der Landſtraße gelegenen Edelhofes drang aus einem dichtverhangenen Fenſter ein matter Lichtſtrahl. Ein Kranker lag im Hinter⸗ grunde des Zimmers und ein alter Diener ſaß am Fußende des Bettes ſchweigend und nachdenkend, indem er nur von Zeit zu Zeit aufhorchte, wenn der Ster⸗ bende nach einer Pauſe immer wieder von Neuem zu ſtöhnen und ſich unruhig auf ſeinem Lager hin und her zu werfen begann.

Johann, ſagte der Mann im Bette endlich mit matter Stimme,wie lange iſt es ſchon her, daß Du den Brief an ihn abſchickteſt?

Acht Tage, gnädiger Herr.

Acht Tage und noch nicht hier! Soll ich denn ſterben, ohne mich mit ihm verſöhnt zu haben! Iſt es denn nicht mein Bruder und hat unſer Vater denn nicht zur Liebe und Eintracht gemahnt? Wie werde ich vor dieſen treten und ihm Rechenſchaft ablegen können! Sprich, Johann, bin ich nicht gegen meinen Bruder Georg zu hart geweſen?

Sie hätten ihn nicht ſo ohne Weiteres von ſich ſtoßen ſollen, als er ſich dem Leichtſinn und der Ver⸗ ſchwendung in die Arme warf; Herr Georg wäre vielleicht umgekehrt, wenn Sie ihm noch einmal ge⸗ holfen hätten er hatte kein böſes Herz, er war nur durch ſchlechte Geſellſchaft verführt.

Wahr, wahr, er hatte kein böſes Herz, ſouſt würde er nicht noch vor acht Wochen an mich ge⸗ ſchrieben und den Wunſch ausgeſprochen haben, ſich mit mir zu verſöhnen. O, wenn er doch käme, bevor ich ſterbe, ich bin ja vom Herzen zu dieſer Verſöh⸗ nung bereit!

Während der Kranke dieſe Worte ſprach, horchte er plötzlich geſpannt auf.

Er iſt es! Er iſt es! rief er und richtete ſich erwartungsvoll in die Höhe.

In der That ließ ſich auch das Geraſſel eines

Wagens hören, der vor dem Portal ſtill hielt, un d

der alte Johann eilte hinaus. Einige Minuten darauf öffnete ſich wieder die Thüre, und im nächſten Augen⸗

Novellen⸗Zeilung.

blicke ſtand Georg ernſt und ſchweigend, aber tiefe Wehmuth in den Zügen, am Bett ſeines Bruders.

Dieſer lächelte befriedigt.So lange hat alſo doch mein ſchwaches Lebenslicht ausgehalten, bis ich Dich wiedergeſehen, ſprach er ſanft.Reiche mir Deine Hand, Georg, blicke mir in's Auge und ſage mir, ob Du mit mir verſöhnt biſt?

Aus vollem Herzen, antwortete dieſer,ich trage ja die Hauptſchuld ich machte Dir ſo vielen Kummer.

Genug, genug, lispelte der Sterbende.Laß uns nicht rechten jetzt kann ich vor unſeren Vater treten und ihm ſagen, daß wir als liebende Brüder geſchieden ſind. Georg, Dein iſt dieſes Erbe ſei glücklich lebe wohl o, mein Gott! und der Kranke ſank in die Kiſſen zurück und hatte aus⸗ gerungen.

Drei Tage darauf wurde die Leiche in der Fa miliengruft beigeſetzt und Georg that die nöthigen Schritte, um ſich als Erben zu legitimiren.

die Verwaltung des Gutes, während er ſelbſt wieder nach Hamburg zurück reiſte. Dort fand er bereits eine bejahrte Verwandte des Herrn von Thalheim, welche auf deſſen Bitten die Heimath verlaſſen hatte, um bei Emma Mutterſtelle zu vertreten. Es verſteht ſich wohl von ſelbſt, daß auch Suſanne unter den Schutz der würdigen Dame geſtellt wurde u ihrer Freundin blieb. Außerdem umgab Georg die⸗ ſelbe auch noch mit einer Anzahl trefflicher Lehrer, und in Jahr und Tag hatte ſich das junge, von der Natur ſo reich begabte Mädchen alle jene Bildung angeeignet, welche das Leben in den höheren Kreiſen der Geſellſchaft bedingt. Der Frühling war wieder erſchienen, als eines Tages ein Doppelpaar in der Katharinenkirche getraut wurde. Dieſer Trauung wohnte auch Meiſter Stich nebſt ſeiner Gattin in tiefer Rührung bei. Als der feierliche Act beendet und man in die Wohnungen der beiden jungen Frauen

zurückgekehrt war, hielten bereits zwei Poſtchalſen dor

der Thüre. b

Es bleibt alſo dabei, ſagte Suſanne, ihre Freundin zum letzten Male umarmend,in ſechs Wochen

In ſechs Wochen ſehen wir uns wieder, ant⸗ wortete Emma, und beide junge Frauen ſchlüpften in die bereit ſtehenden Wagen, die Poſtillone trieben die Pferde an und fort vollten die Glücklichen nach verſchiedenen Richtungen der neuen Heimath zu.

Dann

übergab er dem alten Johann bis zu ſeiner Rückkehr

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