————
— ů--——
Novellen
ließen Sternbergs, wie jedes Jahr, auch diesmal die Stadt. Das Ehepaar und auch Thereſe freuten ſich, Cornelia bei ſich zu haben, denn Eduard fehlte, und Doctor Selten, welcher früher faſt täglich auf das Landhaus gefahren war, zeigte ſich dieſen Sommer nicht häufig. Zwei bedenklich kranke Freunde hielten ihn in der Stadt feſt.
Sternbergs beklagten ſehr oft des Dockors Ab⸗ weſenheit, auch Thereſe vermißte den lieben Onkel, wie ſie Selten nannte, Cornelia dagegen war inner⸗ lich herzlich froh, daß der kluge, ſcharf beobachtende Arzt nicht viel zu Sternbergs kam. Sie hatte ihm gegenüber das Gefühl, welches nervöſe Naturen vor Annäherung eines Gewitters haben; ſie konnte ſich einer unerklärlichen, aber deshalb nicht geringeren Furcht vor dem Arzte nicht erwehren. Sie dachte zuweilen, er müſſe früher oder ſpäter einen Einfluß auf ihr Schickſal haben, einen unheilbringenden. Je⸗ doch, gewohnt ſich zu beherrſchen, begegnete ſie dem Doctor Selten mit großer Artigkeit und dem freund⸗ lich⸗reſpectvollen Vertrauen, welches ſie dem berühmten Arzt und Hausfreund der Familie Sternberg ſchuldig zu ſein glaubte.
Im Spätſommer kam Eduard während der Ferien nach Hauſe und wurde von den Eltern und der Schweſter mit herzlichem Jubel, von Cornelia mit einer Art von Zurückhaltung empfangen, welche nur er bemerkte; die Seinigen waren zu ſehr mit ihrer eigenen Freude beſchäftigt. Als er am andern Morgen in aller Frühe ihr im Garten begegnete, ſagte er halb traurig:„Was haben Sie denn gegen mich, Fräulein Cornelia? Sind Sie nicht mehr meine Freundin, daß Sie mich ſo kalt empfangen haben?“
„O, Eduard,“ ſprach ſie und warf ihm einen Blick zu, bei welchem er erröthete,„wie können Sie mich für ſo unbeſtändig halten? Konnte ich, die Fremde, Verwaiſte, in den glücklichen Familienkreis treten, der Sie geſtern umgab?“
„Die Fremde, die Verwaiſte, ſagen Sie? Fühlen Sie ſich denn noch immer im Hauſe meiner Eltern fremd? Wenn Sie geſtern gehört hätten, mit welcher Wärme mein Vater und meine Mutter von Ihnen ſprachen! Sie ſehen in Ihnen eine liebe Tochter; wollen Sie denn durchaus den Meinigen fremd bleiben?“
„Ich? O nein, gewiß nicht. Doch jetzt erzählen Sie mir von Berlin, von Ihren Studien, Ihren Bekanntſchaften; waren Sie viel in Familien?“
„Halt, halt! Sie fragen viel auf einmal, Cor⸗ nelia; zuerſt vill ich von meinen Studien reden. Meine wenigen Zekanntſchaften unter den Studenten werden Sie kaum intereſſiren, da Sie dieſelben nicht kennen; in Familien war ich wenig⸗“
„Zeitung. 4
„Wie, Sie haben nicht einmal die Briefe an alte Bekannte Ihres Papa's abgegeben oder abge⸗ ſandt?“
„Doch allein die erſte Familie beſtand aus einem Ehepaar und verſchiedenen Backfiſchen, die mich ver⸗ gnügt anlachten, weil ſie in mir einen Tänzer witter⸗ ten; die Eltern ſahen vielleicht ſchon den künftigen Schwiegerſohn in mir. Die zweite Familie bildete ein gelehrter Mann, der aber nie ohne ſeine alberne Frau und ſeinen noch alberneren Jungen zu ſehen war; die dritte hatte Trauer: dem liebenswürdigen Herrn v. Walton war eben ein Bruder geſtorben.“
Cornelia war bei den letzten Worten bleich ge⸗ worden, ſie faßte Eduard's Arm und fragte raſch: „Ein Bruder? Der ältere oder der jüngere?“
„Das kaunn ich nicht ſagen; kennen Sie Wal⸗ tons?“—
„Ich? O nein; ich war nie in Berlin.“
„Waltons lebten früher auch nicht dort, ſondern in Mitau. Woher wiſſen Sie, daß Herr von Waltou zwei Brüder hatte?“
„Ich weiß gar nichts von dieſer Familie; mit
Mann, der ſeinen Bruder betrauert, ſich wenigſtens noch eines Bruders erfreuen kann.“
„Ein Bruder iſt Herrn von Walton noch ge⸗ blieben, allein ich weiß nicht, ob der ältere oder der jüngere. Doch was iſt Ihnen? Sie ſind ſo blaß, Sie beben?“—
„Ein leichter Schwindel, ich leide zuweilen daran; geben Sie mir den Arm, wir wollen ein wenig um⸗ hergehen, bald wird mir beſſer ſein.“—
Die erſte Hälfte ſeiner Ferienzeit brachte Eduard auf dem Landſitze ſeiner Eltern zu; die zweite in der Stadt, denn ihm zu Liebe kehrten ſie ſchon gegen Ende September dahin zurück. Cornelia ſprach oft allein und lange mit Eduard in dem geſchwiſterlich traulichen Tone, welcher für einen jungen Mann ſehr
reich und nicht ſeine Schweſter iſt; vor Zeuge nahm ſie ſich kalt und höflich gegen den Sohn des Hauſes. 4
Als Eduard ſie fragte, warum ſie in Gegenwart Anderer ſich ſo fremd gegen ihn zeige, entgegnete ſie: „Ich würde Ihnen meine Gründe ſagen, wenn ich darauf rechnen könnte, daß Sie meine Mittheilung geheim dlien.
„Trauen Sie mir ſo viel Schwatzhaftigkeit und ſo wenig Charakter zu, Fräulein Harder?“ fragte der Student empfindlich.
„Im Allgemeinen bin ich überzeugt, daß Sie ſehr verſchwiegen ſind, allein vor Ihren Eltern,
meiner Frage wollte ich nur erfahren, ob der arme
96 14—
viel Reizendes hat, wenn das Mädchen hübſch, geiſt⸗
eine
gl Bau ſein


