Jahrgang 
27-52 (1867)
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774 Novellen⸗Zeilung.

Cornelia fuhr ſich mit der Hand an das Herz, es pochte ungeſtüm, ihr Geſicht ſah todtenbleich aus.

Mir iſt nicht wohl, hauchte ſie und verließ das Zimmer. Thereſe folgte ihr.

Eine halbe Stunde ſpäter ſaßen Herr und Frau Sternberg nebſt Thereſen und dem Gaſte, Herrn von Walton, beim Speiſen. Cornelia hatte ſich entſchul⸗ digen laſſen, ſie klagte über Migräne und war zu Bett gegangen. Ruhe war Alles, was ſie für Ihren Zuſtand zuträglich hielt.

Nach Tiſche begab ſich die Sternberg'ſche Familie mit Herrn von Walton in den Salon; Doctor Selten und noch einige Hausfreunde erſchienen, das Geſpräch flog luſtig auf und ab. Herr von Walton, ein Freund und Kenner von Zeichnungeu, nahm eine der herum⸗ liegenden Mappen zur Hand und betrachtete Kupfer⸗ ſtiche und Skizzen. Plötzlich ſtieß er einen Laut der Ueberraſchung aus und wandte ſich an Frau Stern⸗ berg mit der Frage:Wer hat dieſe Bleiſtiftkizze ge⸗ macht? Wer kennt das Schloß Altenfels?

Ich weiß es nicht, Herr von Walton, noch nie⸗ mals bemerkte ich dieſe Zeichnung in der Mappe, erwiderte Frau Sternberg.

Weil Du ſie ſchon lange nicht in die Hand ge nommen haſt, liebe Mama, ſagte Thereſe.Cornelia hat ſie einmal gemacht, an einem Geſellſchaftsabend, als muſicirt wurde; ſie zeichnet dann oft: Blumen, Landſchaften, was ihr eben einfällt. Ich habe es ſelbſt geſehen.

Und wer iſt dieſe Cornelia? fragte Walton weiter,ſie muß in Altenfels geweſen ſein.

Fräulein Cornelia Harder, ſelbſt noch ein junges Mädchen, die Gouvernante meiner Tochter; ſie iſt heute unwohl, ſonſt würden Sie Cornelien ſehen.

Jung iſt ſie? Schön? Woher iſt die Dame?

Sie mag zweiundzwanzig Jahre haben und iſt mehr anziehend, als ſchön. Ihr Vater iſt längſt todt, auch ihre Mutter ſchon ſeit drei Jahren nicht mehr unter den Lebenden. Ein uns bekannter, achtbarer

Geiſtlicher empfahl ſie uns.(Fortſetzung folgt.)

Unter der Fremdherrſchaft.

Hiſtoriſche Erzählung von Carl von Keſſel. (Schluß.) Auch der edle Perthes und der ihm in männ⸗

licher deutſcher Geſinnung gleichſtehende Mettlerkamp mußten flüchten, denn ſie ſtanden auf der Proſcrip⸗

tionsliſte und würden, wären ſie in Davouſt's Hände gefallen, unfehlbar dem Tode geweiht geweſen ſein. Perthes ging mit ſeiner Familie zunächſt nach Holſtein und als er auch hier nicht ſicher war, begab er ſich zu ſeinem Freunde Mettlerkamp nach Mecklenburg, wo ſich die Reſte der Hamburger Bürgerwehr geſammelt hatten, mit denen ſich dann die aus zwei Bataillonen und acht Schwadronen beſtehendehanſeatiſche Legion vereinigte, um bald an dem nun allgemein entbrannten Kampfe gegen Napoleon lebhaften Antheil zu nehmen.

Aber das grauſame Wüthen Davouſt's fand

endlich auch ſeine Grenzen. Die Macht Napoleons

lag zertrümmert und bereits in den erſten Tagen des Mai im Jahre 1814 war durch Vermittelung eines von Paris abgeſandten franzöſiſchen Generals mit Bennigſen wegen der Uebergabe der belagerten Stadt unterhandelt worden. Am 12. Mai erſchien General Gerard und leitete an Davouſt's Stelle den allmä⸗ ligen Abzug der Franzoſen ein und am 26. Mai machte endlich der alte hamburgiſche Senat bekannt,

daß er wieder in Amt und Würden eingetreten ſei.

Zum erſten Male machte ſich in der alten Reichs⸗

ſtadt wieder ausſchließlich ein deutſches Weſen geltend,

der Schutt und der Schmutz wurden aus den Straßen fortgeräumt, die Thore waren wieder geöffnet und von allen Seiten zogen die Vertriebenen ein. Freilich

fehlten dabei Viele, aber bei dem allgemeinen Jubel bemerkte man die Thränen nicht, welche im Stillen

vergoſſen wurden. Am 31. Mai feierte Hambirrg endlich ein großartiges Feſt. An der Spitze der Ruſſen, der Bürgergarde und eines Theiles der Legion zog General Bennigſen in die befreite Stadt. Jung

und Alt war auf den Beinen und während die Sol⸗

daten bei dem dichten Gedränge kaum vorwärts zu marſchiren vermochten, wurden ſie mit donnernden Hurrahs empfangen, und Kinder und Frauen drängten ſich durch die Reihen, um hier einen Bruder, dort den Mann oder den Bräutigam zu begrüßen.

Als dieſes ergreifende Schauſpiel vorüber war, ſtanden zwei junge Männer Legionärs nachdem ſie die großen Bleichen durchſchritten, einen Augen⸗ bilck auf dem Jungfernſtieg vor einem anſehnlichen Hauſe ſtill.

Erinnern Sie ſich wohl noch des 24. Februar im verfloſſenen Jahre? fragte der Eine, in welchem wir Georg erkennen.

Gewiß, entgegnete Thalheim,es war ein toller, verwegener Streich und ich glaube, wenn ſich die rechten Leute gefunden hätten, wir würden ſchon da⸗ mals die Franzoſen zur Stadt hinausgejagt haben.

Ja, wenn der reichſtädtiſche Zopf nicht geweſen wäre, und geben Sie Acht, der wird ſich auch jetzt